{"id":23250,"date":"2015-05-02T18:36:22","date_gmt":"2015-05-02T18:36:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=4104"},"modified":"2021-02-21T08:47:24","modified_gmt":"2021-02-21T08:47:24","slug":"die-geschichte-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/05\/02\/die-geschichte-der-ukraine\/","title":{"rendered":"Die Geschichte der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>An der T\u00fcbinger Uni gab der Schweizer Historiker Andreas Kappeler am 29. April in seinem Vortrag\u00a0 einen \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte der Ukraine. Er erkl\u00e4rte, warum gerade das Vergangene so wichtig f\u00fcr den aktuellen Konflikt um Krim, Donbass und die Ostukraine ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner Einf\u00fchrung ruft Klaus Gestwa, Direktor des Instituts f\u00fcr Osteurop\u00e4ische Geschichte, dem voll besetzten H\u00f6rsaal in der Keplerstra\u00dfe 2 zun\u00e4chst noch einmal den Kontext der Veranstaltung ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck. Im Zuge der Maidan-Proteste und des Kampfes um die Ostukraine wurde die Vorlesungsreihe \u00fcber die Ukraine von ihm und dem Sonderforschungsbereich 923 &#8222;Bedrohte Ordnungen&#8220; ins Leben gerufen. Gerade f\u00fcr die Ukraine sei Andreas Kappeler der ausgewiesene Experte im deutschsprachigen Raum, der entgegen all der irrationalen \u00c4u\u00dferungen zum immer noch andauernden Konflikt, eine Stimme der Vernunft gewesen sei, die wieder auf den rechten Weg der Wissenschaft zur\u00fcckweise, sagt Gestwa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen m\u00e4chtigen Worten angek\u00fcndigt kann Andreas Kappeler nicht anders, als diese \u00c4u\u00dferungen zun\u00e4chst abzuschw\u00e4chen. So verweist er auf die Pluralit\u00e4t der Narrative der Geschichte. Dass es nicht eine richtige Meinung gebe, sondern viele verschiedene Narrative die gerade im aktuellen Konflikt instrumentalisiert w\u00fcrden. Diese Erz\u00e4hlm\u00f6glichkeiten der Geschichte stellt Kappeler nun in seinem Vortrag vor, wobei er immer wieder Kapitel \u00fcberspringen muss. Keine Zeit das n\u00e4her auszuf\u00fchren habe er, und man merkt, dass dieser Mann auch noch Stunden mehr \u00fcber die einzelnen Epochen halten k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Putin sagte: &#8222;Ukrainer und Russen sind ein und dasselbe Volk&#8220;<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst erkl\u00e4rt Kappeler die gemeinsame ethnische Vergangenheit der drei Ostslawischen V\u00f6lker; Russen, Wei\u00dfrussen und Ukrainer entstammen alle samt der Kiever Rus&#8216;, welche sich im Mittelalter auf dem europ\u00e4ischen Gebiet Russlands, dem Norden der Ukraine und dem gesamten Gebiet des heutigen Wei\u00dfrusslands ansiedelten. Auf diese gemeinsame Vergangenheit w\u00fcrden vor allem russische Nationalisten immer wieder verweisen. So habe Putin hinsichtlich der Eigenst\u00e4ndigkeit der Ukraine gesagt, Russen und Ukrainer h\u00e4tten die gleiche Kultur, \u00e4hnliche Sprachen und seien daher ein und dasselbe Volk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insbesondere ukrainische Intellektuelle streiten dies jedoch ab, wie Kappeler weiter ausf\u00fchrt, und verweisen auf die Neuzeit, in der die Ukraine Teil der Adelsrepublik Polen-Litauen war, und somit (im Gegensatz zu Moskau) unter europ\u00e4ischem Einfluss stand. Hier zeigen sich jedoch bereits Risse, die die Ukraine in Westen und Osten teilen. Werden in der westlichen Historiografie besonders die zivilisatorischen Fortschritte der polnischen Herrschaft gepriesen, konzentriert sich die ostukrainische Erz\u00e4hlung auf den Freiheitskampf der Kosaken unter ihrem Hetman (Anf\u00fchrer der freien Reiter) Bohdan Chmel&#8217;nyc&#8217;kyj. Diese Teilung verfestigte sich noch, als nach dem Ersten Weltkrieg im Westen der Ukraine eine Volksrepublik von Symon Petljura ausgerufen wird, die allerdings schlie\u00dflich durch die Rote Armee beendet wird, woraufhin die Ukraine zur Sowjetrepublik wird und dies bis 1991 bleibt.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Widerstandsk\u00e4mpfer oder Verbrecher?<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kollaboration von Ukrainern mit den Nazis angef\u00fchrt von Stepan Bandera w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs und deren Gedenken habe ebenso immer wieder zu Spannungen mit dem gro\u00dfen Bruder in Moskau gef\u00fchrt. 2010 wurde der zu Sowjetzeiten ermordete Bandera vom damaligen Pr\u00e4sidenten Juschtschenko rehabilitiert und erst in diesem April hatte das ukrainische Parlament Banderas Organisation UPA als Widerstandsk\u00e4mpfer erkl\u00e4rt. Dass die paramili\u00e4rischen Verb\u00e4nde auch an Verbrechen der Nazis beteiligt gewesen sein sollen, ist heute umstritten. Jedoch wei\u00dft Kappeler darauf hin, dass f\u00fcr Teile Osteuropas die Sowjetzeit als traumatischer empfunden wurde als die relativ kurze Herrschaft der Nazis.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Legt eure Brillen ab<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Fragerunde richtet sich Kappelers letzter Appell an die Zuschauer, die Brille der Deutschen abzulegen, welche durch die Aufarbeitung der Nazi-Zeit gepr\u00e4gt sei. Es sei vielmehr wichtig, zu versuchen Osteuropa in seinem eigenen kulturellen Kontext zu sehen. So seien seiner Meinung nach keine antisemitischen Organisationen in der Ukraine aktiv, wogegen in Russland offen rechtsextreme Verb\u00e4nde auf die Stra\u00dfe z\u00f6gen. Als neutraler Schweizer finde er daher die Politik der EU gegen\u00fcber der Ukrainekrise angemessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ende eines spannenden Vortrags voller Informationen \u00fcber ein wichtiges Thema, dessen Pr\u00e4senz so ein Teil des Studienalltags wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der T\u00fcbinger Uni gab der Schweizer Historiker Andreas Kappeler am 29. April in seinem Vortrag\u00a0 einen \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte der Ukraine. 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