{"id":23255,"date":"2015-06-19T14:16:12","date_gmt":"2015-06-19T14:16:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=4529"},"modified":"2021-02-21T08:34:56","modified_gmt":"2021-02-21T08:34:56","slug":"mediendozentur-die-vermessung-der-seele-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/06\/19\/mediendozentur-die-vermessung-der-seele-2\/","title":{"rendered":"Mediendozentur &#8211; Die Vermessung der Seele"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Bei der diesj\u00e4hrigen Mediendozentur sprach Prof. Miriam Meckel, Direktorin am Institut f\u00fcr Medien- und Kommunikationsmanagment an der Univerisit\u00e4t St. Gallen und Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, am Donnerstagabend im Festsaal \u00fcber die digitale Vermessung des Menschen.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rektor Bernd Engler ist nicht bei Facebook. Er sei da konservativ. Geht es nach Professorin Miriam Meckel wird ihn das auf Dauer auch nicht vor den digitalen Entwicklungen bewahren. Meckel skizziert in ihrem Vortrag \u201eDer berechenbare Mensch &#8211; Was die digitale Evolution mit unserer Individualit\u00e4t und Freiheit macht.\u201c eine d\u00fcstere Zukunftsvision, auch wenn sie selbst betont, dass sie lediglich die Entwicklungen analysiere und ein m\u00f6gliches Ziel beschreibe.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Be\u00e4ngstigende Zukunftsvision<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meckel redet schnell. Sie hat viel zu erz\u00e4hlen. Im Jahr 1901 wog der amerikanische Arzt Duncan MacDougall sechs Patienten, die im sterben lagen. Er wollte das Gewicht der Seele messen. Nachdem sie tot waren, stellte MacDougall eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 21 Gramm fest. Seine Folgerung: Die menschliche Seele wiegt etwa 21 Gramm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Seelenexperiment sei in gewisser Weise \u00e4hnlich wie heutzutage die Vermessung des Gehirns, so Meckel. Mit dem Unterschied, dass man heute keine Waagen benutzt, sondern Computer. Mithilfe von Algorithmen suche man nach Ordnungsmustern im Handeln und im Denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man sich die Entwicklung der Technik ansehe, Stichwort: Mooresches Gesetz (Komplexit\u00e4t integrierter Schaltkreise von Computern verdoppelt sich regelm\u00e4\u00dfig), k\u00f6nnte irgendwann die Singularit\u00e4t erreicht sein. Singularit\u00e4t bedeutet: Mensch und Maschine w\u00fcrden eins, der \u00dcbergang von digital und analog sei nicht mehr zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meckel pl\u00e4diert daf\u00fcr, dass man diese Diskussion ernst nehme und nicht als Spinnerei der Transhumanisten abtue.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Vor den Einbrechern am Einbruchsort<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ist das noch eine Zukunftsvision. Aber Meckel macht an einigen Beispielen deutlich, dass die Technik schon weit fortgeschritten ist. Dass pers\u00f6nliche Daten von Facebook und Co erfasst werden und dass das Verhalten analysiert wird, d\u00fcrfte niemanden mehr \u00fcberraschen. So will Amazon Produkte, die einen interessieren k\u00f6nnten, schon verschicken, bevor man sie bestellt hat. Anhand der Daten versucht man also vorauszusehen, was der Nutzer bestellen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere Beispiele, die Meckel bringt, sind zum Beispiel \u201epredictive Policing\u201c, bei der Daten von Einbr\u00fcchen abgeglichen werden. Mithilfe der erkannten Muster hofft man sozusagen schon vor dem Einbrecher am Einbruchsort zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meckel f\u00fchrt das zur Frage: \u201eWas bedeutet das f\u00fcr unser Menschenbild, f\u00fcr den Umgang mit anderen?\u201c Und zu ihrer These: \u201eDer berechenbare Mensch ist in seiner Individualit\u00e4t und Freiheit gef\u00e4hrdet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bestehe die Gefahr, dass jeder nur noch Mainstream ist. Das, was den Menschen ausmache, zumindest unser Glaube an unsere Individualit\u00e4t, unsere Urteilskraft und unsere M\u00f6glichkeit zur eigenverantwortlichen Entscheidung, sei gef\u00e4hrdet. \u201eStellen sie sich ein Navi f\u00fcr das Leben vor\u201c, allerdings eines, das einem gar nicht mehr die M\u00f6glichkeit lasse, anders zu fahren, sagt Meckel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch lebe von Differenz, ohne Differenz gebe es keine Welterfahrung. Die algorhitmusbasierten Angebote seien aber immer konservativ \u2013 man komme aus seinem Ego-Trip nicht mehr heraus.<br \/>\nNoch k\u00f6nnen Maschinen den Menschen nicht verstehen, vor allem die menschlichen Ambivalenzen. Wie k\u00f6nnte man also schon auf die M\u00f6glichkeit einer Singularit\u00e4t kommen? Meckel macht ein Beispiel: IBM habe einen Kopfh\u00f6rer erfunden, der Hirnstr\u00f6me messen kann. Mithilfe dieses Kopfh\u00f6rers k\u00f6nne man M\u00e4nnchen durch Gedanken steuern und Buchstaben schreiben. Sogar Hirnimplantate seien schon erfolgreich getestet worden. So sei eine Vernetzung von zwei Rattenhirnen \u00fcber das Internet gelungen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Wie bei Wall-E<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGedanken sind also verschiebbar, speicherbar, steuerbar\u201c, folgert Meckel. Die Technologien seien noch am Anfang, aber es werde wahnsinnig viel Geld in die Forschung investiert. Deshalb sei die Differenz als Existenzform in Gefahr. Es gebe zwar unter manchen Hirnforschern die Meinung, dass es einen freien Willen nicht gebe. Meckel pl\u00e4diert aber daf\u00fcr, dass wir zumindest die Illusion eines freien Willens f\u00fcr unseren narzisstischen Wahn brauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAnticipatory Thinking\u201c k\u00f6nnte uns diese Illusion endg\u00fcltig rauben und wir k\u00f6nnten Enden wie die Menschen in dem Film Wall-E, in dem alle fett sind, rumliegen und von Maschinen versorgt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das, was gerade passiere, sei also \u00e4hnlich wie eine Vermessung der Seele, zumindest, wenn man die Seele als die Summe ihrer Daten begreife.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Titelbild: Friedhelm Albrecht\/ Hochschulkommunikation Universit\u00e4t T\u00fcbingen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der diesj\u00e4hrigen Mediendozentur sprach Prof. Miriam Meckel, Direktorin am Institut f\u00fcr Medien- und Kommunikationsmanagment an der Univerisit\u00e4t St. Gallen und Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, am &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":248,"featured_media":4531,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,307,188],"tags":[438,1718,1719,1720,84,1721,11,1722,1723,1724,1725,1726,1727,1682,1728,1729,1730,20,1731],"class_list":["post-23255","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-uni-inside","category-wissenschaft","tag-amazon","tag-bernd-engler","tag-bernhard-poerksen","tag-daten","tag-digitalisierung","tag-facebook","tag-featured","tag-festsaal","tag-google","tag-hirnforschung","tag-macdoughall","tag-meckel","tag-mediendozentur","tag-medienwissenschaften","tag-miriam-meckel","tag-seele","tag-st-gallen","tag-uni-tuebingen","tag-wirtschaftswoche"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/248"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23255"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23938,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23255\/revisions\/23938"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}