{"id":23279,"date":"2017-12-05T17:16:39","date_gmt":"2017-12-05T17:16:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=10440"},"modified":"2021-02-20T13:49:33","modified_gmt":"2021-02-20T13:49:33","slug":"weizenbier-und-wirtschaftskritik-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/12\/05\/weizenbier-und-wirtschaftskritik-2\/","title":{"rendered":"Weizenbier und Wirtschaftskritik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>\u201eKl\u00fcger Wirtschaften: Ist weniger mehr?\u201c war das Thema der Podiumsdiskussion, die am Montagabend im Weltethos-Institut stattfand. Die zwei geladenen Referierenden, die vor circa 200 G\u00e4sten sprachen, waren Hochkar\u00e4ter der nachhaltigen Wirtschaftswissenschaften.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade in der Weihnachtszeit, wenn die Einkaufszentren und Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen vor flanierender Menschenmassen nur so platzen, beehren uns in T\u00fcbingen zwei Wirtschaftswissenschaftler, die genau diese Art des Konsums kritisieren: Prof. Dr. Edeltraud G\u00fcnther von der Uni Dresden und Prof. Dr. Niko Paech von der Uni Oldenburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Rahmen der Veranstaltungsreihe \u201eKl\u00fcger Wirtschaften\u201c, die schon Sarah Wagenknecht, Heiner Gei\u00dfler und Christian Felber nach T\u00fcbingen lockten, diskutierten sie vor eher \u00e4lterem Publikum \u00fcber nachhaltiges Wirtschaften. Im Mittelpunkt der Debatte stand Paechs ber\u00fchmtes Buch \u201eBefreiung vom \u00dcberfluss \u2013 Weg in die Postwachstums\u00f6konomie\u201c (2012), welches angesichts hervorragender Konsumstimmung und Rekordh\u00f6henfl\u00fcge des DAX nicht an Aktualit\u00e4t verloren zu haben scheint.<\/p>\n<h3><strong>\u201eDer deutsche Mann will eine Bohrmaschine\u201c<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnser Wirtschaften zerst\u00f6rt unsere Lebensgrundlagen\u201c, sagt Prof. Dr. G\u00fcnther von der Uni Dresden. Auch wenn sie in den Methoden nicht immer mit Paech \u00fcbereinstimmt, sieht sie die gleichen Probleme, denen wir uns in Zukunft stellen m\u00fcssen: Klimawandel, sinkende Biodiversit\u00e4t, intensive Landnutzung, Bodenversiegelung. Und obwohl wir alle wissen, dass wir zu Lasten kommender Generationen und der \u00e4rmeren L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens leben, \u00e4ndert kaum einer seinen Lebensstil. G\u00fcnther macht hierf\u00fcr den NIMBY-Effekt (Not In My BackYard-Effekt) verantwortlich: Wir seien zeitlich und r\u00e4umlich entgrenzt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10443\" aria-describedby=\"caption-attachment-10443\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10443 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kl\u00fcger-wirtschaften_Paech_G\u00fcnther_cFelix-M\u00fcller-7_preview-1010x672.jpeg\" alt=\"\" width=\"1010\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10443\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. G\u00fcnther \u00fcber die Thesen in Paechs Buch.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo wir aber weder Bescheidenheit noch Verzicht pflegen, sind wir uns sogar noch f\u00fcrs Teilen zu bequem. G\u00fcnther bringt das Beispiel der Bohrmaschine: Der durchschnittliche Konsument ben\u00f6tige sie nur wenige Minuten im Jahr, doch trotzdem scheint sie ein unverzichtbares Gut im Leben eines jeden Mannes zu sein. Die L\u00f6sung k\u00f6nne nur ein Umdenken bei Verbrauchern, Unternehmen, Politikern und (ja auch!) Wirtschaftswissenschaftlern sein. \u201eSouver\u00e4n ist nicht wer viel hat, sondern wer wenig braucht\u201c zitiert sie aus Paechs Buch. Eine Aussage, die alteingesessenen Wirtschaftstheoretikern die Angstfalten ins Gesicht treiben d\u00fcrfte.<\/p>\n<h3><strong>Haben wir die falschen G\u00f6tter?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paech selbst beginnt mit einem sehr philosophischen Gedanken: Woher kommt eigentlich die Legitimation von Wohlstand? Mit welchem Recht behauptet ein Konsument, dass er verdient hat, was er hat? Bei diesen Fragen holt Paech ein wenig aus, und nennt die Umrechnung von physischer Leistung in materiellen Besitz den \u201eUrsprung der Pl\u00fcnderung\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als zweiten Aspekt kritisiert er den Zwang unseres heutigen Wirtschaftssystems so schnell so viel Gewinn als m\u00f6glich zu machen. G\u00fcnther treibt diese Problematik in der Diskussion auf den H\u00f6hepunkt: \u201eWenn ich depressiv bin und zum Psychologen muss, steigere ich das Bruttoinlandsprodukt!\u201c. Ein trauriger, aber treffender Gedanke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau dies f\u00fchre zu einer Fokussierung und \u00dcberinterpretation auf \u201emagische Zahlen\u201c, wie zum Beispiel dem BIP. Man lege dadurch auf den gegenw\u00e4rtigen Absatz und Konsum mehr wert, als auf den zuk\u00fcnftigen. Paech erkl\u00e4rt dies an einem Beispiel: Lieber trinke man heute ein Weizenbier, als in vier Wochen. Auf den ersten Blick ein sehr nachvollziehbarer und trivialer Ansatz, doch auf den zweiten Blick steckt mehr dahinter. Wer sagt denn, dass wir in vier Wochen noch Weizenbier trinken k\u00f6nnen? Auch aus dieser Ungewissheit, die im Neoklassischen Wirtschaftsparadigma schlicht nicht existiert, r\u00fchrt eine Affinit\u00e4t zum sofortigen Konsum her.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10446\" aria-describedby=\"caption-attachment-10446\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10446 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kl\u00fcger-wirtschaften_Paech_G\u00fcnther_cFelix-M\u00fcller-14_preview-1010x672.jpeg\" alt=\"\" width=\"1010\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10446\" class=\"wp-caption-text\">G\u00fcnther, Paech und Villhauer bei der Diskussion.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>\u201eDie Dosis macht das Gift\u201c<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Probleme sind also erkannt, selbst in den Wirtschaftswissenschaften, doch wie steht es um die L\u00f6sungen? Hier bleibt die Debatte etwas schwammig. Durch Innovationen, Nutzenintensivierung, Regionalisierung und Eigenproduktion sollen negative Externalit\u00e4ten minimiert werden. Paech macht keinen Hehl daraus, dass er ein Schrumpfen der Wirtschaft nicht f\u00fcr verwerflich h\u00e4lt. Er bezeichnet dies als \u201esch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung durch innovative Ideen\u201c. Konventionelle Industrie soll nicht abgeschafft, aber doch zur\u00fcckgefahren werden, auch zu Gunsten von Projekten, die zur Nutzenintensivierung beitragen, wie zum Beispiel Car-Sharing. Es gehe nicht darum im n\u00e4chsten Quartal doppelt so viele Autos zu produzieren, sondern mit halb so vielen gleich gut zurecht zu kommen. Oder eventuell eigene Konzepte zur Bef\u00f6rderung zu entwickeln. Statt, wie in unserer Wegwerfgesellschaft \u00fcblich, Dinge bei ersten Defekten zu entsorgen, sollen wir selbst Hand anlegen und so einerseits Ressourcen schonen und andererseits einen Bezug zu unserem Hab und Gut erlangen. Dieser Hang dazu, die \u201eEntfremdung von der Produktion\u201c durch eigenes Engagement zu bek\u00e4mpfen, zieht sich durch Paechs ganze Argumentation.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10447\" aria-describedby=\"caption-attachment-10447\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10447 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Kl\u00fcger-wirtschaften_Paech_G\u00fcnther_cFelix-M\u00fcller-13_preview-1010x672.jpeg\" alt=\"\" width=\"1010\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10447\" class=\"wp-caption-text\">Die Veranstaltung war so gut besucht, dass zwischenzeitlich sogar Einlassstop war.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Von der Subjekt- zur Objektfokussierung<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Volkswirt geht noch weiter. Im Gegensatz zur im gegenw\u00e4rtigen Diskurs vorherrschenden Meinung, bestreitet er kategorisch die M\u00f6glichkeit von Wirtschaftswachstum ohne \u00f6kologische Sch\u00e4den. Daher sei die einzige L\u00f6sung, die sich bietet, eine Drosselung des Konsums eines jeden Einzelnen. Auf die Kritik des Moderatoren Dr. Christian Gohl, dieses Zur\u00fcckfahren des Lebensstandards sei eine Zumutung f\u00fcr die B\u00fcrger, stellt Paech die Legitimation des westlichen Lebensstandards an sich in Frage. Er vergleicht seinen Ansatz mit einem Bankr\u00e4uber, dessen Beute beschlagnahmt wird, und dies als Zumutung empfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den gegenw\u00e4rtigen Trend, \u201eKonsums\u00fcnden\u201c mit einzelnen nachhaltigen Taten reinzuwaschen, vergleicht Paech mit dem Ablasshandel zu Zeiten Luthers. Ein weiterer drastischer Vergleich, der doch im Kern zutrifft: Statt den Fokus auf einzelne \u00f6kologisch sinnvolle Handlungen zu legen, gilt es Menschen und Lebensweisen anzupeilen. Auch wenn mittlerweile ein Bewusstsein f\u00fcr Nachhaltigkeit vor allem bei j\u00fcngeren Menschen vorhanden scheint, sei ein kosmopolitischer Lebensstil mit Flugreisen und internationalen Produkten doch ein erhebliches Umweltrisiko.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Frei nach Kant soll jeder Mensch behaupten k\u00f6nnen, sein Lebensstil sei angemessen, selbst wenn ihn 7,3 Milliarden pflegen w\u00fcrden. Am Ende des Tages sitzen wir n\u00e4mlich im selben Boot, auch wenn sich viele noch an Deck sonnen, w\u00e4hrend den ersten im Maschinenraum das Wasser bis zum Halse steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Felix M\u00fcller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKl\u00fcger Wirtschaften: Ist weniger mehr?\u201c war das Thema der Podiumsdiskussion, die am Montagabend im Weltethos-Institut stattfand. 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