{"id":240,"date":"2011-02-15T21:10:07","date_gmt":"2011-02-15T21:10:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=240"},"modified":"2021-02-21T14:01:33","modified_gmt":"2021-02-21T14:01:33","slug":"sich-dem-kern-des-pudels-in-schleifen-nahern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2011\/02\/15\/sich-dem-kern-des-pudels-in-schleifen-nahern\/","title":{"rendered":"\u201eSich dem Kern des Pudels in Schleifen n\u00e4hern\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #004b88;\">\u201e<strong>Schriftstellerei ist so handfest wie Pullover stricken oder Kartoffeln anbauen.\u201c &#8211; Dieses Zitat ist ein gutes Beispiel f\u00fcr Juli Zehs Schreibstil. Dieser besondere Stil enth\u00e4lt viele Metaphern und ist dadurch \u00e4u\u00dferst anschaulich. Sie ist inzwischen eine der bekanntesten Autorinnen des deutschsprachigen Raumes. Dar\u00fcber hinaus ist sie aber auch studierte Juristin. F\u00fcr das diesj\u00e4hrige Motto der Poetik- Dozentur:\u201eRecht und Literatur\u201c, ist sie deshalb genau die Richtige, ebenso wie Georg M. Osswald, Tr\u00e4ger des \u201eF\u00f6rderpreises des Freistaats Bayern f\u00fcr Literatur\u201c. Auch er ist ein erfolgreicher Schriftsteller, aber auch ein praktizierender Jurist. Diese beiden Bereiche sind keine Gegens\u00e4tze, sondern \u201ekommunizierende R\u00f6hren\u201c.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><em>Von Stephanie Rumesz<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\nJuli Zehs Vortrag war der Auftakt der Poetik-Dozentur, die von 22. bis zum 27. November in die Neue Aula lockte. In dieser bilderhaften Rede blickte Juli hinter die Kulissen und erl\u00e4uterte dabei, was f\u00fcr sie Poetik und Schreiben bedeutet. \u201eSchreiben ist ein verschriftliches Selbstgespr\u00e4ch\u201c. Oder auch: \u201ePoetik klingt immer so, als w\u00fcsste der Autor was er tut\u201c. Um es mit einer ihrer Metaphern zu sagen: \u201eEs ist wie das Anfertigen eines Eiffelturms aus Streichh\u00f6lzern\u201c. Die vielfache Preistr\u00e4gerin die auch den H\u00f6lderlin-F\u00f6rderpreis erhalten hat, will damit deutlich machen, dass Schreiben kein einfaches Unterfangen und stark mit der Person des Autors verkn\u00fcpft ist. \u201eSchreiben bewegt sich in konsequentem Sicherheitsabstand zu dem was man sagen will. Es geht darum, einen Film, der sich im Kopf abspielt, begrifflich zu machen.\u201c, so Zeh. Ein gelungener Satz ist, ihrer Meinung nach, so schwer zu finden \u201ewie eine mathematische Formel\u201c. Zu allem \u00dcberfluss leidet man unter dem \u201eLebensgef\u00fchl eines Betr\u00fcgers\u201c, weil man sich oft in den Texten nicht wiederfindet.<\/p>\n<p>F\u00fcr Juli war das aber nie ein Grund dem Schreiben den R\u00fccken zuzukehren. Die Urspr\u00fcnge ihrer Kunst liegen in Kindheitserinnerungen. So erz\u00e4hlt sie die Geschichte, wie sie als Siebenj\u00e4hrige in einem \u201eRenault 4\u201c in den Frankreichurlaub f\u00e4hrt: Vorne die streitenden Eltern und neben sich der \u201equ\u00e4kende\u201c Bruder. Vor ihr befindet sich der Meerschweinchenk\u00e4fig, der ihr an die Knien st\u00f6\u00dft, und sie leidet ungl\u00fccklicherweise noch an der Reisekrankheit. So, sagt sie, wird man zu einer \u201esiebenj\u00e4hrigen Spezialistin im Tagtr\u00e4umen\u201c. Auf diese Weise und im Laufe ihrer literarischen Karriere kommt sie zu der Ansicht:\u201eTr\u00e4umen und Schreiben sind das Gleiche.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Botschaft am Ende ihres Vortrages: \u201eWir alle sind literaturf\u00e4hige Wesen. G\u00f6tter in subjektiven Universen, die durch Gespr\u00e4che vernetzt sind.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Georg M. Osswald (47) ist das Schreiben \u00e4hnlich geartet. \u201eDie Musik der Texte und der Klang der Sprache sind wie Stimmen hinter Mauern.\u201c Und: \u201eSchreiben hatte die gleiche Rolle in meinem Leben wie ein Chemiebaukasten.\u201c Auch er sagt deutlich, dass es \u201ekeine gelungenen Geschichten ohne Fehler gibt.\u201c F\u00fcr ihn ist au\u00dferdem Engagement die wichtigste Eigenschaft eines Schriftstellers. Der Untertitel der 24. Poetik- Dozentur lautet: \u201eAufgedr\u00e4ngte Bereicherung.\u201c F\u00fcr Georg Osswald ist \u201eein engagierter Schriftsteller auch immer politisch aktiv.\u201c Auf diese Ausrichtung geht Juli Zeh ebenfalls ein, indem sie sagt: \u201ePolitsche Mitsprache ist wichtig. Es gibt sogar eine Lizenz zum Aufdr\u00e4ngen.\u201c Und: \u201ePolitik kommt ohne Kritik nicht aus.\u201c Mit dem Buch \u201eAngriff auf die Freiheit\u201c, das sie mit Ilija Trojanow (45) verfasste, m\u00f6chte sie eine \u201cverwaltete und bespa\u00dfte Herde\u201c wieder in \u201edenkende und m\u00fcndige B\u00fcrger\u201c verwandeln. Sie m\u00f6chten mit diesem \u201ekritisch geleiteten Text ohne k\u00fcnstliche Kniebeuge\u201c die Menschen wieder zur Mitgestaltung anregen. Allerdings mit \u201ebegrenzter Anwendung des Michael-Moore-Prinzips.\u201c<\/p>\n<p><strong>Um es mit Julis Worten zu sagen: \u201ePolitik ist das Tanzfeld f\u00fcr die Kunst der Zukunftsgestaltung.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Den Abschluss der Dozentur bildete eine bunte Diskussionsrunde mit den beiden Autoren und Ilija Trojanow, ebenfalls ein erfolgreicher Autor und studierter Jurist. Alle Drei beweisen, dass Juristen nicht nur gro\u00dfartige Schriftsteller sein, sondern auch politische Botschaften vermitteln, k\u00f6nnen. Die diesj\u00e4hrige Dozentur hatte nicht nur \u201eeinen therapeutischen Effekt\u201c auf sie, so Juli Zeh. Es war eine Hommage der Autoren an das Lesen, das Schreiben und, vor allem anderen, an das Denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSchriftstellerei ist so handfest wie Pullover stricken oder Kartoffeln anbauen.\u201c &#8211; Dieses Zitat ist ein gutes Beispiel f\u00fcr Juli Zehs Schreibstil. 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