{"id":2588,"date":"2014-01-13T02:11:45","date_gmt":"2014-01-13T02:11:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=2588"},"modified":"2021-02-21T12:42:47","modified_gmt":"2021-02-21T12:42:47","slug":"immersatt-immergluecklich-ganz-falsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2014\/01\/13\/immersatt-immergluecklich-ganz-falsch\/","title":{"rendered":"Immersatt? Immergl\u00fccklich? Ganz falsch."},"content":{"rendered":"<address>Kritisches Theater besticht mit Ironie und Witz. Zu sehen in: <i>Sie frisst. Ein St\u00fcck. Sieben Segmente<\/i>.Eine besondere Gruppe, welche die Liebe zur Kunst, zum Theater, zur Musik sowie zum literarischen Schreiben zusammengef\u00fchrt hat: das <i>Rohbau Kollektiv.<\/i> Sie sind allesamt Studenten aus verschiedenen Fachrichtungen mit einer Idee etwas zu unternehmen. Aus einem bekannten Kinderbuch \u00fcber eine hungrige Raupe wurde eine anspruchsvolle Adaption und Weiterf\u00fchrung. Alle haben dazu beigetragen: Jeder schrieb seine Version und diese wurden zusammengesetzt, so dass am Ende viele Perspektiven und Meta-Ebenen in einem Kaleidoskop m\u00fcndeten: <i>Sie frisst. Ein St\u00fcck. Sieben Segmente<\/i>.<\/address>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><b>Theater mit Einsatz<\/b><br \/>\nAm vergangenen Samstag war die Premiere im L\u00f6wen, die charmanteste und wohl morbideste B\u00fchne unter den B\u00fchnen T\u00fcbingens. Ein Relikt aus vergangener Zeit mit samtroten, bequemen Sitzen. Hier probte das <i>Rohbau Kollektiv<\/i> seit letzten Oktober mit vollem Einsatz auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Sie haben Spa\u00df\u00a0 aus sich heraus zu gehen und so f\u00fcr einen kurzen Moment anders, jemand anderes zu sein. Das Theater ist selbst ein gro\u00dfer Kokon. Man schl\u00fcpft in eine Rolle und wird zu einem anderen. Desgleichen zeigt sich die Umsetzung facettenreich. Elemente von Pantomime, Ausdruckstanz und Slap-Stick sowie ein Potpourri aus Gesang, Life-Musik, Licht und Video, kurz: ein Gesamtkunstwerk.<br \/>\n<b>Das Leben einer Raupe<\/b><br \/>\nZuerst das Vorspiel: Im Liebesrausch erf\u00fcllen die Schmetterlinge ihre Bestimmung. Die Frucht dieser Liebe ist ein Ei. \u201eUnd als an einem scho\u0308nen Sonntagmorgen\/ Die Sonne aufging, hell und warm,\/ Da schlu\u0308pfte aus dem Ei &#8211; knack- \/Eine kleine Raupe.\u201c Sie kommt auf die Welt. Sie f r i s s t. Verpuppt und verwandelt sich. Aus dieser Metamorphose entschl\u00fcpft: ein Schmetterling.Wie viel vertr\u00e4gt so eine kleine Raupe, wann ist sie ges\u00e4ttigt? Und wie sieht ihr Ziel aus? Ihr Ziel ist ein ferner Wunsch: \u201eWenn ich Schmetterling w\u00e4r\u00b4&#8230;\u201c<br \/>\n<b>Beginn des gro\u00dfen Fressens<\/b><br \/>\nDas st\u00e4ndige Fressen und die Suche nach Nahrung, um endlich gro\u00df genug zu sein, ist eine geschickte und subtile Inszenierung der verschiedenen gesellschaftlichen Pathologien, die heutzutage virulent geworden sind. Um einige zu nennen: Der Bildungs- und Qualifizierungswahn der Generation Praktikum, die Automatismen und Beschleunigung im Arbeitsbereich und Alltagsleben sowie die allgegenw\u00e4rtigen Kontroll- und \u00dcberwachungsmechanismen. Wie sich das konkret auswirkt, ist im St\u00fcck drastisch zu sehen: Da sitzen zwei versnobte Ehepaare zum Essen zusammen und reden von Power-Yoga und kollektiven Schuldgef\u00fchl. Das Publikum lacht dar\u00fcber, denn es erkennt sich teilweise selbst. In dieser \u00dcberspitzung liegt viel Wahres. Auch wahr ist: \u201eEssen bewusst genie\u00dfen\u201c.\u00a0 Dies gilt f\u00fcr das ganze Leben. Durch einen Haufen von sinnlich, saftig, s\u00fc\u00dfen K\u00f6stlichkeiten schmatzt sich der <i>Fresser<\/i>. \u201eDie Fleischeslust, sie packt\/ einen bei der Ansicht von diesem geilem Schinken! Ein Hinterstu\u0308ck das seinesgleichen sucht, prall und \u00fcppig\/ und nicht zu speckig zieht es einen an, und auch es\/ wird vernascht.\/ Ham Ham.\u201c Auf diese Weise das Essen zu vernichten, bedeutet, dass es uns bald selbst vernichten wird. Doch wie damit umgehen? Die Erl\u00f6sung aus diesem Teufelskreis mag nur durch die ironische Brechung gelingen, so auch im St\u00fcck: Im Hintergrund spielt sich zu pathetisch-wagnerianischer Musik eine Choreographie des Essens ab. Am Ende \u2013 geschrien \u2013 die Forderung: A b s t i n e n z!<br \/>\nWer erkennt, dass der Schmetterling nicht das Ideal, sondern ein Trugbild ist, der wird wirklich zufrieden sein k\u00f6nnen, denn: \u201eO gl\u00fccklich wer noch hoffen kann aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.\u201c<br \/>\n<b>Was bleibt?<\/b><br \/>\nZum Schluss des Abends bleibt die Gewissheit, dass ein Kinderbuch zu mehr verhelfen kann als ein L\u00e4cheln auf die Lippen zu zaubern. Wer diesen tiefsinnigen Zauber erleben m\u00f6chte, hat dazu noch am 16.\/21.\/26. Januar jeweils 20 Uhr die Gelegenheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritisches Theater besticht mit Ironie und Witz. Zu sehen in: Sie frisst. Ein St\u00fcck. 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