{"id":2641,"date":"2014-01-20T10:00:17","date_gmt":"2014-01-20T10:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=2641"},"modified":"2021-02-21T12:36:23","modified_gmt":"2021-02-21T12:36:23","slug":"kein-job-den-man-abends-an-der-garderobe-abgibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2014\/01\/20\/kein-job-den-man-abends-an-der-garderobe-abgibt\/","title":{"rendered":"Kein Job, den man abends an der Garderobe abgibt"},"content":{"rendered":"<p><i>Juliette ist 22 und kommt aus Chamb\u00e9ry, einer kleinen franz\u00f6sischen Stadt am Fu\u00df der Savoyer Alpen. Das zweite Jahr ihres deutsch-franz\u00f6sischen Masters absolviert sie derzeit in T\u00fcbingen. Letzten Sommer hat sie ein viermonatiges Praktikum in der Gedenkst\u00e4tte Buchenwald gemacht. Wir haben uns mit ihr \u00fcber ihre Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte unterhalten.<!--more--><\/i><\/p>\n<h4><strong>Juliette, du studierst mittlerweile seit 4 Monaten in T\u00fcbingen. Wie gef\u00e4llt es dir denn bislang?<\/strong><\/h4>\n<p>Es gef\u00e4llt mir hier sehr gut, was die Sprache angeht, weil ich jeden Tag deutsch sprechen kann.T\u00fcbingen ist eine sch\u00f6ne Kleinstadt: in meinen Augen ist sie typisch deutsch, oder auch fast ein bisschen els\u00e4ssisch mit den Fachwerkh\u00e4usern, dem Weihnachtsmarkt,&#8230;<br \/>\nDas deutsche Uni-System kannte ich davor gar nicht und ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass es so viele Unterschiede zu Frankreich gibt. Zum Beispiel in den Seminaren, wenn die Profs fast nichts sagen, die Studenten halten Referate&#8230; das hat mich sehr gewundert. Ich fand das total unwissenschaftlich und am Anfang war ich nicht sicher, ob ich \u00fcberhaupt was lernen w\u00fcrde. Und viele Studenten sprechen auch viel, nur um zu zeigen, dass sie viel wissen, das ist komisch.<br \/>\nAuf der einen Seite war ich also ein bisschen entt\u00e4uscht von der Uni, aber in Frankreich spricht der Prof zu viel, es ist sehr frontal \u2013 da ist Deutschland schon das andere Extrem: eine Mischung aus beidem w\u00e4re vielleicht gut!<br \/>\nAber insgesamt bin ich schon gut angekommen in T\u00fcbingen!<b><\/b><\/p>\n<h4><b>Du studierst in einem deutsch-franz\u00f6sischen Master und hast dich auf deutsche Geschichte spezialisiert. Woher kommt das gesteigerte Interesse f\u00fcr Deutschland und seine Geschichte?<\/b><\/h4>\n<p>Das kommt zum gro\u00dfen Teil daher, dass in meiner Familie Deutschland immer negativ dargestellt wurde: die Deutschen waren immer die B\u00f6sen, die Feinde. Und meine Gro\u00dfmutter aus Grenoble zum Beispiel verbindet mit Deutschland traumatische Erinnerungen aus der Besatzungszeit. Insgesamt war meine Familie immer eher in Richtung Italien orientiert, alle sprechen italienisch und es ist auch nicht so weit weg. Deshalb war mein Interesse f\u00fcr Deutschland so eine Art Opposition (lacht). Ich wollte ihre Abneigungen verstehen lernen, mich selbst mit Deutschland und seiner Geschichte auseinanderzusetzen um \u00fcber die negativen Klischees hinauszugehen.<br \/>\nUnd als ich begann, mich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, wurde mir klar, dass das alles viel vielschichtiger war, als es mir in meiner Familie erz\u00e4hlt wurde. Es gab eben nicht nur Hitler, sondern auch andere Personen wie Bismarck, Friedrich II&#8230;. Geschichte ist so vielseitig und je mehr ich mich damit befasse, desto mehr interessiere ich mich daf\u00fcr.<\/p>\n<h4><b>Du hast im Sommer ein Praktikum in der p\u00e4dagogischen Abteilung der Gedenkst\u00e4tte Buchenwald gemacht. Wie kamst du auf die Idee, an diesem geschichtstr\u00e4chtigen Ort ein Praktikum machen zu wollen?<\/b><\/h4>\n<p>Erstens wollte ich mehr \u00fcber diese traumatische Geschichte lernen, dabei interessierte ich mich in erster Linie daf\u00fcr, wie sie vermittelt werden kann und wie die einzelnen Gruppen damit umgehen, die die Gedenkst\u00e4tten besuchen.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"center\"><b><i>\u201eVergangenheit ist [\u2026] nicht nur etwas f\u00fcr die Geschichtsb\u00fccher\u201c<\/i><\/b><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Hier ist f\u00fcr mich vor allem der Bezug zur Gegenwart wichtig: Was kann man aus der Vergangenheit lernen? Denn Vergangenheit ist meiner Meinung nach nicht nur etwas f\u00fcr Geschichtsb\u00fccher, sondern auch etwas f\u00fcr Jetzt.<\/p>\n<h4><b>Waren die Verantwortlichen vor Ort erstaunt, dass du dich als Franz\u00f6sin beworben hast?<\/b><\/h4>\n<p><b><br \/>\n<\/b>Sie waren insofern nicht so erstaunt, als es viele internationale Praktikanten gibt. Au\u00dferdem ist der Vorsitzende des internationalen Buchenwald-Komitees Franzose. Ich denke, nach Auschwitz ist Buchenwald das bekannteste KZ in Frankreich, viele politischen H\u00e4ftlinge sind nach Buchenwald gebracht worden. Mein Betreuer dort konnte franz\u00f6sisch und war f\u00fcr die Besuchergruppen aus Frankreich zust\u00e4ndig \u2013 allein dass es so eine Stelle gibt zeigt, wie wichtig der Bezug zu Frankreich ist. Und deshalb war meine Wahl, gerade in Buchenwald ein Praktikum zu machen, auch nicht ganz zuf\u00e4llig.<b><\/b><\/p>\n<h4><b>Welche Aufgaben hast du w\u00e4hrend des Praktikums wahrgenommen?<\/b><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<p>In so einer Gedenkst\u00e4tte gibt es viel zu tun, es gibt viele unterschiedliche Bereiche wie das Archiv, die wissenschaftliche Abteilung,&#8230; ich war in der p\u00e4dagogischen Abteilung, wo es darum geht, die Geschichte Buchenwalds zu vermitteln und zwar im Rahmen von F\u00fchrungen und Seminaren.<br \/>\nIch habe zun\u00e4chst viel gelesen und mir Wissen zur Geschichte des Ortes angeeignet. Dann habe ich bei F\u00fchrungen hospitiert und mir \u00fcberlegt, wie ich selbst eine F\u00fchrung machen w\u00fcrde. Ich habe auch bei Seminaren mitgeholfen. Au\u00dferdem habe ich p\u00e4dagogisches Material f\u00fcr die Arbeit mit den Besuchergruppen zusammengestellt.<b><\/b><\/p>\n<h4><b>Wer waren denn die haupts\u00e4chlichen Besucher der Gedenkst\u00e4tte? Waren das haupts\u00e4chlich deutsche Schulklassen?<\/b><\/h4>\n<h4><\/h4>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, dass die meisten der Besucher Schulklassen waren.<br \/>\nInteressant war, dass auch andere Gruppen wie zum Beispiel Gewerkschaften oder Azubis die Gedenkst\u00e4tte besucht haben \u2013 mit den verschiedenen Gruppen konnte man ganz unterschiedlich arbeiten und einen unterschiedlichen Bezug zur Geschichte herstellen.<br \/>\nAn das Thema Diskriminierung und Stereotype kann man zum Beispiel ganz anders herangehen, wenn die Jugendlichen Migrationshintergrund haben und selbst schon Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"center\"><b><i>\u201eIch habe auch gelacht dort\u201c<\/i><\/b><\/p>\n<\/blockquote>\n<h4><b>Wie hat es sich angef\u00fchlt, dort zu wohnen und zu arbeiten?<\/b><\/h4>\n<p>Der Ort spricht nicht von selbst und man gewinnt fast den Eindruck, auf dem Land zu wohnen! Was der Ort bedeutet, lernt man vor allem aus B\u00fcchern.<br \/>\nMan muss sich aber auch einen gewissen Abstand schaffen. Ich habe auch gelacht dort. Ich wollte diesen Ort nicht sakralisieren. Es ist zwar ein ehemaliges KZ, aber ich lebte nicht in einem KZ, sondern in einer Gedenkst\u00e4tte, die die Aufarbeitung und die Vermittlung der Geschichte zum Ziel hat.<br \/>\nDie Arbeit in einer Gedenkst\u00e4tte ist aus meiner Sicht aber auch keine Arbeit, bei der man nach Feierabend den Kuli ablegt und nach Hause geht, sondern eine Aufgabe, die man aus einer besonderen Motivation heraus wahrnimmt und sich auch privat mit dem Thema besch\u00e4ftigt. <b><\/b><\/p>\n<h4><b>Konntest du Unterschiede in der Aufarbeitung der Vergangenheit zwischen Deutschland und Frankreich feststellen? Und wenn ja, wie \u00e4u\u00dfern sich diese?<\/b><\/h4>\n<p>Also ich habe noch nicht in einer franz\u00f6sischen Gedenkst\u00e4tte gearbeitet und kann daher keinen Vergleich anstellen. Aber ich finde die Deutschen sind ,was die Aufarbeitung der Vergangenheit angeht, viel weiter als die Franzosen. Alle Sch\u00fcler besuchen hier Gedenkst\u00e4tten, das Thema ist \u00fcberall pr\u00e4sent.<br \/>\nIn Frankreich lernt man zum Beispiel sehr viel \u00fcber die R\u00e9sistance, aber im Vergleich \u00fcber die Collaboration der Vichy-Regierung sehr wenig. Aber nat\u00fcrlich waren nicht alle Franzosen Teil der R\u00e9sistance. Auch der Algerienkrieg ist so ein Tabu-Thema, \u00fcber das kaum gesprochen wird.<\/p>\n<h4><b>Welche Chance bieten aus deiner Sicht interkulturelle Teams in der Gedenkst\u00e4ttenarbeit \u2013 oder bei der Aufarbeitung von Vergangenheit im Allgemeinen?<\/b><\/h4>\n<p>Nach meiner Erfahrung bietet die Zusammenarbeit im interkulturellen Team eine Chance, andere Sichtweisen kennen zu lernen. Jeder hat in seinem eigenen Land die nationale Sicht der Geschichte kennen gelernt, diese Perspektiven k\u00f6nnen sich aber von Land zu Land stark unterscheiden.<br \/>\nUnd vor allem sind die meisten Gedenkst\u00e4tten keine nationalen Gedenkst\u00e4tten, da meist mehrere Nationen betroffen sind. Und daher ist es auch wichtig, dass die betroffenen Nationen mit bei der Gestaltung der Gedenkst\u00e4tte ber\u00fccksichtigt werden. In diesem Zusammenhang kann man zum Beispiel internationale Seminare veranstalten.<\/p>\n<h4><b>Wo siehst du dich in 5 Jahren oder nach dem Studium?<\/b><\/h4>\n<p>Ich werde im Sommersemester meine Masterarbeit schreiben und bin dann mit meinem Studium fertig. Dann werde ich ein freiwilliges Jahr in einer weiteren Gedenkst\u00e4tte machen. Mein Traumjob w\u00e4re, tats\u00e4chlich in einer Gedenkst\u00e4tte zu arbeiten \u2013 aber es gibt leider sehr wenige bezahlte Stellen.<\/p>\n<p align=\"right\">Das Interview f\u00fchrte Katharina Spitz<\/p>\n<p align=\"right\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juliette ist 22 und kommt aus Chamb\u00e9ry, einer kleinen franz\u00f6sischen Stadt am Fu\u00df der Savoyer Alpen. 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