{"id":3619,"date":"2014-11-13T17:41:34","date_gmt":"2014-11-13T17:41:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=3619"},"modified":"2021-02-21T11:58:00","modified_gmt":"2021-02-21T11:58:00","slug":"vom-kritisieren-und-verreissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2014\/11\/13\/vom-kritisieren-und-verreissen\/","title":{"rendered":"Vom Kritisieren und Verrei\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Denis Scheck war am Sonntag zu Besuch bei Querfeldein im Ribingur\u016bmu in T\u00fcbingen. Gut aufgelegt und gewohnt provokativ war er der Erfolgsgarant des Abends und krempelte die deutsche Literaturlandschaft um, wobei er dem Publikum einen Einblick in das Leben und Leid eines Literaturkritikers verschaffte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Manier seiner Sendung betritt Denis Scheck mit einem Stapel B\u00fccher unter dem Arm den Raum und setzt sich in einem gro\u00dfen Sessel. Um ihn herum volle B\u00e4nke und St\u00fchle und erwartungsvolle Blicke. Gef\u00fchrt von den Fragen des Querfeldein-Moderators entsteht bald ein Gespr\u00e4ch, in dem das Gesicht des ARD-Literaturmagazins Druckfrisch immer mehr aufbl\u00fcht. Immer wieder unterst\u00fctzen dabei kurze Filmausschnitte aus Schecks Sendung seine Erz\u00e4hlungen. Gleich zu Beginn stellt er fest: \u201eEin Literaturkritiker besteht nur, wenn er nicht l\u00fcgt.\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Fantasy, Playboy, \u00dcbersetzen \u2013 Die Jugend<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">1964 in Stuttgart geboren, begann Denis Scheck fr\u00fch damit, sich auf der deutschen Literaturb\u00fchne einen Namen zu machen. Als 13-J\u00e4hriger gr\u00fcndete er die Literaturzeitschrift Newlands und \u00fcbersetzte neben Fantasy- und Horrorb\u00fcchern auch Interviews f\u00fcr die deutsche Ausgabe des Playboys. Ein netter Nebeneffekt sei dabei gewesen, die B\u00fccher umsonst zu erhalten, erz\u00e4hlt der geb\u00fcrtige Schwabe. Nachdem er in seiner Jugend als \u00dcbersetzer kostenfrei in einem Stuttgarter Haus samt vollem Weinkeller wohnen durfte und Honorare \u00fcber 2000\u20ac erhielt, ging Scheck davon aus, als literarischer \u00dcbersetzer reich und ber\u00fchmt zu werden. Auf den Boden der Tatsachen kam er dann w\u00e4hrend seiner Studienzeit in T\u00fcbingen zur\u00fcck, als sich pl\u00f6tzlich keiner mehr f\u00fcr das \u201earrogante und elit\u00e4re Arschloch\u201c, wie Scheck sein damaliges Selbst bezeichnet, interessierte. Mit einem Augenzwinkern f\u00fcgt er hinzu: \u201eViele meinen, ich h\u00e4tte mich seither nicht ge\u00e4ndert.\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Was ist gro\u00dfe Literatur?<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Frage beantwortet der Literaturkritiker fast schon, als sie noch nicht ganz ausgesprochen war: \u201eGro\u00dfe Literatur ist f\u00fcr mich ein Text, der mich zwingt, in eine neue Richtung zu blicken und Perspektiven wahrzunehmen, die man bisher freiwillig nicht eingenommen hat.\u201c Als Beispiel zieht er die Kafka-Biografie Reiner Stachs heran, deren letzter Band nach 18 Jahren Arbeit dieses Jahr ver\u00f6ffentlicht wurde. \u201eIch dachte, Kafka sei ein 1 Meter 60 gro\u00dfes M\u00e4nnle aus Prag gewesen, das kritzelte und fr\u00fch starb. Stach zeigte mir, dass Kafka 1,81 gro\u00df, bei den Frauen beliebt war und mit 40 von ihnen Sex hatte. Das hat mir den Kopf zurechtger\u00fcckt.\u201c Literatur sei au\u00dferdem die Befreiung schlechthin, die einen in die Haut eines anderen schl\u00fcpfen l\u00e4sst.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Alte Schlachtr\u00f6sser und ethnisch-disperse Autoren<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gegenwartsliteratur Deutschlands bezeichnet Denis Scheck als reich und vielf\u00e4ltig, was vor allem daran liegt, dass zum ersten Mal vier Generationen gleichzeitig schreiben. Darunter \u201ealte Schlachtr\u00f6sser\u201c, beispielsweise G\u00fcnther Grass, die vielen Zuwanderer, die zu schreiben beginnen, und Unterhaltungsliteraten auf Niveau, wie Walter Moers, Cornelia Funke oder Frank Sch\u00e4tzing. \u201eWir haben eine Vielfalt in der Literatur, wie sie noch nie da war\u201c, ist sein Res\u00fcmee. Diese Einsch\u00e4tzung Schecks verdeutlicht sich, als er in der zweiten H\u00e4lfte des Abends einige seiner jetzigen Favoriten vorstellt, darunter B\u00fccher wie die Pfaueninsel von Thomas Hettche oder Kruso von Lutz Seiler.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Druckfrisch \u2013 lustig, locker, anders<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Denis Schecks Druckfrisch eine etwas andere Literatursendung ist, verdeutlicht sein Ziel, die vorherrschende Ernsthaftigkeit vom Genre der Literaturkritik zu nehmen. Dies wird durch Lockerheit und Provokation durchzusetzen versucht. Ein Bestandteil davon sind die immer wieder eingebauten Gags mit Wasser, die nach einem nicht eingeplanten Sprung Schecks in das Hafenbecken von Nizza entstanden. Au\u00dferdem tr\u00e4gt er in jeder Situation einen Anzug, auch wenn er sich zu einem Interview mit dem Autor Kristof Magnusson in einen Whirlpool setzt. \u201eSolange Reich-Ranicki lebte, musste ich etwas anderes machen und die Figur des Literaturkritikers ironisieren\u201c, erkl\u00e4rt Scheck diese Stilelemente seiner Sendung.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eBestseller sind der kleinste gemeinsame Nenner des Massengeschmacks\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literaturkritiker gibt es, weil jedes Jahr \u00fcber 90.000 Neuerscheinungen herausgegeben werden und f\u00fcr diese \u201eFlutwelle von B\u00fcchern\u201c, wie Scheck das nennt, Orientierungsm\u00f6glichkeiten gegeben werden m\u00fcssen. Bestsellerlisten seien dabei nicht ernst zu nehmen, denn \u201edie besten B\u00fccher sind keine Bestseller, oder will man, wenn man gut essen geht, eine der zehn meistverkauften Mahlzeiten haben?\u201c Genau so seien Literaturpreise oft Irrwege. Zur Verdeutlichung f\u00fchrt Scheck auf, dass es in Deutschland \u00fcber 700 Literaturpreise gibt. \u201eSo viele, dass selbst ich einen bekommen habe.\u201c Auch der Nobelpreis bleibt von ihm nicht verschont. Er \u00e4rgert sich dar\u00fcber, dass \u201eetwas so vielschichtiges und komplexes wie die Literatur\u201c mit einem einzigen Preis bedacht werden kann und das die Jury nur aus f\u00fcnf, auf Lebenszeit gew\u00e4hlten \u201eRollatorenwettl\u00e4ufern\u201c besteht.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Vom Brechtbau und E-Books<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Fragerunde zum Abschluss des Literaturabends richtet sich das Interesse auf einen aktuellen Diskurs, n\u00e4mlich den Sinn von E-Books. Denis Scheck hat dabei eine besondere Meinung. Ihm ist es egal, ob ein Buch als E-Book oder auf Papier verkauft wird: \u201eMir ist der Inhalt wichtig! Das E-Book wird die Welt der Literatur nicht neu erfinden.\u201c Es \u00fcberrascht allerdings nicht, dass das Publikum auch Fragen zur T\u00fcbinger Studienzeit des Literaturkritikers stellt. So wird Scheck, der in T\u00fcbingen unter anderem Germanistik studierte, \u00fcber den damaligen Zustand des heute ber\u00fcchtigten Brechtbaus befragt. \u201eEr war zu meiner Zeit schon h\u00e4sslich, aber wir haben auch nichts zur Versch\u00f6nerung beigetragen\u201c, antwortet er und f\u00fcgt dann ein Zitat von Robert Gernhardt hinzu: \u201eDich will ich loben, H\u00e4ssliches, \/ Du hast so was verl\u00e4ssliches.\u201c Danach war das Programm zwar beendet, aber der Abend noch lange nicht vorbei. Noch einige Zeit stand der Literaturkritiker Denis Scheck den Besuchern Rede und Antwort, au\u00dferdem verkaufte und unterschrieb er die von ihm mitgebrachten B\u00fccher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Druckfrisch zum Anschauen: <a href=\"http:\/\/www.daserste.de\/information\/wissen-kultur\/druckfrisch\/index.html%20\">http:\/\/www.daserste.de\/information\/wissen-kultur\/druckfrisch\/index.html <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denis Scheck war am Sonntag zu Besuch bei Querfeldein im Ribingur\u016bmu in T\u00fcbingen. 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