{"id":3912,"date":"2015-01-19T12:54:08","date_gmt":"2015-01-19T12:54:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=3912"},"modified":"2021-02-21T08:56:38","modified_gmt":"2021-02-21T08:56:38","slug":"einer-muss-aufgeben-sonst-ist-bald-wirklich-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/01\/19\/einer-muss-aufgeben-sonst-ist-bald-wirklich-krieg\/","title":{"rendered":"\u201eEiner muss aufgeben, sonst ist bald wirklich Krieg&quot;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>In der Ostukraine wird gek\u00e4mpft. Die eine Seite bilden ukrainische Truppen verb\u00fcndet mit Freiwilligenmilizen, die andere von Russland unterst\u00fctzte Milizen und \u2013 was Moskau bestreitet &#8211; russische Truppen. Die letztgenannte Seite will die Ostukraine vom Rest des Landes abspalten und in die russische F\u00f6deration eingliedern; die ukrainische Armee will dies verhindern. Die K\u00e4mpfe begannen im Februar letzten Jahres; angesichts der stetigen Eskalationen sprechen (sp\u00e4testens) seit August 2014 viele von einem Krieg.\u00a0<\/strong> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere pers\u00f6nliche Sicht auf das Geschehen haben die T\u00fcbinger Studierenden namens <strong>Nikita Timofeev-Zakharov<\/strong> und <strong>Vlad Lensky<\/strong>; sie sind in Russland beziehungsweise der Ukraine aufgewachsen.\u00a0 Im Interview sprechen sie \u00fcber ihre Ansichten, ihre Verwandten und Freunde aus der Heimat und auch davon, was in den gro\u00dfen Medien ihrer Herkunftsl\u00e4nder zum Thema verbreitet wird.<\/p>\n<h5>Kupferblau: Nikita\/Vlad, was genau passiert in der Ostukraine?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nikita Timofeev-Zakharov:<\/strong> Ich sehe dort eine Krise, die sich immer weiter zuspitzt. Wenn nicht eine der beiden Parteien bald aufgibt, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Krieg sein. Und das will niemand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vlad Lensky:<\/strong> Laut den ukrainischen Journalisten herrscht dort \u201eukrainisch-russischer Krieg\u201c. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist es \u2013 noch \u2013 ein Konflikt. Mit meiner Herkunft bin ich da nat\u00fcrlich nicht nur rational.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kupferblau: K\u00e4mpfen russische Soldaten in der Ostukraine, offiziell vom Kreml entsandt?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nikita T.-Z.:<\/strong> Nein. Es hie\u00df, es gab 3-5 russische Soldaten, die dort gek\u00e4mpft haben und gestorben sind, mehr nicht. W\u00e4ren dort mehr, h\u00e4tte es in dieser Krise insgesamt schon viel, viel mehr Tote gegeben. Dann w\u00e4ren auch die USA schon l\u00e4ngst involviert, h\u00e4tten Truppen geschickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vlad L.:<\/strong> Es kommt auf jeden Fall Hilfe von au\u00dfen. Anders w\u00e4ren Donezk und Luhansk (die beiden Hochburgen der prorussischen Separatisten in der Ostukraine \u2013 d. Red.) schon l\u00e4ngst wieder in der Hand der ukrainischen Armee; alleine sind die Separatisten ihr zahlenm\u00e4\u00dfig klar unterlegen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kupferblau: \u2026 und wie sieht es mit Waffenlieferungen aus Russland aus?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nikita T.-Z.:<\/strong> Waffen wurden geschickt, das sagen auch meine Moskauer Verwandten. Pr\u00e4sident Putin bestreitet das ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vlad L.:<\/strong> Russland hat Waffen geschickt, auch Panzer, da bin ich mir sicher. Das wird bestimmt auch bald bewiesen werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kupferblau: Wie ist deine Meinung zur aktuellen ukrainischen Regierung?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nikita T.-Z.:<\/strong> Ich traue ihr nicht so ganz; sie kam im Chaos an die Macht. Arsenij Jazen-juk (der aktuelle ukrainische Ministerpr\u00e4sident \u2013Anmerkung d. Red.), das ist f\u00fcr mich ein Nazi, und manch anderer Politiker dort auch. Speziell in der Westukraine gibt es viele B\u00fcrger, die grunds\u00e4tzlich \u00e4hnlich denken wie diese Politiker. Manche dieser Menschen haben Angst vor uns Russen; wieder andere sind generell immer gegen uns. Letzteres sehe ich \u00fcbrigens teilweise auch hier in Deutschland, zumindest in den alten Bundesl\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vlad L.:<\/strong> Gut. Aber sie hat es nat\u00fcrlich schwer. Die politische Lage ist kritisch, und das schon seit November 2013, als Janukowytsch (der damalige ukrainische Pr\u00e4sident \u2013 Anmerkung d. Red.) das Assoziierungsabkommen mit der EU eingefroren hat. Da kamen ja dann die Aufst\u00e4nde auf dem Maidan (Proteste von Hunderttausenden Ukrainern im Zeitraum November 2013 bis Februar 2014 gegen die damalige ukrainische Regierung; der Maidan ist ein Platz in Kiew \u2013 Anmerkung d. Red.). Ich kenne Leute, die da dabei waren.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kupferblau: Wie siehst du das umstrittene Referendum auf der Krim vom M\u00e4rz 2014? Laut offiziellen Angaben stimmten dabei 96,77 % der Bewohner der damals ukrainischen Halbinsel Krim f\u00fcr einen Anschluss an Russland, der kurz darauf vollzogen wurde.<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nikita T.-Z.:<\/strong> Das war legitim, warum auch nicht? Die Krimbewohner wollten zu Russland, ihnen geht es jetzt besser. Die Ostukrainer sehen das \u00fcbrigens \u00e4hnlich. Von ihnen sind einige mittlerweile in Russland, sie sind wegen der K\u00e4mpfe dort hin geflohen, haben Asyl beantragt und bekommen \u2013 laut den russischen Medien bereits 730.000 Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vlad L.:<\/strong> Das Referendum war gef\u00e4lscht; die Krim wurde annektiert. Manche Ukrainer meinen, Putin h\u00e4tte das schon jahrelang geplant. Zu den Krimbewohnern: Meine Bekannten in Odessa sagen, es gibt dort eine kleine, aber relativ gef\u00e4hrliche linksradikale Gruppe; die h\u00e4tten es, so meine Bekannten, den Separatisten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter nach-gemacht. In dem Fall s\u00e4he es auf der Krim jetzt genauso aus wie in Donezk und Luhansk. Man k\u00f6nnte also sagen, es war die friedlichere L\u00f6sung so \u2013 ich bin da noch unentschieden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kupferblau: Sprechen wir \u00fcber das malaysische Verkehrsflugzeug MH17. Es startete am 17. Juli 2014 mit dem Ziel Kuala Lumpur in Amsterdam, wurde bald darauf \u00fcber dem Luftraum um Donezk von einem Flugobjekt getroffen, wobei s\u00e4mtliche 298 Insassen starben. Das Flugobjekt war &#8211; nach aktuellem Stand der Ermittlungen &#8211; eine Boden-Luft-Rakete; als T\u00e4ter verd\u00e4chtigen viele die Separatisten. Was wird in den Medien eurer L\u00e4nder dazu verbreitet?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nikita T.-Z.:<\/strong> In den Medien in Russland hie\u00df es zun\u00e4chst, die Rakete kam von der ukrainischen Armee, und sp\u00e4ter, von den prorussischen Separatisten; diese h\u00e4tten das Flugzeug f\u00fcr ein milit\u00e4risches gehalten, eins ihrer Gegner. Somit w\u00e4re es ja ein Unfall gewesen &#8211; ein schrecklicher nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vlad L.:<\/strong> Die Separatisten waren es, tats\u00e4chlich, so wird es in den ukrainischen Medien verbreitet und: Die T\u00e4ter h\u00e4tten zuvor gewusst, dass es nur ein Verkehrsflugzeug ist. Noch mal zu meinen Bekannten in Odessa: Die meinen, die Separatisten hielten es vielleicht auch f\u00fcr ein Milit\u00e4rflugzeug.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kupferblau: Noch eine Frage nur an dich, Nikita: Wie siehst du die allgemeine politische Lage in deinem Heimatland?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nikita T.-Z.:<\/strong> Eine Demokratie im westlichen Sinne hat Russland nicht; es gibt aber Pressefreiheit*, also ist es auch keine Diktatur. Seitdem ich die politischen Entwicklungen verfolge, sehe ich eine Art \u00dcbergangszustand. Meines Erachtens dauert der schon seit dem Mauerfall an. 25 Jahre, das ist nicht so viel, wie manch ein Mensch aus der \u201ewestlichen Welt\u201c glauben mag. Die \u00e4lteren Russen sind gr\u00f6\u00dftenteils unzufrieden mit der aktuellen Lage; sie w\u00fcnschen sich den Kommunismus zur\u00fcck. Meine russischen Gro\u00dfeltern tun das auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>* Anmerkung des Redakteurs: Moskau diskutierte im Herbst letzten Jahres \u00fcber die Verabschiedung eines landesweiten Gesetzes, das ausl\u00e4ndische Medienbeteiligungen auf 20 Prozent begrenzen sollte. Unabh\u00e4ngig davon berichtete der \u201eSpiegel\u201c bereits im Jahre 2006, es habe in Russland in den vergangenen 14 Jahren 42 Journalistenmorde gegeben. Laut Angaben des Blattes lag das Land damit weltweit auf Platz drei der gef\u00e4hrlichsten Staaten f\u00fcr Reporter, nur noch \u00fcbertroffen vom Irak und von Algerien. Pr\u00e4sident Wladimir Putin, seit 2012 und auch schon von 2000 bis 2008 im Amt, wird beschuldigt, regierungskritische Journalisten gezielt verfolgen und t\u00f6ten zu lassen. Als Symbol f\u00fcr diese Verfolgung gilt der (noch nicht vollst\u00e4ndig aufgekl\u00e4rte) Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 in Moskau.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; Die Interviews unabh\u00e4ngig voneinander gef\u00fchrt-<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Ostukraine wird gek\u00e4mpft. 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