{"id":4083,"date":"2015-05-02T10:40:54","date_gmt":"2015-05-02T08:40:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=4083"},"modified":"2015-05-02T10:40:54","modified_gmt":"2015-05-02T08:40:54","slug":"miss-sara-sampson-im-ltt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/05\/02\/miss-sara-sampson-im-ltt\/","title":{"rendered":"&quot;MISS SARA SAMPSON&quot; IM LTT"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Im Landestheater T\u00fcbingen l\u00e4uft derzeit eine Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings &#8218;Miss Sara Sampson&#8216; unter der Regie von Dominik G\u00fcnther. Die Erwartungen sind hoch: Fesselt das etwa 250 Jahre alte Drama auch heute noch?<br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lessings St\u00fcck ist ein Meilenstein der Theatergeschichte. Die Geschichte der tragischen Liebe zwischen dem ehemaligen Frauenhelden Mellefont und Sara, einer tugendhaften, unschuldigen jungen Frau, ist das erste deutsche b\u00fcrgerliche Trauerspiel der Theatergeschichte. Zum ersten Mal stehen die Sorgen des einfachen B\u00fcrgers im Vordergrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Plot ist schnell erkl\u00e4rt:<\/strong> Mellefont und Sara brennen durch, weil Saras Vater ihre Liebe nicht guthei\u00dfen will. Mellefont zweifelt allerdings an den Heiratspl\u00e4nen und z\u00f6gert die Abreise von einem Wirtshaus hinaus, unter dem Vorwand auf ein Erbe warten zu m\u00fcssen. Saras Vater ist auf der Suche nach dem geflohenen Paar und steigt im selben Wirtshaus ab. Um den Konflikt perfekt zu machen, trifft Mellefont dort auch noch auf seine ehemalige Geliebte (Lady Marwood), die ihre gemeinsame Tochter dabei hat. Durch die intrigante Marwood kommt es dann zur Trag\u00f6die.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4085\" aria-describedby=\"caption-attachment-4085\" style=\"width: 1006px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sara7_Beyer-Schupa-Witt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4085 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sara7_Beyer-Schupa-Witt-1006x672.jpg\" alt=\"Miss Sara Sampson\" width=\"1006\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4085\" class=\"wp-caption-text\">Marwood (Franziska Beyer), Miss Sara Sampson (Carolin Schupa) und Arabelle (Carmen Witt)<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Eine dynamische Inszenierung<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon das B\u00fchnenbild zeigt, worauf die Inszenierung Wert legt: Dynamik. Alles ist st\u00e4ndig in Bewegung. Der Zuschauer sieht immer alle drei R\u00e4ume gleichzeitig. Die einzelnen Zimmer sind lediglich durch von der Decke herabh\u00e4ngende Bilder getrennt. Diese Anordnung sorgt f\u00fcr ein au\u00dferordentlich bewegtes Gesamtbild: In jedem Raum gehen die Figuren ihren T\u00e4tigkeiten nach; es wird gegessen, auf dem Bett geh\u00fcpft, an- und ausgekleidet &#8211; dabei konzentriert sich die Haupthandlung immer auf ein einzelnes Zimmer. Das kann mitunter ziemlich anstrengend f\u00fcr den Betrachter sein &#8211; genau darin liegt das Problem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Diskrepanz zwischen dem im modernen Retro-Stil gehaltenen optischen Gesamtbild und der hochgestochenen, idealen Sprache des 18. Jahrhunderts entsteht eine Art brecht&#8217;scher Verfremdungseffekt. Der Zuschauer kann sich nicht richtig in die Figuren hineinversetzen \u2013 es dr\u00e4ngt eher das \u201eWie\u201c der Auff\u00fchrung als das \u201eWas\u201c in den Vordergrund. Durch die krasse Dynamik wird dieser Verfremdungseffekt noch verst\u00e4rkt. Genau das ist aber bei einem Lessing-Drama eine problematische Angelegenheit.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Der lessing&#8217;sche Ansatz<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lessing glaubte daran, dass das Drama den Zuschauer zu einem besseren Menschen machen kann. Der Zuschauer soll Furcht und vor allem Mitleid versp\u00fcren und dadurch von seinen negativen Affekten gereinigt werden \u2013 das war Lessings Interpretation der aristotelischen Katharsis. Herauskommen solle ein mitleidiger Mensch, denn dieser sei ein besserer.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4087\" aria-describedby=\"caption-attachment-4087\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sara18_Schupa-Guglielmetti.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4087 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sara18_Schupa-Guglielmetti-1008x672.jpg\" alt=\"Miss Sara Sampson\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4087\" class=\"wp-caption-text\">Miss Sara Sampson (Carolin Schupa) und Sir William Sampson (Gotthard Sinn)<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau das funktioniert aber nicht, wenn sich der Zuschauer aufgrund der Verfremdung nicht mehr v\u00f6llig in die Figuren hineinversetzen kann: Der Effekt ist dahin. Dabei ist es fraglich, ob das nun im Vordergrund stehende und distanzierende \u201eWie\u201c in &#8218;Miss Sara Sampson&#8216; einen Reflexionsraum er\u00f6ffnen kann, wie es zum Beispiel bei Brechts Dramen der Fall ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt einen Moment, wo der lessing&#8217;sche Ansatz dennoch aufblitzt: In der Todesszene von Sara. Aber da ist es auch schon fast zu sp\u00e4t. Am Ende bleibt deshalb (leider nur) gute Unterhaltung, mit, das muss noch gesagt werden, hervorragenden Schauspielern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00e4chste Vorstellung: Samstag, 16. Mai, um 20 Uhr<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fotos: Martin Sigmund<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Landestheater T\u00fcbingen l\u00e4uft derzeit eine Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings &#8218;Miss Sara Sampson&#8216; unter der Regie von Dominik G\u00fcnther. 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