{"id":4089,"date":"2015-05-02T10:43:31","date_gmt":"2015-05-02T10:43:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=4089"},"modified":"2021-02-21T08:47:29","modified_gmt":"2021-02-21T08:47:29","slug":"zwischen-wissenschaft-und-voelkermord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/05\/02\/zwischen-wissenschaft-und-voelkermord\/","title":{"rendered":"Zwischen Wissenschaft und V\u00f6lkermord"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Die Archive der Universit\u00e4t T\u00fcbingen bargen bis vor kurzem noch ein nahezu unbekanntes Geheimnis \u2013 die Arbeiten des Rassenforschers und SS-Mitglieds Hans Fleischhacker. Jetzt er\u00f6ffnen diese Zeugnisse der Vergangenheit in der Ausstellung \u201eIn Fleischhackers H\u00e4nden\u201c das Jahresthema \u201eDie Universit\u00e4t T\u00fcbingen im Nationalsozialismus\u201c des Museums der Universit\u00e4t.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kontrast zwischen den beiden Ausstellungsr\u00e4umen ist nicht nur sp\u00fcrbar, sondern auch h\u00f6rbar. Schlagen einem aus dem ersten Raum noch interessierte Gespr\u00e4che entgegen, verstummen diese beim Betreten des zweiten v\u00f6llig. Zu gro\u00df ist das bedr\u00fcckende Gef\u00fchl, dass beim Anblick der hier dominierenden Handabdr\u00fccke aufkommt. Schwarze Handfl\u00e4chen auf Papier, akribisch aneinandergereiht, die einmal 309 J\u00fcdinnen und Juden geh\u00f6rten. Der Aufbau der Ausstellung soll die Gleichzeitigkeit aufzeigen, von der die Abdr\u00fccke berichten: Die Gleichzeitigkeit von Wissenschaft und industriellem T\u00f6ten im zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem 24. April bis zum 28. Juni 2015 ist die Ausstellung \u201eIn Fleischhackers H\u00e4nden\u201c auf dem Schloss Hohent\u00fcbingen im Museum der Universit\u00e4t f\u00fcr Besucher zug\u00e4nglich, gleichzeitig stellt sie den Auftakt des Jahresthemas dar, das sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Universit\u00e4t besch\u00e4ftigt. Bei der Er\u00f6ffnung vor einer mit Interessierten gut gef\u00fcllten Kapelle des Schlosses wird schnell deutlich, warum eine Aufarbeitung wichtig ist. Obwohl\u00a0Fleischhacker Mitarbeiter der Universit\u00e4t und die Grundlage seiner Habilitationsarbeit \u201eDas Hautleistensystem auf Fingerbeeren und Hautleisten der Juden\u201c ein T\u00fcbinger Forschungsprojekt war, wurde diese Vergangenheit kaum aufgearbeitet und Fleischhacker nach Ende des Krieges zun\u00e4chst nur als Mitl\u00e4ufer eingestuft.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4095\" aria-describedby=\"caption-attachment-4095\" style=\"width: 522px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Fleischhacker.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4095 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Fleischhacker-522x672.jpg\" alt=\"Fleischhacker\" width=\"522\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4095\" class=\"wp-caption-text\">Der T\u00fcbinger Rassenanthropologe Hans Fleischhacker (1912-1992)<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Pers\u00f6nliche Schicksale und Universit\u00e4tsgeschichte<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Thematik und Grausamkeit der Judenverfolgung im dritten Reich ist allseits bekannt. Allerdings zeigen die Handabdr\u00fccke der Juden aus \u0141\u00f3d\u017a dies auf ihre ganz eigene Art und Weise. Sie beleuchten einerseits, dass sich bei jeder Untersuchung der damaligen Geschehnisse neue Aspekte des V\u00f6lkermords finden, genauso, wie man erst beim n\u00e4heren Betrachten der Handfl\u00e4chen die Einzigartigkeit eines jeden aus der Uniformit\u00e4t der Masse heraussehen kann. Andererseits verbinden sie pers\u00f6nliche Schicksale mit der Universit\u00e4tsgeschichte. Sie machen klar, dass Fleischhacker hier eine methodisch-trockene und wissenschaftliche Basis des Massenmords schaffen wollte und daf\u00fcr Individuen benutzte, die als Ghettobewohner nur eine dreiprozentige \u00dcberlebenschance hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Prof. Dr. Ernst Seidl, dem Verantwortlichen des Jahresprogramms des MUT, m\u00fcsse Wissenschaft daher immer mit Verantwortung verbunden sein. Das wolle man vor allem den momentan an der Universit\u00e4t Studierenden vermitteln, damit eine Scheuklappenmentalit\u00e4t verhindert und ein reflektierter Umgang mit Wissen geschaffen werden k\u00f6nne. Die Ausstellungen im Schloss zeigen deshalb nicht nur die spezifischen Taten von Hans Fleischhacker, sondern auch das moralische Versagen einer ganzen wissenschaftlichen Elite zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Eine Universit\u00e4t denkt zur\u00fcck<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der vom 24. April bis 28. Juni 2015 er\u00f6ffneten Ausstellung \u00fcber Fleischhackers Arbeit an der Universit\u00e4t gibt die Jahresausstellung \u201eForschung \u2013 Lehre \u2013 Recht\u201c, zug\u00e4nglich vom 22. Mai bis 13. September diesen Jahres, Einblicke in die Vergangenheit der Institution Universit\u00e4t im Nationalsozialismus. Au\u00dferdem wird eine Gespr\u00e4chsrunde mit den drei Enkelt\u00f6chtern der von Fleischhacker neben 85 weiteren Juden f\u00fcr eine rassistische Schausammlung ermordeten Alice Simon angeboten. Weitere Angebote des MUT sind zwei weitere Ausstellungen \u00fcber Hans Bayer und Thadd\u00e4us Troll sowie dem Staatsanwalt Fritz Bauer, eine Studium Generale Vorlesung, Stadtrundg\u00e4nge und eine Filmreihe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Informationen zu den jeweiligen Veranstaltungen sind auf der Homepage des MUT zu finden: <a title=\"http:\/\/www.unimuseum.uni-tuebingen.de\/\" href=\"http:\/\/www.unimuseum.uni-tuebingen.de\/\">http:\/\/www.unimuseum.uni-tuebingen.de\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bilder wurden freundlicherweise vom Museum der Universit\u00e4t MUT zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Archive der Universit\u00e4t T\u00fcbingen bargen bis vor kurzem noch ein nahezu unbekanntes Geheimnis \u2013 die Arbeiten des Rassenforschers und SS-Mitglieds Hans Fleischhacker. 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