{"id":4268,"date":"2015-05-23T17:24:48","date_gmt":"2015-05-23T17:24:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=4268"},"modified":"2021-02-21T08:39:29","modified_gmt":"2021-02-21T08:39:29","slug":"word-up","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/05\/23\/word-up\/","title":{"rendered":"Word Up!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Am vergangenen Mittwoch wurde der Kuckuck zur Manege der Wortakrobatik. Sechs Poeten k\u00e4mpften bei \u201eWord Up!\u201c um die Slammer-Krone. Am Ende haben aber doch alle Anwesenden gewonnen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ich so im Rotlicht des Kuckucks an der Wand sitze, bequem eingeklemmt zwischen vielen anderen, die heute Abend hierhergefunden haben, wei\u00df ich noch nicht wirklich, was mich gleich erwartet. Meine Erfahrung mit Poetry Slam beschr\u00e4nkt sich auf eine ZDF-Neo-Sendung, bei der ich irgendwann mal w\u00e4hrend des abendlichen Herumzappens vor dem Fernseher h\u00e4ngengeblieben bin.<br \/>\nDurch meine Recherche \u2013 ich schaue mir die Facebook-Seite der Veranstaltung an \u2013 erfahre ich, dass von Lyrik \u00fcber Prosa bis Drama alles vorgetragen werden kann, solange es selbstverfasst ist. Das h\u00f6rt sich interessant an, schr\u00e4nkt das Feld meiner Erwartungen zun\u00e4chst aber auch nicht weiter ein.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Jury statt Applaus<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein genaueres Bild verschafft mir Ben, Moderator und Initiator von Word up, der mir sp\u00e4ter im Gespr\u00e4ch erkl\u00e4rt, dass er die Poetry-Slam-\u00fcbliche Praxis Beitr\u00e4ge nach dem Applaus der Zuschauer zu bewerten f\u00fcr \u201edas Bescheuertste, was man machen kann\u201c h\u00e4lt. Deshalb hat er sich ein anderes System ausgedacht: Es gibt eine Jury aus drei Personen, \u201edie im engsten Sinne etwas mit Literatur zu tun haben\u201c, darunter an diesem Abend Dagmar Leupold, die einen Doktortitel in Vergleichender Literaturwissenschaft von der City University in New York ihr eigen nennen darf, aber auch Tobias Tullius, der die letzten drei Slams gewann und heute nur au\u00dfer Konkurrenz einen Text vortr\u00e4gt. Phillip Marquardt gibt als Dozent unter anderem Seminare \u00fcber die Pop-Kultur des Hip-Hop gibt und sollte auch in der Jury sitzen,\u00a0fiel aber\u00a0dem Bahnstreik zum Opfer.<br \/>\nDas Publikum bleibt jedoch nicht au\u00dfen vor: per Zufall werden drei Zuschauer ausgew\u00e4hlt, die ebenfalls Noten von eins bis zehn vergeben d\u00fcrfen, die h\u00f6chste und niedrigste werden dann gestrichen, der Rest ergibt die Wertung. So wie hier also intersubjektiv nachvollziehbar gemessen wird f\u00fchle ich mich fast schon in eine Vorlesung zu wissenschaftlichem Arbeiten zur\u00fcckversetzt \u2013 ist aber ja auch kein Wunder bei einer Studentenveranstaltung.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Von der Biotonne in den Morgennebel<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem die Regeln also gekl\u00e4rt sind kann es losgehen und ich bin gleich etwas \u00fcberrascht vom hohen Niveau, das die Slammer vorlegen. Ehrlich gestanden habe ich ein bisschen erwartet, dass sich der ein oder andere noch etwas ungelenk auf der B\u00fchne pr\u00e4sentiert &#8211; schlie\u00dflich machen zwei Teilnehmer das heute zum ersten Mal \u2013 das Gegenteil ist jedoch der Fall. Mit Charme, Witz, hin und wieder auch etwas Melancholie setzen sich die Teilnehmer mit den verschiedensten Themen auseinander. Wie man eingesperrt in einem Hinterhof &#8211; nur weil man kurz mal eine rauchen war \u2013 \u00fcberlebt? In der Biotonne \u00fcbernachten, da ist es sch\u00f6n warm, obwohl: \u201edas h\u00e4tte man ja noch essen k\u00f6nnen.\u201c Vieles scheint von tats\u00e4chlichen Erlebnissen inspiriert zu sein und wird dann \u00fcberspitzt weitergetrieben, so auch eine Odyssee durch das T\u00fcbinger Wohnungsangebot, die schlie\u00dflich mit der Ausrufung eines sozialistischen Staates und der Errichtung des \u201eantistudentischen Schutzwalls\u201c endet.<br \/>\nSolche Beitr\u00e4ge sorgen f\u00fcr Lacher im Publikum, genauso gibt es aber auch ernstere Texte wie eine stark metaphorische Darbietung \u00fcber einen \u201eKrieger im Morgennebel\u201c, der sich im Alleingang durch den Tag k\u00e4mpfen muss oder die emotional vorgetragene Sicht einer Kirchenmaus auf die Laster und S\u00fcnden der Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn ich beim Aufstehen immer \u00f6fter weniger mit dem Morgennebel, als mit der Mittagssonne zu k\u00e4mpfen habe, kann ich mich mit einigen Themen direkt identifizieren: Beispielsweise mit der Kritik am \u201eADHS-Journalismus\u201c &#8211; der nur Aufmerksamkeit will und eigentlich gar nichts Besonderes bietet \u2013 am \u201ePush-up Journalismus\u201c: \u201eman(n) bekommt weniger, als man(n) erwartet\u201c und dem Verschwinden der \u201eguten alten\u201c Printmedien. Als einer der Teilnehmer in der Finalrunde das Publikum fragt: \u201eWollt ihr Liebe oder Sex?\u201c, f\u00e4llt die Antwort etwas z\u00f6gerlich aus, es soll aber eigentlich nur entschieden werden wovon der n\u00e4chste Beitrag handelt.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn ich einen erreiche, dann hab ich\u2019s erreicht\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass das Publikum zum Nachdenken angeregt werden soll best\u00e4tigt mir auch Lukas, einer der Slammer. F\u00fcr ihn sei der Kuckuck ein guter Ort um Texte \u201eauszutesten\u201c. Er wolle vor allem sehen, inwiefern er auch schwierige Themen besprechen kann, \u201eohne die Leute dabei zu verlieren\u201c. Poetry Slam ist f\u00fcr ihn einzigartig, weil man anders als im Theater keine Rolle spielt, sondern sehr private Texte vortr\u00e4gt und dabei ein Feedback von den Zuschauern bekommt: \u201eJede Kritik bringt dich weiter.\u201c, sagt er und auch die Anerkennung, die er bekommt sei ein gutes Gef\u00fchl, wichtiger als seine Platzierung ist ihm jedoch \u201eeinen guten Abend abzuliefern\u201c und zwar im Team mit den anderen Slammern: \u201eDie Leute pushen sich gegenseitig durch den Abend.\u201c Die Preisverleihung am Ende ist f\u00fcr ihn eher ein Mittel um die Veranstaltung f\u00fcr den Zuschauer interessanter zu machen. \u201eEs tut gut wenn Leute \u00e4hnliches empfinden.\u201c, findet Lukas und auch ich erkenne mich hier und da auf der B\u00fchne wieder. Es z\u00e4hlt also vor allem das Gef\u00fchl, dass jemand zuh\u00f6rt und nachvollziehen kann, was in ihm vorgeht: \u201eWenn ich einen erreiche, dann hab\u2018 ich\u2019s erreicht\u201c.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Den Leuten ein Sprungbrett bieten<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Ben sieht die Notenvergabe \u201eweniger im Vordergrund\u201c. Als er \u201eWord up\u201c ins Leben rief sei es ihm darauf angekommen neben Party und Trinken auch etwas Kultur in den Kuckuck zu bringen und den Leuten \u201eeine Art Sprungbrett\u201c zu bieten: \u201eViele trauen sich vielleicht noch nicht auf gr\u00f6\u00dfere Slams (\u2026) oder trauen sich auch nicht ihre Texte Freunden zu zeigen.\u201c Der eher kleine Slam biete dann eine M\u00f6glichkeit sich auszuprobieren und erstes Feedback zu sammeln. Das gelte auch f\u00fcr die musikalische Untermalung des Abends, die dieses Mal von zwei Sch\u00fclern der \u201eMusical Academy\u201c stimmungsvoll beigetragen wurde. W\u00e4hrend der kulturelle Teil des Abends langsam in eine Partynacht \u00fcbergeht, erz\u00e4hlt mir Ben, dass er auch die Slammer, die es nicht ins Finale geschafft haben motiviert, dranzubleiben, viele h\u00e4tten schlie\u00dflich gerade erst mit Poetry Slam angefangen &#8211; vielleicht sieht man ja auch beim n\u00e4chsten Mal ein paar neue Gesichter vor oder auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Mittwoch wurde der Kuckuck zur Manege der Wortakrobatik. Sechs Poeten k\u00e4mpften bei \u201eWord Up!\u201c um die Slammer-Krone. 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