{"id":4301,"date":"2015-05-26T14:35:31","date_gmt":"2015-05-26T14:35:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=4301"},"modified":"2021-02-21T08:38:56","modified_gmt":"2021-02-21T08:38:56","slug":"die-philosophie-der-warteschlange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/05\/26\/die-philosophie-der-warteschlange\/","title":{"rendered":"Die Philosophie der Warteschlange"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Nachdem das Rohbautheater Kollektiv Anfang letzten Jahres mit \u201eSie frisst\u201c &#8211; einer Adaption der kleinen Raupe Nimmersatt \u2013 ihr erstes St\u00fcck auf die B\u00fchne brachte, ist das Kollektiv nun mit einem zweiten St\u00fcck zur\u00fcck. Sehr viel ernster, gar abgr\u00fcndig kommt \u201eSch\u00e4delgro\u00dfes K\u00f6nigreich\u201c daher, das am Samstag, den 23. Mai, im Theater L\u00f6wen Premiere feierte.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>von Peter Strigl<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sollte anstrengend werden \u2013 f\u00fcr Schauspieler und Publikum \u2013 so die Ank\u00fcndigung vor der Premiere. Und so pr\u00e4sentierte sich auch das B\u00fchnenbild: Karg, farblos in schwarz-wei\u00df, beleuchtet von sterilem Neonlicht. Die Szenerie: Eine Supermarktkasse mit vier wartenden Kunden und einer stoisch l\u00e4chelnden Kassiererin. Die Story: Die Kasse funktioniert nicht und die Kunden sind gefangen in der Warteschlange. Ein ganz allt\u00e4glicher Stoff, den die Mitglieder des Kollektivs jedoch mit scharfer Beobachtungsgabe und als Drahtseilakt zwischen Lebensphilosophie und Wahnsinn inszeniert haben. Denn in dem 90-min\u00fctigen St\u00fcck ohne Pause steigern sich die Dialoge ins Absurde, die eingestreuten Monologe zeichnen teils abgr\u00fcndige Psychogramme der Figuren, w\u00e4hrend sie nach au\u00dfen hin weiter Plattit\u00fcden verbreiten. So kann beispielsweise eine Debatte \u00fcber Bio-Siegel auf Lebensmitteln schon mal in der Feststellung m\u00fcnden, dass einen die Wahl des Apfels sympathisch mache.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4303\" aria-describedby=\"caption-attachment-4303\" style=\"width: 1009px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sch\u00e4delgro\u00dfes-K\u00f6nigreich_Szenenbild3_cMarco-Schneider.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4303 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sch\u00e4delgro\u00dfes-K\u00f6nigreich_Szenenbild3_cMarco-Schneider-1009x672.jpg\" alt=\"SONY DSC\" width=\"1009\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4303\" class=\"wp-caption-text\">Die Schlange vor der Kasse.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Die Abgr\u00fcnde vertiefen sich<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Motiv des Wartens ist zentral. \u201eEs dauert\u201c ist das bisweilen sogar im Chor herausgeschriene Mantra der vier Kunden, die doch nur endlich zahlen wollen, um ihrem durch und durch rationalisierten Alltag nachzukommen. \u201eNormalerweise brauche ich genau zwei Minuten f\u00fcnfzig f\u00fcr meinen Einkauf\u201c, sagt einer der Kunden. Immer wieder ist das St\u00fcck mit Episoden durchsetzt, in denen die Schauspieler auf der Stelle treten, von treibender Schlagzeugmusik begleitet. Alle wirken hektisch und gereizt: Unzufriedene Gesichter, pikierte Blicke, Nesteln und Zupfen an der Kleidung. Dazu das beinahe manische L\u00e4cheln der Kassiererin und immer wieder das enervierende Piepen der Kasse, das alle zusammenzucken l\u00e4sst. Vom Anfang: \u201eEs war einmal eine ganze gew\u00f6hnliche Kasse\u201c &#8211; \u00fcber die Feststellung eines der Kunden: \u201eDie ganze schei\u00df Situation kommt mir allm\u00e4hlich vor wie eine verdammte Metapher\u201c &#8211; bis zum fulminanten Ende, durchlaufen die Charaktere das ganze Spektrum emotionaler Zust\u00e4nde, w\u00e4hrend die Atmosph\u00e4re immer dichter wird, die Abgr\u00fcnde tiefer. Das Warten nimmt existenzielle Z\u00fcge an, bis eine Kundin nicht einmal mehr wei\u00df, \u201ewas sie sonst machen w\u00fcrde\u201c, wenn nicht warten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4304\" aria-describedby=\"caption-attachment-4304\" style=\"width: 1009px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sch\u00e4delgro\u00dfes-K\u00f6nigreich_Helen_cMarco-Schneider.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4304 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Sch\u00e4delgro\u00dfes-K\u00f6nigreich_Helen_cMarco-Schneider-1009x672.jpg\" alt=\"SONY DSC\" width=\"1009\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4304\" class=\"wp-caption-text\">Das Dauergrinsen der Kassiererin.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Alles in Eigenarbeit<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eWanderung auf Messers Schneide\u201c, wie es Kollektiv-Mitglied Victor Beran nennt, ist gegl\u00fcckt: Die Auff\u00fchrung war in der Tat auch f\u00fcr den Zuschauer anstrengend und trotz der lang ausgehaltenen Szenen nie langweilig. Das St\u00fcck schafft es, mehr als nur zu unterhalten und erf\u00fcllt damit einen der \u00e4ltesten Zwecke des Theaters: \u201eWenn man sich wiedererkannt hat, dann hatte das St\u00fcck eine Aussage\u201c, sagt Luisa Mell, die zusammen mit Lisa Voigt f\u00fcr die Inszenierung des Stoffs zust\u00e4ndig war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geschrieben wurde der Gro\u00dfteil der Dialoge von Sina Ahlers, Tobias Jungwirth und Helen Ahner, basierend auf einer Rede des verstorbenen Autors David Foster Wallace, die er 2005 vor College Absolventen hielt. Wer die Rede kennt, wird die Anleihen im St\u00fcck wiedererkennen, trotzdem ist es beinahe komplett in Eigenarbeit entstanden. Die endg\u00fcltige Fassung sei in einem \u201esehr engen Prozess\u201c entstanden, erkl\u00e4rt Luisa Mell. Darin sieht das Kollektiv seinen Vorteil gegen\u00fcber herk\u00f6mmlichen Theatern: \u201eBei uns gibt es keine klassische Theaterhierarchie.\u201c Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen. Geplant sind f\u00fcnf Vorstellungen. Bei ausreichender Nachfrage ist es aber gut m\u00f6glich, dass weitere folgen werden. F\u00fcr die letzten drei Vorstellungen am 28., 29. und 31. Mai sind noch Karten zu haben, der Eintrittspreis betr\u00e4gt 9 Euro, bzw. erm\u00e4\u00dfigt 6 Euro.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fotos: \u00a9 Marco Schneider<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem das Rohbautheater Kollektiv Anfang letzten Jahres mit \u201eSie frisst\u201c &#8211; einer Adaption der kleinen Raupe Nimmersatt \u2013 ihr erstes St\u00fcck auf die B\u00fchne brachte, &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":267,"featured_media":4309,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[62,1688],"tags":[11,610,1690,43,611,1691],"class_list":["post-4301","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","category-theater-kultur","tag-featured","tag-rohbautheater","tag-schaedelgrosses-koenigreich","tag-theater","tag-theater-loewen","tag-warten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/267"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4301"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4301\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23954,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4301\/revisions\/23954"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}