{"id":4580,"date":"2015-06-21T16:40:10","date_gmt":"2015-06-21T14:40:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=4580"},"modified":"2015-06-21T16:40:10","modified_gmt":"2015-06-21T14:40:10","slug":"die-einmaligkeit-des-moments","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/06\/21\/die-einmaligkeit-des-moments\/","title":{"rendered":"Die Einmaligkeit des Moments"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Jeden dritten Mittwoch des Monats ist es soweit: Im Caf\u00e9 Haag kommen die Theaterschauspieler von \u201eImprofusion\u201c und ihr Publikum zusammen, um gemeinsam f\u00fcr zwei Stunden Welten voller Aberwitz zu kreieren. Ohne Skript, ohne Souffleur, ohne doppelten Boden \u2013 alles entsteht spontan auf der B\u00fchne.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Raum im Caf\u00e9 Haag ist bereits seit fast einer Stunde bis zum Bersten mit Menschen gef\u00fcllt; haupts\u00e4chlich Studierende, aber auch \u00e4ltere Leute sind gekommen. Die Stimmung ist heiter und gesellig, fast k\u00f6nnte man den Eindruck gewinnen, es handle sich um einen ganz gew\u00f6hnlichen Abend. W\u00e4ren da nicht die paar Stuhlreihen, die vor der schlicht mit drei schwarzen Wandschirmen pr\u00e4parierten und von Kronleuchtern schwach ausgeleuchteten B\u00fchne aufgestellt wurden. Rechts stehen Sofas \u2013 links ein Keyboard. Inklusive des Pianisten, der lange Zeit das einzige Indiz ist, dass die Schauspieler den Abend nicht vergessen haben.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Das Intro ist das einzig einstudierte des Abends<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Rest der Truppe schlie\u00dflich die B\u00fchne betritt \u2013 f\u00fcnf Personen in Schwarz und einer in Weste mit Fliege \u2013 \u00e4ndert das kaum etwas an der lockeren Atmosph\u00e4re. Die Musik dudelt weiter vor sich hin. \u201eDie Bauchstimme funktioniert schon mal\u201c, witzelt der mit der Fliege, als endlich jemand die Musik ausgemacht hat. Es ist Tobias Jungwirth, den manche vielleicht vom Rohbautheater Kollektiv kennen. Er \u00fcbernimmt die Moderation. Es folgt ein gesungenes Intro, das wohl das einzig Einstudierte am Abend ist. Danach bleibt ein grober Plan von Spielen und Geschichten, angek\u00fcndigt durch den Moderator &#8211; das einzig strukturierende Element. Solch ein Spiel ist beispielsweise die klassische Theatersport Disziplin \u201eArmrede\u201c, bei denen ein Schauspieler eine Geschichte zu einem vom Publikum vorgeschlagenen Gegenstand erz\u00e4hlt (in diesem Fall ein Krauthobel), w\u00e4hrend eine andere Schauspielerin hinter ihm steht und an seiner statt gestikuliert. Das Publikum liebt diesen Sketch, bei dem der Erz\u00e4hlende immer wieder verdutzt auf \u201eseine\u201c H\u00e4nde schaut, welche mal das Rund eines formsch\u00f6nen Kohls beschreiben \u2013 dann wieder mahnend den Zeigefinger erheben: \u201eSie wissen wie \u00e4rgerlich es ist unterwegs zu sein und die Brote nicht mit frischem Kraut belegen zu k\u00f6nnen!\u201c Gerade das Stocken \u2013 und Wiederfinden \u2013 der Simultanit\u00e4t sorgt bisweilen f\u00fcr besondere Erheiterung bei den Zuschauern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/M97dncqK_Jix2hq2Q5__i9DfXtovWVbJZCdutzOUIao.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-4583\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/M97dncqK_Jix2hq2Q5__i9DfXtovWVbJZCdutzOUIao-448x672.jpg\" alt=\"M97dncqK_Jix2hq2Q5__i9DfXtovWVbJZCdutzOUIao\" width=\"312\" height=\"468\" \/><\/a><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Liebesges\u00fclze wie im Radio<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders beliebt ist auch \u201eTrizophrenie\u201c: Eine Frau trifft sich mit einem in drei Pers\u00f6nlichkeiten gespaltenen Mann (gespielt von drei wechselnden Schauspielern) auf dem Friedhof f\u00fcr ein erstes Date. Den gr\u00f6\u00dften Applaus erntet aber Pianist Tobias Litterst, der das Publikum mit seiner spontan intonierten Liebesballade \u201ewie kann ich ohne dich\u201c von den Sitzen rei\u00dft, sofern man sich vorher einen Platz ergattert hatte. Mit qu\u00e4kender Stimme, kitschigem Klaviergeklimper und herrlich schmalzigem Text f\u00fchlt man sich sofort an etliche Radiohits erinnert, irgendwo zwischen neuer deutscher Welle und Daniel Powter. Der sehbehinderte Litterst untermalt die verschiedenen Sketche, Geschichten und Gesangseinlagen des Abends gekonnt mit dem Keyboard. Besonders beeindruckend: Beim Spiel \u201eStimmungsquadrat\u201c, wo die Schauspieler je nach Standpunkt auf der B\u00fchne verschiedene Gef\u00fchlslagen vertreten, erkennt er sofort die zugeh\u00f6rige Stimmung und liefert die passende Musik. Allgemein gelingt das \u201eStimmungsquadrat\u201c besonders gut. In der Geschichte um neue Pfleger in einem Altenheim harmonieren die Schauspieler, spr\u00fchen vor Ideen und repr\u00e4sentieren sehr treffend die unterschiedlichen Gef\u00fchle.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Die N\u00e4he macht den Charme aus<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es z\u00fcnden jedoch nicht alle Gags, manche Sketche geraten platt und etwas unkoordiniert. \u201eEs sind bis zu vier verschiedene Perspektiven die zu einer Geschichte verbunden werden m\u00fcssen\u201c, beschreibt Tobias Jungwirth die Schwierigkeit. Die Schauspieler sind auf st\u00e4ndige Neuanpassung untereinander angewiesen, damit ein gemeinsamer Plot entstehen kann. Diese Gratwanderung bringt der Intro-Song mit den in einer Zeile ge\u00e4u\u00dferten Optionen \u201eW\u00fcrde verlieren oder Euer Herz ber\u00fchren\u201c auf den Punkt. Vorf\u00fchrungen dieser Art sind auch ein Wagnis, jeden Moment kann man scheitern. Daf\u00fcr aber auch jeden Moment aufs neue die Herzen erobern. Es geschieht gl\u00fccklicherweise nur die zweite Option. Die gel\u00f6ste Stimmung im Saal r\u00fchrt nicht zuletzt daher, dass der Zuschauer im Gegensatz zum herk\u00f6mmlichen Theater nicht Betrachter eines zusammengeh\u00f6rigen, einstudierten Gesamtkunstwerks ist, sondern sich der Spontanit\u00e4t bewusst ist. So verzeiht man auch den ein oder anderen Patzer oder Flachwitz, feiert die unerwarteten, gelungenen Pointen dann aber umso mehr. \u201eImprotheater ist ein bisschen n\u00e4her, das macht aber auch den Charme aus\u201c, fasst Schauspielerin Laura Hermenau zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Qo4ORXMB7TuSBrB5U_Y2C_6_Zy5JD0r-Ujfyt2_RLfI1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-4582\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Qo4ORXMB7TuSBrB5U_Y2C_6_Zy5JD0r-Ujfyt2_RLfI1-1007x672.jpg\" alt=\"Qo4ORXMB7TuSBrB5U_Y2C_6_Zy5JD0r-Ujfyt2_RLfI\" width=\"410\" height=\"273\" \/><\/a><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eHeute war ein guter Tag\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Theatergruppe Improfusion setzt sich aus zwei separaten Gruppen zusammen: \u201eKommando Feenstaub\u201c und dem \u201eScheiterhaufen\u201c, sodass sich die Kombo aus insgesamt ca. 18 aktiven Schauspielern speist. Seit nunmehr drei Jahren tritt Improfusion im Caf\u00e9 Haag auf. \u201eDadurch kriegt man B\u00fchnenerfahrung\u201c, sagt Laura Hermenau. Routine sei wichtig, \u201eaber man wei\u00df doch nie was kommt\u201c. Ob die Gratwanderung gegl\u00fcckt sei? \u201eHeute war ein guter Tag\u201c, ist sie \u00fcberzeugt. Insgesamt bot der Abend so viele sch\u00f6ne, witzige, kuriose Momente (wie die Vampire die gerne Risiko spielen), dass man sich fast w\u00fcnscht die Geschichten w\u00fcrden festgehalten. Bei genauerer \u00dcberlegung erkennt man aber, dass ihre Sch\u00f6nheit, ihr Witz und ihre Kuriosit\u00e4t gerade in der Einmaligkeit des Moments bestehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fotos: Marco Schneider<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden dritten Mittwoch des Monats ist es soweit: Im Caf\u00e9 Haag kommen die Theaterschauspieler von \u201eImprofusion\u201c und ihr Publikum zusammen, um gemeinsam f\u00fcr zwei Stunden &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":285,"featured_media":4584,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[879,11,1732,1733,1734,1735,1736],"class_list":["post-4580","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-cafe-haag","tag-featured","tag-impro-tuebingen","tag-impro-theater","tag-marco-schneider","tag-rohnautheater-kollektiv","tag-theatersport"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4580","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/285"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4580"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4580\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4580"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4580"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4580"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}