{"id":5,"date":"2011-01-05T03:06:17","date_gmt":"2011-01-05T03:06:17","guid":{"rendered":"http:\/\/beta.kupferblau.de\/?p=5"},"modified":"2021-02-21T14:08:29","modified_gmt":"2021-02-21T14:08:29","slug":"eine-kleine-geschichte-der-munzgasse-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2011\/01\/05\/eine-kleine-geschichte-der-munzgasse-13\/","title":{"rendered":"Eine kleine Geschichte der M\u00fcnzgasse 13"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn nicht gerade Samstag ist, \u00f6ffnet sich immer gegen 21 Uhr die T\u00fcr zur Hausbar des Wohnheims in der M\u00fcnzgasse 13. Diese Hausbar ist eigentlich nur f\u00fcr die BewohnerInnen des selbstverwalteten Projekts und deren Freunde vorgesehen, doch die Zahl der G\u00e4ste dokumentiert: In T\u00fcbingen kennt (fast) jeder jeden, also auch \u00fcber h\u00f6chstens zwei Ecken mindestens eine(n) aus der alternativ-gepr\u00e4gten \u201eM\u00fcnze\u201c. Jedenfalls im studentischen Milieu linksseits des Polohemd-\u00c4quators.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><em>von Fabian Everding<\/em><\/p>\n<p>James Hope kam 1962 mit 25 Jahren zum ersten Mal nach T\u00fcbingen. Der Australier war damals f\u00fcr ein Auslands-Semester nach Deutschland gekommen und dann gleich bis 1967 geblieben. Zur\u00fcck in Melbourne mu\u00dfte er feststellen, dass ihm das politische Leben in T\u00fcbingen fehlte. Und so kam er rechtzeitig zum sehr bewegten Jahr 1968 wieder zur\u00fcck in die schw\u00e4bische Provinz. Fast zehn Jahre sp\u00e4ter zog er zum 1. M\u00e4rz 1977 gemeinsam mit unz\u00e4hligen B\u00fcchern in die M\u00fcnzgasse 13. Einen Mietvertrag mu\u00dfte er dazu nicht unterzeichnen, denn die M\u00fcnzgasse war einen Abend zuvor von linken AktivistInnen (unter ihnen viele Studierende) besetzt worden.<\/p>\n<p><strong>Eine kleine Geschichte der M\u00fcnzgasse 13<\/strong><br \/>\nWenn man verstehen will, warum die BesetzerInnen &#8217;77 dem Aufruf eines Flugblatts gefolgt waren und das leerstehende Haus in Beschlag nahmen, muss man in der Geschichte ein wenig zur\u00fcckgehen:<\/p>\n<p>Die beginnt im Jahr 1683, als der \u201eNeue Bau\u201c (direkt gegen\u00fcber dem damaligen Uni-Hauptgeb\u00e4ude) zum ersten Mal genutzt wurde: Als neues Studentenwohnheim f\u00fcr die Stipendiaten des \u201eMartinianum\u201c, die bis dahin in der N\u00e4he des heutigen Wilhelmsstifts untergebracht gewesen waren. Dieses \u201eMartinianum\u201c war ein Stipendium der T\u00fcbinger Martinsstiftung, die 1509 vom Stuttgarter Stiftsherrn zusammen mit dem T\u00fcbinger Stiftskirchenpfarrer ins Leben gerufen worden war. Sie sollte armen Studenten ein Studium ohne Unterhaltssorgen erm\u00f6glichen.<br \/>\nBis 1923 wurde das Wohnheim von der Stiftung aufrecht erhalten und war in dieser Zeit auch Herberge f\u00fcr so ber\u00fchmte T\u00fcbinger wie etwa den Medizinstudenten Justinus Kerner (1786-1862), der mit seinen Gedichten und Erz\u00e4hlungen die Keimzelle der Schw\u00e4bischen Romantik bildete.<\/p>\n<p>Nach 1923 wurde das Wohnheim dann zuerst vom T\u00fcbinger Studentenwerk e.V. \u00fcbernommen, bis es von den Nazis enteignet wurde. In der Folge waren in der M\u00fcnzgasse 13 nicht mehr studentisches Wohnen, sondern Polizei- und Gestapo-Dienststelle untergebracht.<br \/>\nAls die Franzosen nach dem zweiten Weltkrieg das Ruder \u00fcbernahmen, wurde das Haus weiterhin als Polizeidienststelle genutzt. Zuerst vom franz\u00f6sischen Milit\u00e4r, dann von der deutschen Polizei.<\/p>\n<p>Als die Polizei 1976 aus dem Geb\u00e4ude auszog, h\u00e4tte es eigentlich an das Studentenwerk e.V. zur\u00fcckgegeben werden m\u00fcssen, sagt James Hope: \u201eAber irgendwie mochte man dieses linke Studentenwerk nicht.\u201c<br \/>\nAlles sah danach aus, als ob das Wohnheim stattdessen dem neu-gegr\u00fcndeten Studentenwerk Ad\u00f6R (Anstalt des \u00f6ffentlichen Rechts) \u00fcberantwortet werden sollte. Nicht zuletzt dieses politische Hin und Her sorgte daf\u00fcr, dass das Haus erstmal leerstand. F\u00fcr die AktivistInnen der Moment um die Entscheidung zugunsten von e.V. zu forcieren: Man besetzte das Haus und nach einer Woche \u201eoffener T\u00fcr\u201c wurden die Zimmer nach einem Ausloseprinzip auf die BesetzerInnen verteilt.<\/p>\n<p>Weil er bereits damals sehr viele B\u00fccher besa\u00df, gab sich Hope mit einem \u201eweniger guten\u201c Zimmer im Untergescho\u00df zufrieden, dass ihm aber immerhin gen\u00fcgend Platz f\u00fcr all seine B\u00fccher bot. Den Umzug mit all den B\u00fcchern als \u201eAlptraum\u201c vor Augen, blieb er dort wohnen. Und lebt als letzter Besetzer noch heute gegen\u00fcber der Stiftskirche.<\/p>\n<p>Seit seinem Einzug konnte der inzwischen 74-j\u00e4hrige erleben, wie sich das besetzte Haus von damals in ein selbstverwaltetes Wohnheim unter der \u00c4gide von Studentenwerk e.V., aber im Besitz von Studentenwerk Ad\u00f6R gewandelt hat. Denn die Besetzung konnte zwar die Selbstverwaltung retten, aber nichts an den Besitzverh\u00e4ltnissen \u00e4ndern: Die gro\u00dfe Studentenwerks-Anstalt des \u00f6ffentlichen Rechts, die mittlerweile zum Studentenwerk T\u00fcbingen-Hohenheim fusioniert ist, besitzt das Haus offiziell. Um den BewohnerInnen entgegen zu kommen, wird es allerdings vom Verein des T\u00fcbinger Studentenwerk e.V. verwaltet. In der Praxis zahlen also die BewohnerInnen ihre Miete an das StuWe e.V., von wo es aber letztlich ans StuWe Ad\u00f6R weitergeleitet wird.<\/p>\n<p>Dass es keine Begrenzung der Wohnzeit gibt und auch Nicht-Studierende im Haus wohnen d\u00fcrfen, ist auch ein Erfolg der Besetzung. In diesen Punkten gibt es einen Interessenskonflikt zwischen M\u00fcnzg\u00e4sslerInnen und dem StuWe Ad\u00f6R, denn das w\u00fcrde die Bedingungen am liebsten an die seiner anderen Wohnheime angleichen. Womit sich nat\u00fcrlich auch der Charakter des Hauses stark ver\u00e4ndern d\u00fcrfte. Schlie\u00dflich leben die Kulturveranstaltungen im Haus vom Engagement derjenigen BewohnerInnen, die nicht noch &#8222;nebenher&#8220; ein Bachelor-Studium am Laufen haben. Und wom\u00f6glich in der Regelstudienzeit abschlie\u00dfen wollen.<\/p>\n<p>Den letzten gro\u00dfen Krach deswegen gab es vor knapp 15 Jahren. Da entstand auch die Sendung \u201e<a href=\"http:\/\/www.wueste-welle.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=80\">M13<\/a>\u201c auf dem gerade erst gegr\u00fcndeten freien Radio \u201e<a href=\"http:\/\/www.wueste-welle.de\">W\u00fcste Welle<\/a>\u201c. Seitdem senden Aktive wie James Hope jede Woche Dienstags ab 14 Uhr zwei Stunden und erz\u00e4hlen (nicht nur) Neues aus dem Umfeld der \u201eM\u00fcnze\u201c.<\/p>\n<p>Das Wohnprojekt in der Schellingstrasse und die LU15 am Sternplatz haben eine \u00e4hnliche Geschichte und daher auch schon \u00e4hnliche Konflikte mit dem StuWe Ad\u00f6R erlebt. Nach langem politischen Kampf haben beide ihre H\u00e4user inzwischen dem StuWe abgekauft. Der M\u00fcnzgasse k\u00f6nnte so ein Schritt auch bevorstehen, sollte das Studentenwerk Ad\u00f6R eines Tages mit dem Status Quo brechen wollen. James Hope h\u00e4lt den Hauskauf \u00fcber das Freiburger Mietsh\u00e4usersyndikat f\u00fcr eine m\u00f6gliche Option, \u201ewenn wir dazu gezwungen werden\u201c.<\/p>\n<p><strong>Vom Teezimmer zum Raucherraum<\/strong><br \/>\nEine entscheidende Ver\u00e4nderung seit der Besetzung war sicherlich der Umbau der ehemaligen \u201ePolit- und Teezimmer\u201c in die heutige Hausbar. Dort, wo heute geraucht wird, konnte man fr\u00fcher im \u201eTeezimmer\u201c gem\u00fctlich zusammensitzen. Das war auch die einzige M\u00f6glichkeit, denn \u201eoben war eine Zeit lang alles schwer verriegelt\u201c, erinnert sich Hope. Man mu\u00dfte damit rechnen, dass es zur R\u00e4umung kam oder dass \u201eFaschos oder andere St\u00f6renfriede\u201c die M\u00fcnzgasse angriffen.<br \/>\n1981 kam es einmal zum Kampf mit solchen Eindringlingen auf der Treppe, die zu den WGs in den oberen Stockwerken f\u00fchrt. Die Angreifer konnten zum Gl\u00fcck in die Flucht geschlagen werden. Dass einer von ihnen wenig sp\u00e4ter in jenem Teil des Hauses ein Feuer gelegt hat, der seitdem zu einem Innenhof geworden ist, kann man nur vermuten. Daf\u00fcr spr\u00e4che immerhin, dass nur wenige Tage zuvor schon mal ein kleineres Feuer im Geb\u00e4ude entstanden war: Jemand hatte offenbar Zeitungen vor dem Teezimmer angez\u00fcndet.<\/p>\n<p>Im gro\u00dfen Raum, dort wo heute die Bar ist, trafen sich fr\u00fcher vor allem marxistische und andere linke Gruppen und es gab explizit linke Kulturveranstaltungen und Tagungen. Heute finden von Zeit zu Zeit immer noch Konzerte oder Lesungen statt. Aber politische Gruppen treffen sich tags\u00fcber nur ausnahmsweise mal oder sitzen &#8211; zusammen mit den anderen G\u00e4sten &#8211; abends beim Bier an einem der alten Holztische.<\/p>\n<p>Dieser Wandel begann im August &#8217;82: Die Polit-Veranstaltungen lie\u00dfen nach, die R\u00e4ume waren \u201eein wenig heruntergekommen\u201c und wurden vor allem von einigen \u201eSozialf\u00e4llen besetzt gehalten, aber in ihrem Sinne\u201c: \u201eSie haben gesoffen und einmal die W\u00e4nde eingeschlagen und einmal brannte es in einem Sofa wegen einer Zigarette\u201c, erz\u00e4hlt Hope: \u201eAls Linker konnte man sie nicht so mit gutem Gewissen vertreiben, aber ab einem gewissen Punkt wurde es zuviel.\u201c<br \/>\nZugleich gab es schon l\u00e4nger Initiativen im Wohnheim eine Hausbar zu gr\u00fcnden, durch die man die Geselligkeit f\u00f6rdern und auch etwas Geld verdienen konnte. So wurde in monatelanger Arbeit alles umgebaut und im Mai &#8217;83 die Hausbar ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Eigentlich sind es nur kleine Ver\u00e4nderungen, die den Raum heute wohl ganz anders wirken lassen, als er damals ausgesehen haben muss: An den S\u00e4ulen waren noch von der Polizei Holztafeln, die man entfernte, au\u00dferdem Briefk\u00e4sten, von denen die Deckel abgemacht wurden. Die Holzvert\u00e4felung der W\u00e4nde, die sich bis auf Schulterh\u00f6he zieht, hat man blau angestrichen, die W\u00e4nde dar\u00fcber in rot. Eine Bar wurde gebaut. Erst aus Holz, sp\u00e4ter dann mit Metall. Und nat\u00fcrlich all das, was zu einer Bar sonst noch dazugeh\u00f6rt, wie etwa die Beleuchtung.<\/p>\n<p>Jeden Monat organisieren die Aktiven der Hausbar mindestens eine Kultur-Veranstaltung, an der sie selbst auch Spa\u00df haben: Ob das nun die Lesung (!) eines alten Punkrockers wie Lee Hollis ist, der schr\u00e4ge Anekdoten aus seinem Leben erz\u00e4hlt und dabei gar nicht wie ein Punkrocker auftritt oder ob die \u201eLeopold Kraus Wellenkappelle\u201c ein Konzert mit \u201eSurf-Musik aus dem Schwarzwald\u201c gibt. Gemacht wird was gef\u00e4llt und was sich \u00fcber pers\u00f6nliche Kontakte der M\u00fcnzg\u00e4sslerInnen ergibt. So etwa die Signierstunde mit Live-Portrait-Zeichnung durch Don Rosa im letzten Oktober. Den profilierten Autor der Comic-\u201cBiographie\u201c von Dagobert Duck (\u201eSein Leben, seine Milliarden\u201c) h\u00e4tte man im Rahmen seiner Signier-Tour durch Europa vielleicht eher bei Osiander als in der Hausbar eines linken Wohnprojekts erwartet.<\/p>\n<p>Hoffentlich bleibt die \u201eM\u00fcnze\u201c (nicht nur) Ihren BewohnerInnen noch lange in dieser Form erhalten!<\/p>\n<p>(Dieser Artikel ist im <strong>Fr\u00fchjahr 2011<\/strong> in <strong><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\">Kupferblau<\/a> Ausgabe 24<\/strong> erschienen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn nicht gerade Samstag ist, \u00f6ffnet sich immer gegen 21 Uhr die T\u00fcr zur Hausbar des Wohnheims in der M\u00fcnzgasse 13. Diese Hausbar ist eigentlich nur f\u00fcr die BewohnerInnen des selbstverwalteten Projekts und deren Freunde vorgesehen, doch die Zahl der G\u00e4ste dokumentiert: In T\u00fcbingen kennt (fast) jeder jeden, also auch \u00fcber h\u00f6chstens zwei Ecken mindestens eine(n) aus der alternativ-gepr\u00e4gten \u201eM\u00fcnze\u201c. 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