{"id":5192,"date":"2015-10-28T09:58:26","date_gmt":"2015-10-28T08:58:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=5192"},"modified":"2015-10-28T09:58:26","modified_gmt":"2015-10-28T08:58:26","slug":"die-katastrophe-nach-der-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/10\/28\/die-katastrophe-nach-der-katastrophe\/","title":{"rendered":"Die Katastrophe nach der Katastrophe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Ihr Leben liegt unter Tr\u00fcmmern \u2013 trotzdem leben sie weiter. In seinem Drama \u201eMeurtre \u00e0 Pacot \u2013 Mord in Pacot\u201c schildert Regisseur Raoul Peck das Schicksal der \u00dcberlebenden des Erdbebens von Haiti und zeigt, dass das wirkliche Ungl\u00fcck erst nach dem Beben beginnt.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLa ville est mort \u2013 Die Stadt ist tot.\u201c Ungl\u00e4ubig wiederholt ein aufgebrachter und verzweifelter Mann (Alex Descas) diese Worte. Er sitzt vor einer kleinen H\u00fctte, um ihn herum die Tr\u00fcmmer seines Hauses. Es tobt ein Kampf ums \u00dcberleben; nachts verbreiten wilde Hunde Panik und Angst. Der Mann ist mittleren Alters, seine sauberen Klamotten und die teure Brille sind alles, was er noch hat. Das Erdbeben hat ihm und seiner Frau (Joy Olasunmibo Ogunmakin) Hab und Gut genommen. Das Haus in Asche, der Wagen liegt unter Schutt, ihr geliebter Sohn verschwunden. Der Gestank des Todes ist allgegenw\u00e4rtig, doch sie bemerken ihn nicht. Sie klammern sich weiter an ihren Wohlstand, den sie vor dem Beben genossen. Die Frau gr\u00e4bt mit blo\u00dfen H\u00e4nden in den Tr\u00fcmmern, sucht ihre Habseligkeiten. Der Mann versucht das bauf\u00e4llige Haus zu reparieren. Pl\u00f6tzlich ersch\u00fcttert ein weiteres Beben die Erde, die ausgebesserten W\u00e4nde rei\u00dfen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Meurtre_-\u00e1_pacot_1_-\u00ab-Raoul-Peck.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5187\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Meurtre_-\u00e1_pacot_1_-\u00ab-Raoul-Peck-1008x672.jpg\" alt=\"Meurtre_+\u00e1_pacot_1_-\u00ab Raoul Peck\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/a><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Zwischen den Tr\u00fcmmern ihres Lebens<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um das Haus vor dem Abriss zu sch\u00fctzen und Geld f\u00fcr die Reparatur zu bekommen, vermietet der Mann es an den Katastrophenhelfer Alex (Thibault Vin\u00e7on), einen Fremden. Begleitet wird Alex von der jungen Haitianerin Andr\u00e8mise (Lovely Kermonde Fifi), die von einem Leben in Europa tr\u00e4umt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnell spitzt sich die Lage in der Wohngemeinschaft gef\u00e4hrlich zu. Das Erdbeben hat nicht nur die Erde geteilt, auch die Gr\u00e4ben zwischen den Menschen sind bedrohlich gewachsen \u2013 selbst die zwischen den Ehepartnern: Die traumatischen Erlebnisse setzen beiden zu. Der Verlust des geliebten Sohnes wird zum Tabuthema. Sein Schicksal ist ein Geheimnis, das man besser ruhen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ehepaar hat sich seelisch und k\u00f6rperlich entfremdet, die Not ist zu gro\u00df. Einen Fluchtpunkt bietet die junge Andr\u00e8mise, deren Beziehung zu Alex mehr und mehr leidet. Ihrer Anziehungskraft verf\u00e4llt nicht nur Alex, sondern auch das Ehepaar ger\u00e4t in ihren Bann. Es entwickelt sich eine \u201eM\u00e9nage \u00e0 quatre\u201c, deren Ende nicht jeder erleben wird, denn sie teilen ein t\u00f6dliches Schicksal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Meurtre_-\u00e1_Pacot_4_-\u00ab-Raoul-Peck.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5189\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Meurtre_-\u00e1_Pacot_4_-\u00ab-Raoul-Peck-1038x593.jpg\" alt=\"Meurtre_+\u00e1_Pacot_4_-\u00ab Raoul Peck\" width=\"1038\" height=\"593\" \/><\/a><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Die Probleme haben das Beben \u00fcberlebt<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMeurtre \u00e0 Pacot\u201c ist bereits Raoul Pecks zweiter Film, in dem er sich intensiv mit dem Schicksal der \u00dcberlebenden des Erdbebens von 2010 in Haiti besch\u00e4ftigt. W\u00e4hrend er f\u00fcr \u201eHaiti: T\u00f6dliche Hilfe\u201c die Folgen der Katastrophe in Form eines Dokumentarfilms aufzeichnete, widmet er dem Thema nun ein fiktionales Drama. Einf\u00fchlsam und schonungslos zeigt er darin eine Familie, die unf\u00e4hig ist, sich von ihrem Leben im Wohlstand zu trennen und in ihrem neuen Alltag unterzugehen droht. Inmitten dieses \u00dcberlebenskampfes thematisiert Peck die Probleme der Katastrophenhelfer. Ihnen fehlt die kulturelle Anbindung und die Einheimischen lehnen sie ab. Sie werfen ihnen pure Geldgier vor. Zugleich wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer gr\u00f6\u00dfer: Die Reichen f\u00fchlen sich noch immer privilegiert, scheitern aber bereits an kleinen Aufgaben wie dem Wasserholen. Es wird deutlich, dass die Armen in dieser Notlage pl\u00f6tzlich \u00fcberlebensf\u00e4higer sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMeurtre \u00e0 Pacot\u201c ist ein sozialkritisches Drama, das die gro\u00dfen Fragen von Gesellschaft und Politik thematisiert und deren Ursprung lange vor der Katastrophe einordnet. Durch starke Charakterzeichnung und eindrucksvolle Bilder werden die pers\u00f6nliche Verzweiflung der \u00dcberlebenden und ihr trostloser Alltag packend dargestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>MEURTRE \u00c0 PACOT, Haiti \/ Frankreich \/ Norwegen 2014 \u2013 Regie: Raoul Peck. Buch: Pascal Bonitzer, Raoul Peck, Lyonel Trouillot. Kamera: Eric Guichard. Mit: Alex Descas, Joy Olasunmibo Ogunmakin, Thibault Vin\u00e7on, Lovely Kermonde Fifi. 130 Min.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Text:<\/span> Tim Porzer (22) studiert im siebten Semester Germanistik und Philosophie an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen und ist begeistert von Filmen, da sie in der Verbindung von Bild und Dialog Situationen und Gef\u00fchle wunderbar darstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Filmkritik entstand im Rahmen des FestivalTV der Franz\u00f6sischen Filmtage im Filmkritikworkshop von Hanne Detel, Institut f\u00fcr Medienwissenschaft, Uni T\u00fcbingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span>\u00a0Raoul Peck<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr Leben liegt unter Tr\u00fcmmern \u2013 trotzdem leben sie weiter. 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