{"id":5611,"date":"2015-11-27T18:15:21","date_gmt":"2015-11-27T18:15:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=5611"},"modified":"2021-02-20T15:30:15","modified_gmt":"2021-02-20T15:30:15","slug":"schwaebisch-schwaetza-grombiere-und-weckle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/11\/27\/schwaebisch-schwaetza-grombiere-und-weckle\/","title":{"rendered":"Schw\u00e4bisch schw\u00e4tza: Grombiere und Weckle"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Was ist typisch f\u00fcr T\u00fcbingen? In dieser Reihe geht es um die Facetten der Kleinstadt am Neckar. Den Anfang macht der schw\u00e4bische Dialekt: eine Sache, die besonders \u201eReigschmeggde\u201c kaum \u00fcberh\u00f6ren k\u00f6nnen. Der Dialektforscher Rudolf B\u00fchler arbeitet in T\u00fcbingen an einem Sprachatlas und sagt: \u201eDie Stadt hat seine eigene Mundart.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schw\u00e4bisch ist nicht gleich schw\u00e4bisch. Doch wird mit dem Begriff in der Alltagssprache oft wild herumgeworfen. Betiteln manche damit eine geografische Region, so meinen andere den Dialekt und Dritte wiederum verstehen schw\u00e4bisch als Eigenschaft \u2013 beispielsweise als besonders sparsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudolf B\u00fchler interessiert sich f\u00fcr Dialekte. Der Wissenschaftler untersucht an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen, wo welche Form gesprochen wird. Denn: Schw\u00e4bisch ist nicht gleich Schw\u00e4bisch. \u201eEs gibt nicht den einen Dialekt, sondern sehr viele Zwischenstufen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00fchler arbeitet seit 2009 am Sprachatlas f\u00fcr Nord Baden-W\u00fcrttemberg mit. F\u00fcr das Projekt vom Institut f\u00fcr empirische Kulturwissenschaft f\u00e4hrt der 38-J\u00e4hrige mit einem Fragebuch und einem Aufnahmeger\u00e4t von Ort zu Ort. Dabei h\u00e4lt er fest, wie und was die Menschen auf seine immer gleichen Fragen antworten. \u201eDanach vergleichen wir die B\u00fccher und zeichnen auf einer Karte ein, wo man W\u00f6rter wie ausspricht. So ergeben sich Gebiete, die die Verbreitung der einzelnen Dialekte zeigen\u201c, sagt er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuvor hat der Forscher am Sprachatlas f\u00fcr das s\u00fcdliche Baden-W\u00fcrttemberg mitgearbeitet, zu dem auch T\u00fcbingen z\u00e4hlt. Die Kartierung der Dialekte findet im ganzen Bundesgebiet statt und geht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zur\u00fcck. B\u00fchler ist mittlerweile ein Meister der Sprachr\u00e4ume: Zwar spricht der Freiburger alemannisch, doch kann er durch die vielen Interviews problemlos in schw\u00e4bische Mundarten wechseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laut ihm erstrecke sich der schw\u00e4bische Dialekt grob vom S\u00fcdosten Baden-W\u00fcrttembergs bis in die Gebiete n\u00f6rdlich des Bodensees und den S\u00fcdwesten Bayerns. Im Norden existiere ein gro\u00dfes \u00dcbergangsgebiet zwischen Stuttgart und Heilbronn, so der Forscher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist nun typisch am schw\u00e4bischen Dialekt? \u201eWir untersuchen beim Sprachatlas drei Ebenen. Erstens die grammatische Ebene: darunter z\u00e4hlt zum Beispiel die Endung \u2013le wie bei Sp\u00e4tzle. Zweitens die lautliche Ebene, also wie man etwas ausspricht: Sage ich Huus oder Hous?\u201c, sagt B\u00fchler und wechselt munter von Mundart zu Mundart. \u201eUnd drittens die lexikalische Ebene: Wie hei\u00dft denn der Gegenstand?\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Beispiele lexikalische Ebene<\/em><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-5611-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Grammatik-Beispiele.mp3?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Grammatik-Beispiele.mp3\">http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Grammatik-Beispiele.mp3<\/a><\/audio>\n<p><em>Beispiel lautliche Ebene<\/em><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-5611-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Reigschmeggde.mp3?_=2\" \/><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Reigschmeggde.mp3\">http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Reigschmeggde.mp3<\/a><\/audio>\n<p><em>Beispiel grammatische Ebene<\/em><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-5611-3\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Lexikalisch.mp3?_=3\" \/><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Lexikalisch.mp3\">http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Lexikalisch.mp3<\/a><\/audio>\n<p style=\"text-align: justify;\">Typisch Schw\u00e4bisch sei die Verniedlichung, wie sie bei Sp\u00e4tzle, Weckle oder bissle auftritt. F\u00fcr \u201eReigschmeggde\u201c mutet auch die Vertauschung des Geschlechts seltsam an: Der Butter, das Teller und der Socke sind weit verbreitete Mundart-Aussprachen. Weiterhin typisch: Relativs\u00e4tze werden mit \u201ewo\u201c begonnen. Der Apfel, wo vom Baum fiel. Auch die Singular- und Pluralbildung ist eigen. Oft wird f\u00fcr den Plural einfach ein a statt ein e angeh\u00e4ngt: ein M\u00e4dle, zwei M\u00e4dla. Nuschelt der Sprecher, so hilft nur Kontext.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der lautlichen Ebene gibt es viele Variationen. Je nach Region w\u00fcrden W\u00f6rter anders ausgesprochen. Typisch sei laut B\u00fchler das sch statt s: wei\u00dft wird zu woisch und der Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt zu Cannschdadd. An den Wortenden stehen im Schw\u00e4bischen au\u00dferdem h\u00e4ufig \u2013a oder \u2013r. Der Regen hei\u00dft R\u00e4ga und F\u00e4sser werden zu Fessr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch spannender oder schwieriger \u2013 je nach Interessenslage \u2013 ist die lexikalischen Ebene. Wie man eine Sache nennt, ob man zu einer Kartoffel Grombiere oder \u00c4bbiere sagt, ist stark von der Region abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In T\u00fcbingen selbst spreche man laut B\u00fchler einen eigenen Stadt-Dialekt. \u201eEs gibt dabei teilweise noch immer Unterschiede zwischen der Ober- und der Unterstadt\u201c, sagt er. \u201eDie sozial h\u00f6her gestellte Bev\u00f6lkerung lebte in der Oberstadt und sprach n\u00e4her am Standarddeutsch als die \u00e4rmeren B\u00fcrger aus der Unterstadt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch der Grad des Dialekts h\u00e4ngt f\u00fcr ihn nicht zwangsweise mit der sozialen Stellung zusammen. \u201eBei unseren Interviews haben wir die Leute immer Zuhause besucht und da habe ich gemerkt, dass sie unabh\u00e4ngig von ihrer Wohnsituation Dialekt sprechen \u2013 oder auch nicht\u201c, so der Forscher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eReigschmeggde\u201c und Dialekt-Freunde k\u00f6nnen sich in Sachen Schw\u00e4bisch weiterbilden: In T\u00fcbingen werden Sprachkurse angeboten. Im Internet gibt es viele W\u00f6rterb\u00fccher, praktischerweise oft mit Audio-Dateien zum Anh\u00f6ren. Und B\u00fchler und seine Kollegen arbeiten derzeit daran, die mehr als 2.000 Mundart-Aufnahmen aus dem T\u00fcbinger Arno-Ruoff-Archivs ins Netz zu stellen. Ob dies das allgemeine Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Schw\u00e4bische verbessert, ist eine andere Frage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schw\u00e4bische Sprecherin war Aurora Balistreri. Die 22-j\u00e4hrige Studentin stammt aus Burladingen von der Schw\u00e4bischen Alb. Vorgelesen hat sie ausgew\u00e4hlte W\u00f6rter und S\u00e4tze des Online-W\u00f6rterbuchs www.schwaebisch-schwaetza.de. Die Schreibweise und Aussprache des \u00fcber 8.700 Begriffe starken Buchs entspricht wohl einem Querschnitt des Schw\u00e4bischen. Denn der Autor Peter-Michael Mangold wurde in E-Mails \u201eimmer wieder belehrt, dass meine Schreibweise zu wenig Schw\u00e4bisch, gar nicht Schw\u00e4bisch oder aber zu sehr Schw\u00e4bisch sei.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist typisch f\u00fcr T\u00fcbingen? In dieser Reihe geht es um die Facetten der Kleinstadt am Neckar. 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