{"id":575,"date":"2012-05-16T12:49:52","date_gmt":"2012-05-16T10:49:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=575"},"modified":"2012-05-16T12:49:52","modified_gmt":"2012-05-16T10:49:52","slug":"abgehobene-theorie-harte-praxis-und-dazwischen-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2012\/05\/16\/abgehobene-theorie-harte-praxis-und-dazwischen-nichts\/","title":{"rendered":"\u201eAbgehobene Theorie, harte Praxis und dazwischen nichts\u201c"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Wer nach dem Schulabschluss eine Lehre aufnimmt, wei\u00df normalerweise, dass ihn diese Ausbildung zu einem bestimmten Beruf f\u00fchrt. Bei einem Studium, insbesondere an einer Uni, sieht das schon ganz anders aus. Die kupferblau hat Erstsemester gefragt, wie viel Berufsvorbereitung sie von ihrem Studium erwarten, und Letztsemester, wie bereit sie f\u00fcr das Berufsleben sind.<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>von Ines Pfister<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Zeit an der Uni wird einerseits oft als sch\u00f6nste, weil lockerste, Zeit des Lebens beschrieben, andererseits gilt sie aber auch als Vorbereitung auf die harte, von Konkurrenzdruck geleitete Realit\u00e4t. Dass das Erste nicht zwangsl\u00e4ufig stimmt, haben die befragten Erstis bereits erkannt, sie beschreiben ihr Studium als sehr stressig. Dass das Letztere aber auch nicht gerade zutrifft, m\u00fcssen vor allem die potenziellen Absolventen gerade erfahren. Sie sind n\u00e4mlich, was die Zukunft angeht, kaum weiter als die Erstis: Keiner der Befragten wei\u00df, was er jetzt mit seinem Abschluss anfangen soll.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eIch studiere, um den Job machen zu k\u00f6nnen, den ich machen will\u201c, sagt Julia Bumiller, Lehramtsstudentin der F\u00e4cher Deutsch und Katholische Theologie im ersten Semester. Sie sieht ihr Studium als Vorbereitung auf einen bestimmten Beruf \u2013 den der Lehrerin. Allerdings empfindet die 20-j\u00e4hrige vor allem den praktischen Teil ihres Studiums als \u201esinnlos\u201c, da er sie nicht auf den Lehrberuf vorbereitet. Sie hatte sich eher kreative Schreibarbeit erhofft und weniger wissenschaftliches Arbeiten. Vor allem in Theologie f\u00fchle sie sich falsch und spiele deshalb mit dem Gedanken, das Fach zu wechseln. Jedoch w\u00fcsste sie nicht, was sie alternativ w\u00e4hlen sollte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dass die Uni nicht zur Vorbereitung auf den Lehrberuf da ist, musste auch Janine Bolta, Lehramtsstudentin der F\u00e4cher Deutsch und Englisch im elften, ihrem letzten Semester, schnell erfahren. Auch sie hatte anfangs mehr schulrelevanten Stoff erwartet, tats\u00e4chlich wird aber nur wenig P\u00e4dagogisches gelehrt. \u201eAber daf\u00fcr ist das Referendariat da\u201c, sagt die 26-j\u00e4hrige. Gut sei, dass man fachlich mehr lerne als das, was man f\u00fcr die Schule brauche, weil sie so ihre Interessen vertiefen konnte. Da sie sich nicht ausreichend vorbereitet auf den Beruf als Lehrerin f\u00fchlt, der ihr nun unmittelbar bevor steht, ist sie sich heute unsicherer denn je, ob sie diese T\u00e4tigkeit \u00fcberhaupt ergreifen soll. Ihr urspr\u00fcnglicher Wunsch zu unterrichten ist jedoch geblieben, weshalb sie seit kurzem mit dem Gedanken spielt, an der Uni zu bleiben. Hier sei man schlie\u00dflich weniger an einen Lehrplan gebunden und k\u00f6nne eher das lehren, was einen selbst interessiert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Da Sanja D\u00f6ttling auf direktem Weg in den Journalismus gelangen wollte, begann sie in diesem Semester mit einem Bachelorstudium in Medienwissenschaft und Politik. Jedoch stellten sich beide F\u00e4cher als sehr theorielastig und abstrakt heraus. Die wissenschaftliche Theorie sieht sie als \u00fcberfl\u00fcssig an, da sie darin keinen Bezug zu ihrem zuk\u00fcnftigen Berufsalltag finden kann. In den praktischen Seminaren fehlen dagegen ganz grunds\u00e4tzliche Kenntnisse. Beispielsweise soll sie mit einigen Kommilitonen einen kurzen Film drehen, daf\u00fcr mangelt es ihnen aber an Wissen, wie man richtig mit Kamera und Schnittpult umgeht. Es gebe also die \u201eabgehobene Theorie, die harte Praxis und dazwischen nichts\u201c. Um nach dem Studium besser in die Berufswelt einzusteigen, schreibt sie gelegentlich Artikel in Lokalzeitungen und Onlinemagazinen. Allerdings sagt die 19-j\u00e4hrige: \u201eJe mehr ich im Bereich Journalismus mache, desto weniger Lust habe ich darauf, weil die Berufsaussichten dort eher schlecht sind.\u201c Deshalb hat sie sich f\u00fcr die Semesterferien ein Praktikum in der Pressearbeit gesichert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Caren Sa\u00dfmann, im siebten und damit letzten Semester ihres Bachelorstudiums International Economics, hatte nicht erwartet, dass die Uni sie viel Praktisches lehren w\u00fcrde. \u201eDaf\u00fcr gibt es bei uns wenig Hausarbeiten, sodass die Ferien frei f\u00fcr Praktika bleiben\u201c, sagt die 24-j\u00e4hrige. Mit ihrem Bachelor of Science in der Tasche m\u00f6chte sie zuerst einmal f\u00fcr ein halbes Jahr nach Ecuador gehen, wo sie ein Praktikum in der Entwicklungszusammenarbeit ergattert hat. \u201eIch wei\u00df nicht, ob ich danach schon arbeiten will oder noch ein bisschen studiere\u201c, sagt sie. In jedem Fall m\u00f6chte sie zuerst noch \u201ehier und da reinschnuppern\u201c, bevor sie sich f\u00fcr einen konkreten Beruf entscheiden kann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eIch erhoffe mir auf jeden Fall mehr praktisches Wissen, da im Bachelorstudium fast nur theoretische Grundlagen gelehrt wurden\u201c, sagt Nadine Noschka, im ersten Semester ihres Masterstudiums der Germanistischen Linguistik. Sie m\u00f6chte in diesem Aufbaustudiengang beispielsweise gerne lernen, wie man Versuche richtig aufbaut und die Daten anschlie\u00dfend auswertet. In Nebenjobs und Praktika hat sich die 24-j\u00e4hrige bereits beruflich orientiert: Sie war bisher in einer PR-Agentur, einem Literaturmuseum und einem Zeitschriftenverlag. Ob sie nach ihrem Abschluss in der Medienbrache arbeiten oder eine akademische Laufbahn einschlagen soll, kann sie noch nicht sagen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sehr entt\u00e4uscht von ihrem Studium ist Eva Croon, Studentin der Anglistik und Germanistik im siebten und somit letzten Semester ihres Bachelorstudiums. Sie hatte zwar kaum erwartet, dass dieses Studium sie auf die Berufswelt vorbereiten w\u00fcrde, allerdings dachte sie, sie w\u00fcrde viele der gro\u00dfen Literaturklassiker lesen und mehr \u00fcber die angels\u00e4chsische Kultur lernen. Beides hat sich in ihren Augen nicht erf\u00fcllt. Gelesen habe sie haupts\u00e4chlich Sekund\u00e4rtexte und Landeskunde sei kaum vertreten gewesen. \u201eEs war schockierend, dass vor allem Germanistik Theorie pur war\u201c, sagt die 23-j\u00e4hrige. Da sie nicht wei\u00df, welche berufliche Laufbahn sie mit ihrem Studium einschlagen sollte, m\u00f6chte sie \u201enochmal von vorne anfangen\u201c und ein Bachelorstudium in Public Management an der FH Ludwigsburg anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Anders sieht es in den Naturwissenschaften aus. Christine Schedel, im ersten Semester ihres Bachelorstudiums in Chemie, war \u00fcberrascht, dass ihr Studiengang bereits jetzt so praxisorientiert ist. Bereits die Erstis verbringen viel Zeit im Labor, wo sie vorgegebene Versuche selbstst\u00e4ndig durchf\u00fchren d\u00fcrfen. Da ihr das gro\u00dfen Spa\u00df macht, wei\u00df sie schon, dass sie nach dem Abschluss eine Promotion anschlie\u00dfen m\u00f6chte. \u201eIn Chemie geh\u00f6rt das einfach dazu, daf\u00fcr verdient man dann anschlie\u00dfend ein Schweinegeld\u201c, sagt die 19-j\u00e4hrige strahlend. Genaueres \u00fcber diesen Beruf mit der guten Bezahlung wei\u00df sie allerdings noch nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ebenfalls sehr praxisorientiert sieht Tanja D\u00f6tsch ihr Diplomstudium in Biologie, das sie jetzt, nach elf Semestern, abschlie\u00dft. Bereits seit einer Begegnung mit einem Pantoffeltierchen in der 6. Klasse m\u00f6chte die heute 26-j\u00e4hrige Mikrobiologie studieren und in diesem Bereich arbeiten. Nun steht sie jeden Tag im Labor, wie sie es sich schon so lange gew\u00fcnscht hatte, und m\u00f6chte nach dem Abschluss ebenfalls promovieren. \u201eOhne Doktortitel findet man einfach keine Arbeit, au\u00dferdem verdient man dann besser.\u201c Aber selbst jetzt, wo ihr Abschluss so nahe ist, wei\u00df Tanja noch nicht, wo sie nach der Promotion arbeiten m\u00f6chte. Auch an der Uni zu bleiben ist f\u00fcr sie eine M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dass Studierende im ersten Semester meistens noch nicht wissen, wie ihre berufliche Zukunft einmal aussehen wird, ist keine Seltenheit, egal ob in den Geistes-, Gesellschafts- oder Naturwissenschaften. Offensichtlich f\u00fchrt das Studium aber nicht zwangsl\u00e4ufig zu einer Antwort auf diese Frage, sodass selbst Letztsemester kurz vor ihrem Abschluss oft nicht sagen k\u00f6nnen, wie es weitergehen soll. Wenigstens sind sie mit dieser Unsicherheit nicht allein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer nach dem Schulabschluss eine Lehre aufnimmt, wei\u00df normalerweise, dass ihn diese Ausbildung zu einem bestimmten Beruf f\u00fchrt. 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