{"id":5859,"date":"2015-12-10T15:35:09","date_gmt":"2015-12-10T15:35:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=5859"},"modified":"2021-02-20T15:26:52","modified_gmt":"2021-02-20T15:26:52","slug":"anarchistische-dozenten-gegen-pruede-studenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/12\/10\/anarchistische-dozenten-gegen-pruede-studenten\/","title":{"rendered":"Anarchistische Dozenten gegen pr\u00fcde Studenten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Ein Mittwochabend und immer noch tummeln sich Studierende im Vorlesungssaal des Kupferbaus. Doch es ist nicht nur der Sektempfang, wegen dem die meisten gekommen sind. Der Debattierclub Streitkultur e.V. rief wieder zum Wettstreit Professoren gegen Studenten aus, um auf die Probe zu stellen, ob der Sch\u00fcler inzwischen den Meister \u00fcbertroffen hat. Das Thema des Abends: \u201eRegeln sind dazu da, um gebrochen zu werden &#8211; Solltest Du bei roter Ampel \u00fcber die Stra\u00dfe gehen, wenn es niemand sieht?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie \u00fcblich teilte sich die Debatte in zwei Teams. Die Regierung, die den Standpunkt verteidigt, und die Opposition, die versucht, diesen argumentativ zu untergraben. Ungewohnt f\u00fcr die T\u00fcbinger Professoren, mussten sie die Position der rebellischen Verkehrss\u00fcnder einnehmen, w\u00e4hrend sich die Studierende f\u00fcr das Ampelm\u00e4nnchen einsetzten. Jeweils drei Kandidaten und zwei freie Sprecher, die sich im Laufe der Diskussion f\u00fcr eine Seite entscheiden mussten, traten gegeneinander an. Abwechselnd brachten die Vertreter der Parteien ihre Argumente vor und durften dabei das Zeitlimit von sieben Minuten nicht \u00fcberschreiten.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Debattiertalente gegen erfahrene Professoren<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie es dem Anlass des Abends geb\u00fchrte, sa\u00dfen die Professoren, angef\u00fchrt vom ehemaligen Dekan der Juristischen Fakult\u00e4t Dr. J\u00f6rg Kinzig, in der Mitte des Tisches. Begleitet wurde er von Dr. Matthias Bauer aus dem Lehrstuhl der Englischen Philologie und Dr. Markus Rieger-Ladich, Professor f\u00fcr Allgemeine P\u00e4dagogik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu ihrer Linken hatten sich die Studenten positioniert, vertreten durch die drei Spitzenredner des Debattierclubs Streitkultur e.V.: Lennart Lockstein, Sarah Diederich und Konrad G\u00fctschow. Auch die freien Sprecher waren durch jeweils einen Studierenden und einen Professor repr\u00e4sentiert: Zum einen durch den Dogmatiker Dr. Martin Kirschner sowie Streitliebhaber Moritz Rudolph.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Kadavergehorsam und Zeitverschwendung<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAls Jurist kann man zwar wenig, aber wenigstens eine gute Gliederung\u201c, begann Dr. Kinzig seine Erl\u00e4uterung, in der er auf humorvolle Art die Ampel als Zeitverschwendung abtat. Au\u00dferdem w\u00fcrde Chaos im Stra\u00dfenverkehr die Aufmerksamkeit der Fahrer f\u00f6rdern und ein gelegentlicher Gesetzesbruch den Berufsstand des Juristen sichern.\u00a0\u201eStellen sie sich vor, wie ohne Regelbr\u00fcche die arbeitslosen Juristen die ganzen anderen Fachbereiche fluten w\u00fcrden. Wollen sie denn wirklich mit Juristen studieren?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch seine Kollegen bewiesen, dass ihnen die Jahre im Lehrstuhl nicht nur graue Haare bereitet, sondern sie auch einiges an rednerischem Geschick gelehrt hatten. Dr. Rieger-Ladich traf daher mit dem Argument des Kadavergehorsams aus dem dritten Reich einen wunden Punkt.\u00a0Kadavergehorsam bezeichnet die vollkommene Befehlsbefolgung bis hin in den Tod. Was nicht un\u00e4hnlich dem Umstand sei, an einer unbefahrenen Stra\u00dfe mitten in der Nacht auf eine gr\u00fcne Ampel zu warten, wie der freie Redner Dr. Kirschner bemerkte.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u00dcberfahren wird man nur einmal<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegenzug wies die Opposition darauf hin, dass Gesetze, im gesellschaftlichen Konsens geschaffen, auch entsprechend eingehalten werden sollten. Ein besonders einfallsreiches Argument stammte von Erstredner Lennart Lockstein: \u201eNat\u00fcrlich denken wir uns alle, dass wir eine solche Ampelsituation richtig einsch\u00e4tzen k\u00f6nnten. Aber kennt nicht jeder jemanden, dem man das nicht zutrauen w\u00fcrde, auch wenn dieser jemand glaubt, es besser zu wissen?\u201c\u00a0Beispielsweise k\u00f6nne auch ein Kind auf eigene Faust lernen, dass die Herdplatte hei\u00df ist und sich einige Male verbrennen, bekr\u00e4ftigte Sarah Diederich dies in ihrer Rede. Aber im Gegensatz dazu lie\u00dfe es sich meistens nur einmal \u00fcberfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Allgemeinen zeichnete sich die Diskussion der Studierenden durch einen etwas ernsteren Ton aus und einige Male drohte die Opposition wegen Zwischenrufen von Dr. Kinzig vor Lachen aus dem Konzept zu kommen. Am Ende erinnerte ihr Portr\u00e4t von Vater Staat ein wenig an George Orwells Roman 1984, in dem sich die Gesellschaft der Allwissenheit der Partei unterworfen hat. Das machte es der Mehrheit der liberalen Rotampelignorierer der T\u00fcbinger Studierenden einfacher einen Sieger zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Gener\u00f6se Gewinner, faire Verlierer<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Kuchen wurden die Professoren zum Gewinner erkl\u00e4rt, den sie gro\u00dfz\u00fcgig mit Opposition und Publikum teilten. Dass die Professoren, wie im letzten Jahr, zu Recht gewonnen hatten, waren sich alle einig.\u00a0\u201eSie hatten eine gewisse Lockerheit an sich. Ich fand es sehr gut\u201c, bemerkte Thomas S., der zum ersten Mal die Veranstaltung besuchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch sollte der Anlass nicht nur dazu dienen, den Vertretern der Streitkultur die M\u00f6glichkeit zu geben, ihre F\u00e4higkeiten an alteingesessenen Dozenten zu erproben. In erster Linie ging es darum, den Professoren auf Augenh\u00f6he zu begegnen und sie f\u00fcr die Studierenden nahbarer oder zumindest menschlicher zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist immer gerechtfertigt, wenn die Professoren gewinnen. Sie machen sich sympathisch, weil sie sich in den Vergleich mit ihren Studenten wagen\u201c, erkl\u00e4rt der gute Verlierer, Lennert Lockstein.\u00a0Tats\u00e4chlich sah man die Redner im Nachhinein noch in angeregten Gespr\u00e4chen mit dem Publikum und Professoren, w\u00e4hrend der \u00a0Siegeskuchen gemeinschaftlich verspeiste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer selbst einmal daran interessiert ist, sich Kopf an Kopf mit den Studierenden und Professoren der Uni T\u00fcbingen zu messen, kann Dienstags um 20 Uhr in der Neuen Aula bei <a href=\"http:\/\/www.streitkultur.net\/\">Streitkultur e.V.<\/a>\u00a0 vorbeischauen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mittwochabend und immer noch tummeln sich Studierende im Vorlesungssaal des Kupferbaus. 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