{"id":5960,"date":"2015-12-15T17:08:08","date_gmt":"2015-12-15T17:08:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=5960"},"modified":"2021-02-20T15:25:13","modified_gmt":"2021-02-20T15:25:13","slug":"ich-war-absurd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2015\/12\/15\/ich-war-absurd\/","title":{"rendered":"\u201eIch war absurd\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Ein literarischer Jungstar in T\u00fcbingen: Benedict Wells ver\u00f6ffentlichte mit 23 Jahren seinen ersten Roman, der zum Bestseller wurde. Als \u201eAusnahmetalent in der jungen deutschen Literatur\u201c betitelte ihn das ZDF heute-journal. Was seine Motivation war und wie er seinen Traum verwirklichte, erz\u00e4hlte er im Gespr\u00e4ch bei Querfeldein am Montagabend im Ribingurumu.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war voll im Ribi, die guten Pl\u00e4tze waren schon einige Zeit vor Beginn belegt. Je n\u00e4her die Veranstaltung r\u00fcckte, je gedimmter die Lichter wurden, desto merklicher stieg die Spannung. Sie entlud sich in einem tosenden Applaus, als die zwei Moderatorinnen Sophie Glaser und Maren H\u00f6lscher ihren Gast\u00a0auf die B\u00fchne baten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer allgemeinen Begr\u00fc\u00dfung und ein paar Schwierigkeiten mit den Mikrofonen, fragten sie ihn sogleich nach seiner Kindheit in Bayern, die er gr\u00f6\u00dftenteils in staatlichen Internaten verbracht hatte. \u201eIch war absurd\u201c, sagte Wells \u00fcber sich, da er der evangelischen Konfession angeh\u00f6rte und auf einem katholischen Internat war. Seiner bayerischen Herkunft sei es auch geschuldet \u2013 f\u00fcgte er l\u00e4chelnd und fast entschuldigend zu \u2013 warum er das \u201eR\u201c seltsam ausspreche.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5958\" aria-describedby=\"caption-attachment-5958\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2913.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5958 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2913-1008x672.jpg\" alt=\"IMG_2913\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5958\" class=\"wp-caption-text\">Wells las im voll besetzten Ribi einige Passagen aus seinem Bestseller-Roman &#8222;Becks letzter Sommer&#8220; vor \u2013 das Publikum lauschte und lachte.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Leidenschaft vor Talent<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits mit sieben Jahren schrieb Wells seine erste kleine Geschichte: \u201eDie Katze\u201c. Querfeldein hatte sie aus dem Verborgenen geholt und las sie vor. Immer tiefer versank Wells da in der Couch, je weiter die Geschichte um die Katze Lucy voranschritt. Am Ende kommentierte es Wells, der zum Schluss grinsend auf dem Sofa lag, schlichtweg mit einem \u201eDas war jetzt hart\u201c. Das Publikum jedoch hatte viel zu Lachen: Es f\u00e4ngt wohl jeder mal klein an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Schreiben begann er aus Langeweile. Die Zeit bei seiner Mutter in der Schweiz und den lediglich drei Fernsehsendern lie\u00dfen ihn nach einer anderen Besch\u00e4ftigung suchen. Er betonte dabei, dass Leidenschaft f\u00fcr Schriftsteller wichtiger sei als das Talent. \u201eDas wahre Talent ist der Wille\u201c. Dieser Wille zog sich durch seine kommende Laufbahn.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5959\" aria-describedby=\"caption-attachment-5959\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2922.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5959 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2922-1008x672.jpg\" alt=\"IMG_2922\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5959\" class=\"wp-caption-text\">Querfeldein zeigte den Trailer von &#8222;Beck letzter Sommer&#8220; mit Christian Ulmen in der Hauptrolle: Er was Wells\u00b4 Wunschkandidat.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist kein Mut, sondern Freiheit\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wells zog mit 19 Jahren in eine kleine Bruchbude in Berlin. Ohne finanzielle Unterst\u00fctzung wagte er es: Statt zu studieren, wollte er ein Buch schreiben. Und hatte nach drei Jahren Erfolg. In den ersten beiden Jahren sei er \u201eeinfach nicht gut genug\u201c gewesen. Wells beschloss, sich noch ein weiteres Jahr Zeit zu geben; danach k\u00f6nne er immer noch studieren. Bei seinen Schreibversuchen suchte er immer wieder Kritik und hatte schlussendlich Erfolg: Der ehrw\u00fcrdige Diogenes Verlag verlegte 2008 seinen ersten Roman \u201eBecks letzter Sommer\u201c. F\u00fcr ihn war klar: \u201eDas will ich f\u00fcr immer machen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Frage ob es mutig war, einfach nach Berlin zu ziehen, ohne Geld und nur mit dem Plan, einen Roman zu schreiben, antwortete er knapp: \u201eDas ist kein Mut, sondern Freiheit!\u201c In den Zwanzigern sei so eine Phase des Ausprobierens und des Sich-findens absolut legitim.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eFast zu viel\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er das erste gedrucktes Exemplar von \u201eBecks letzter Sommer\u201c in H\u00e4nden hielt, konnte er es zun\u00e4chst gar nicht glauben. F\u00fcr Wells wirkte es surreal und war \u201efast zu viel\u201c. Erst einige Zeit sp\u00e4ter wurde ihm bewusst, was er geschafft hatte. Er war der damals j\u00fcngste Autor, den der Diogenes Verlag unter Vertrag genommen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er anschlie\u00dfend eine Passage aus \u201eBecks letzter Sommer\u201c vorlas, hing das Publikum wie gebannt an seinen Lippen.\u00a0Wells sagte anschlie\u00dfend, dass er nach der Fertigstellung des Buchs seine Figur Beck vermisst habe, denn: \u201eIch habe ihn wirklich geliebt.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_5957\" aria-describedby=\"caption-attachment-5957\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2858.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5957\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2858-1008x672.jpg\" alt=\"Mit einem Weizenbier las es sich doch gleich viel besser: Wells sprach auch \u00fcber seine &quot;bayerischen Wurzeln&quot;.\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5957\" class=\"wp-caption-text\">Mit einem Weizenbier las es sich doch gleich viel besser: Wells sprach auch \u00fcber seine &#8222;bayerischen Wurzeln&#8220;.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Autobahn muss leer sein<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wells ist eine Nachteule par excellence. Nachts sei er hellwach und \u201eeinfach nicht m\u00fcde\u201c. Deswegen schreibe er meistens auch zu sp\u00e4ter Stunde. Nur da h\u00e4tte man Zeit, ohne St\u00f6rungen, ohne Newsfeed. \u201eNachts ist die Autobahn leer.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schreibprozess sagte er, dass er bei \u201eBecks letzter Sommer\u201c schon vor Schreibbeginn pr\u00e4gnante Szenen vom Anfang und Ende im Kopf gehabt habe. Die Charaktere ver\u00e4nderten und entwickelten sich bei ihm aber erst beim Schreiben selbst. Zu Beginn waren sie nur vage Ideen. \u201eIch teste gerne aus\u201c, sagte Wells.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft \u00fcberarbeitete er seine Texte komplett. Das Highlight des Abends war ein unver\u00f6ffentlichtes \u201eOuttake\u201c, das aus \u201eBecks letzter Sommer\u201c gestrichen wurde. Eine Passage also, die laut Wells vor dem T\u00fcbinger Publikum noch nie jemand zu h\u00f6ren bekommen hat.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eEine schizophrene Sache\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im vergangen Sommer wurde \u201eBecks letzter Sommer\u201c verfilmt. F\u00fcr den Film w\u00fcnschte sich Wells von Beginn an Christian Ulmen in der Rolle des Beck, der sie dann auch bekam. Als er das Buch schrieb, hatte er hingegen niemand bestimmten im Kopf. Sind Buch und Film also voneinander entkoppelt? \u201eDas war eine schizophrene Sache\u201c, sagte er laut lachend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stimmung und Thematik seien in den beiden Medien g\u00e4nzlich unterschiedlich und demnach seien auch zwei verschiedene Geschichten entstanden. Auf die letzte Frage des Abends, ob ein Roman die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nne, antwortete Wells zielsicher: \u201eEr kann eine Welt ver\u00e4ndern, deine Welt oder meine Welt, aber nicht die ganze Welt.\u201c<\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\">Anmerkungen:<\/span> Im Februar n\u00e4chsten Jahres wird sein vierter Roman erscheinen.<br \/>\n<\/em><em><br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Paul Mehnert<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein literarischer Jungstar in T\u00fcbingen: Benedict Wells ver\u00f6ffentlichte mit 23 Jahren seinen ersten Roman, der zum Bestseller wurde. 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