{"id":6002,"date":"2016-01-14T19:12:30","date_gmt":"2016-01-14T19:12:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=6002"},"modified":"2021-02-20T15:24:38","modified_gmt":"2021-02-20T15:24:38","slug":"gepflegter-wahnsinn-am-abend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/01\/14\/gepflegter-wahnsinn-am-abend\/","title":{"rendered":"Gepflegter Wahnsinn am Abend"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Nora Gomringer sagt von sich selbst, gepflegten Wahnsinn mit Sprache, das k\u00f6nne sie. Die Lyrikerin ist\u00a0die aktuelle Ingeborg-Bachmann-Preistr\u00e4gerin und besuchte am Mittwochabend T\u00fcbingen. Im H\u00f6lderlin-Turm trafen sich Vergangenheit und Moderne, Witz und bitterer Ernst, Gomringer und Goethe.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch werde jetzt etwas mit der Sprache machen.\u201c\u00a0Nora Gomringer machte keine leeren Versprechungen. So begann im altehrw\u00fcrdigen H\u00f6lderlin-Turm ein unterhaltsamer Abend in lockerer und freundlicher Atmosph\u00e4re. Die G\u00e4ste der g\u00e4nzlich ausverkauften Lesung lauschten gebannt der Wortk\u00fcnstlerin.\u00a0\u201eIch werde etwas ganz Erstaunliches machen mit der Sprache!\u201c, f\u00e4hrt sie fort.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Poesie als Coming-Out<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 1980 geborene schweizerisch-deutsche Lyrikerin nahm die G\u00e4ste ihrer Lesung an die Hand und f\u00fchrte sie durch wahrhaftig erstaunliche Landschaften und Bilder, die sie in ihren szenischen Gedichten entwirft. Als Tochter eines Dichters und einer Germanistin schien ihr Werdegang nat\u00fcrlich schon vorgezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Literatur sei ihr nie fern gewesen. Dass sie schreiben wolle, und es vor allem auch k\u00f6nne, das habe sie mit 20 gemerkt. \u201eIch habe meine Texte jemandem gezeigt, der nicht blutsverwandt ist, also nicht aus der Familie.\u201c Das positive Feedback ermunterte sie dazu, damit weiterzumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch schwierig war damals, so sagte sie, dem Vater mitzuteilen, dass sie dasselbe wie er machen wolle. Eine Art \u201eComing-Out\u201c sei das gewesen.\u00a0H\u00e4tte sie sich nicht der Lyrik verschrieben, w\u00e4re aus ihr eine Choreographin geworden \u2013 auch wenn man das jetzt nicht wirklich glauben k\u00f6nne, merkte sie augenzwinkernd an.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Ein tiefer Blick in die Dichterseele<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Blick zur\u00fcck auf den vorangegangenen Nachmittag: Eine ausgew\u00e4hlte Anzahl an Teilnehmern absolvierte\u00a0mit der mehrfach ausgezeichneten Autorin einen Workshop. In dessen Rahmen gew\u00e4hrt die fr\u00fchere Poetry-Slammerin tiefe Einblicke in ihre Werke und deren Hintergr\u00fcnde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sind auf der einen Seite die humorvollen Texte, w\u00e4hrend deren Vortrag kaum einer der Teilnehmer nicht mindestens kichern muss. Und dann sind da aber auch die dunklen, bedrohlichen Entw\u00fcrfe ihrer Poesie. So wie in \u201eMorbus&#8220; (lat.: Krankheit). Andere schreiben \u00fcber Liebe, sagt sie, sie lieber \u00fcber \u00c4ngste. \u201eMorbus\u201c stellt nach \u201eMonster Poems\u201c den zweiten monothematischen Gedichtband einer Trilogie dar, deren Abschluss das 2017 erscheinende \u201eMode\u201c markieren wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Antrieb f\u00fcr diese Reihe sei gewesen, die Poesie wie eine wissenschaftliche Arbeit zu betreiben. Sammeln und streichen habe ihre Vorgehensweise in diesem Fall gepr\u00e4gt. Weiterhin sollten die Themen der B\u00e4nde eine breite Oberfl\u00e4che haben \u2013 etwas, mit dem jeder etwas anfangen k\u00f6nne. Im Verlauf des von den Studentinnen Melissa Schlecht und Anna Chatzinikolaou organisierten Workshops entwickelten sich noch angeregte Diskussionen um Wortbedeutungen und Wortspiele. Und Nora Gomringer konnte eine gewisse Freude \u00fcber die rege Teilnahme nicht verbergen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Lesung zwischen Angst und Schnecken<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Beginn der Lesung hatte sich Dunkelheit \u00fcber den Neckar gelegt. Und still war es, als Gomringer das Gedicht \u00fcber die zwei Frank-Schwestern, Margot und Anne vortrug. \u201eFrau Typhus\u201c ist hier die personifizierte Angst, ein fassbares Wesen. Doch so bedr\u00fcckend das Gedicht \u00fcber die beiden in Bergen-Belsen\u00a0ermordeten Schwestern, ist, so am\u00fcsant ist wiederum \u201eEin \u00c4rgernis\u201c, ein vorab eingereichter Wunsch aus Reihen der Zuh\u00f6rer. Was die darin bedichtete Schnecke dort mache, das ist das zentrale Thema dieses Gedichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wunderbar sinnbefreit und unglaublich unterhaltsam, unterstrichen von der eindrucksvollen Modulation ihrer Stimme, l\u00f6st Nora Gomringer die zuvor erfahrene Betroffenheit aus den K\u00f6pfen der G\u00e4ste. W\u00e4hrend der gesamten Veranstaltung versteht es die Leiterin der bayerischen Villa Concordia, dem einzigen stattlich gef\u00f6rderten K\u00fcnstlerhaus Deutschlands, die Stimmung locker und freundlich zu halten. So lockert die Anekdote der Abiturientin aus Hamburg, die 2008 als einzige Gomringers Text \u201eDas Herz\u201c w\u00e4hlte, auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heulend habe diese sie am Telefon mit ihren Eindr\u00fccken und Ideen konfrontiert. Und, so sagt Nora Gomringer, ihr mit der Interpretation eine Freude gemacht. Dass sie in ihren Gedanken durchschaut worden sei, habe sie gefreut. Das Ende der Geschichte ist eine Musterinterpretation Gomringers selbst, die nach der Einreichung an das Kultusministerium der Abiturientin eine gute Leistung attestierte.\u00a0Die andere Wahlm\u00f6glichkeit sei Goethe gewesen \u2013 doch den k\u00f6nne man ja schlecht anrufen, lacht sie. Somit h\u00e4tte die Abiturientin ja alles richtig gemacht.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Herzensangelegenheit Poesie<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Gewinn des Bachmann-Preis, eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen Deutschlands, hatte sie nicht wirklich fassen k\u00f6nnen, gab sie zu Protokoll. Damit gerechnet habe sie noch weniger. Am Abend vor der Preisverleihung war sie noch in \u201eDie Minions\u201c ins Kino gegangen \u2013 um abschalten zu k\u00f6nnen. Und obwohl der Prosa- und Sieger-Text \u201eRecherche\u201c objektiv gesehen ihr gr\u00f6\u00dfter Erfolg ist, ist die Poesie doch ihre Herzensangelegenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sei aber auch froh, neben der Poesie als Leiterin der Villa Concordia noch einen \u201erichtigen\u201c Job zu haben, der ihr von Zeit zu Zeit auch neue Impulse f\u00fcr ihre Passion gebe. Fl\u00fcsternd endet dann ein unterhaltsamer, von Gegens\u00e4tzen gepr\u00e4gter Abend. \u201eDiesen Text gibt es gar nicht\u2026\u201c haucht Nora Gomringer in den H\u00f6lderlin-Turm. Und beweist mit ihrem bodenst\u00e4ndigen und nahbaren Auftritt, dass gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeiten der Literatur keineswegs solit\u00e4r existierende Denkmaschinen sein m\u00fcssen, sondern lebendige Menschen im Hier und Jetzt sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Homepage von Nora Gomringer:\u00a0<a href=\"http:\/\/nora-gomringer.de\/\">http:\/\/nora-gomringer.de\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nora Gomringer sagt von sich selbst, gepflegten Wahnsinn mit Sprache, das k\u00f6nne sie. Die Lyrikerin ist\u00a0die aktuelle Ingeborg-Bachmann-Preistr\u00e4gerin und besuchte am Mittwochabend T\u00fcbingen. 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