{"id":660,"date":"2012-05-17T16:00:26","date_gmt":"2012-05-17T16:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=660"},"modified":"2021-02-21T13:50:07","modified_gmt":"2021-02-21T13:50:07","slug":"zwischen-den-welten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2012\/05\/17\/zwischen-den-welten\/","title":{"rendered":"Zwischen den Welten"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #004b88;\"><strong>Vom 14. bis 23. August 2011 fuhr eine Gruppe T\u00fcbinger auf der schwimmenden Universit\u00e4t \u201ePeace Boat\u201c mit. Ihre Reise f\u00fchrte sie von Jordanien \u00fcber \u00c4gypten bis nach Griechenland. W\u00e4hrenddessen standen sowohl Veranstaltungen zu friedenspolitischen Themen als auch ein eigenes Theaterst\u00fcck auf dem Programm.<\/strong><\/span><br \/>\n<em>von Hannah Kommol<\/em> <!--more--><br \/>\nJe nach Nervenkost\u00fcm des Schauspielers kann die Auff\u00fchrung eines Theaterst\u00fccks schon eine enorme Herausforderung darstellen. Kommt zur normalen Nervosit\u00e4t noch der Wellengang des Mittelmeers und eine Fremdsprache hinzu, wird manch einer weit vom Ruhepuls entfernt sein. Wie hoch der Puls der 20 T\u00fcbinger Studenten bei der Auff\u00fchrung ihres Theaterst\u00fccks \u201e65 Years of Dealing with the Past in Germany\u201c an Bord eines Schiffes tats\u00e4chlich war, ist nicht \u00fcberliefert. Allerdings kann man bei schwankendem Untergrund schon einmal weiche Knie bekommen.<br \/>\nBereits weit vor der Theaterauff\u00fchrung begann die Reise der T\u00fcbinger Gruppe. Die japanische NGO \u201ePeace Boat\u201c hatte zur Teilnahme an der \u201e74th Global Peace Voyage\u201c geladen. Mehrmals im Jahr umrundet die NGO mit dem gleichnamigen Kreuzfahrtschiff die Welt. Auf den Reisen werden auch ehemalige und aktuelle Konfliktherde angesteuert. Durch ein vielf\u00e4ltiges Bildungsprogramm an Bord sollen die Passagiere f\u00fcr Themen wie Menschenrechte, Frieden oder Umweltbewusstsein sensibilisiert werden. Ihren Ursprung nahm die NGO 1983 als japanische Studenten ein Schiff charterten. Sie wollten, wegen Zensur im eigenen Land, von ihren Nachbarn erfahren, wie diese Krieg erlebt hatten. T\u00fcbingen schickt seit 2005 alle zwei Jahre eine Gruppe auf die schwimmende Universit\u00e4t. F\u00fcr die 20 T\u00fcbinger StudentInnen ging es am 11. August mit zwei Betreuerinnen in das jordanische Amman. Bereits am n\u00e4chsten Tag stand der Besuch des Fl\u00fcchtlingscamps Madaba an.<br \/>\nDas Camp ist ein Resultat des Sechs-Tage-Krieges von 1967. Heute noch leben dort 104.000 pal\u00e4stinensische Fl\u00fcchtlinge. \u201e\u00c4u\u00dferlich macht die Siedlung den Eindruck eines normalen Stadtteils\u201c, so Jerome Kuchejda, 27, Masterstudent der Friedensforschung und internationalen Politik. \u201eEinige H\u00e4user haben Strom und flie\u00dfend Wasser, allerdings nicht alle und der Wohlstand der Familien ist doch sehr unterschiedlich\u201c, erkl\u00e4rt er. Im Camp trafen sich die T\u00fcbinger mit Vertretern der Verwaltung und mit Frauen des Women Centers, die zum Beispiel selbst Schmuck herstellen. Die Nacht verbrachten sie jeweils zu zweit bei einer Familie.<br \/>\nDabei ist Jeromes Kommilitone Patryk Grudzinski, 26, besonders die Gastfreundschaft der ihrigen in Erinnerung geblieben. Dies ist jedoch nicht das Einzige: \u201eDie Bewohner sind stark von der Vertreibung beeindruckt, auch die j\u00fcngere Generation, die bereits im Camp geboren ist.\u201c Gerade Letztere sprechen noch von ihrem Recht auf R\u00fcckkehr in das Land der Vorfahren, obwohl sie \u201ejordanische P\u00e4sse haben und in diesem Land teils zur Uni gehen\u201c, erz\u00e4hlt Patryk von seinen Erfahrungen.<br \/>\nErst sp\u00e4ter erfuhren die Studenten von ihrem \u00dcbersetzer Rami, dass es beim Treffen mit der Campverwaltung die Vermutung gab, die kritischen Fragen der jungen T\u00fcbinger seien diesen zuvor aufgetragen worden. Nach einem beeindruckenden Beginn f\u00fchrte die Reise der Mitteleurop\u00e4er bis nach Aqaba weiter. In der jordanischen Hafenstadt ging es endlich an Bord des Schiffes \u201ePeace Boat\u201c. Mit Pools, einem Fu\u00dfballfeld und zwei Restaurants wusste das Schiff aus den 70ern durchaus zu gefallen. Allerdings war man nicht zum Ferienschippern angetreten und so standen in den folgenden Tagen Workshops auf See an.<\/p>\n<p>Diese reichten vom \u201eArabischen Fr\u00fchling\u201c bis zur Arbeit \u00fcber \u201edas Internationale Straftribunal f\u00fcr das fr\u00fchere Jugoslawien\u201c. Geleitet wurden die Workshops von Mitgliedern der NGO oder von Gastdozenten, die schon mehrmals auf dem \u201ePeace Boat\u201c mitgefahren sind. Ebenfalls an Bord waren mehrere hundert Passagiere, haupts\u00e4chlich aus Japan, aber auch aus China und Korea. Der hohe Altersdurchschnitt ist wohl den Kosten der Reise geschuldet, die f\u00fcr 100 Tage bei circa 10.000 US-Dollar liegen. Mit ungef\u00e4hr 1.100 Euro pro Kopf schlug die Reise f\u00fcr die T\u00fcbinger zu Buche. Einen Teil mussten sie selbst finanzieren, der Rest wurde durch Stipendien oder mit Geld aus Fundraising-Aktionen bezahlt.<br \/>\nAn sich ist die Teilnahme an der Exkursion f\u00fcr T\u00fcbinger unterschiedlichster Studienf\u00e4cher offen. Allerdings haben Studenten des Masters Vorrang, den Patryk und Jerome studieren. Ihren ersten Landgang absolvierte die 22-k\u00f6pfige Gruppe in Kairo. W\u00e4hrend die anderen Passagiere touristischen Aktivit\u00e4ten nachgingen, besuchte sie das \u201eEgyptian Council for Foreign Affairs\u201c.<\/p>\n<p>An der Seite der Europ\u00e4er war ein Fremdenf\u00fchrer sowie ein Sicherheitsmann der \u00e4gyptischen Touristenpolizei. Nachdem in den 90ern nach einem schweren Anschlag in Luxor die Tourismusbranche einbrach, werden gr\u00f6\u00dfere Gruppen von einer Sicherheitsperson begleitet. Ein weiterer Programmpunkt sollte ein Treffen mit Mitgliedern der \u201eBewegung 6. April\u201c sein. Diese waren entscheidend an den Protesten beteiligt, die zum Sturz Mubaraks f\u00fchrten. Nach mehrst\u00fcndigem Warten im vereinbarten Restaurant wurde jedoch klar, es w\u00fcrde kein Treffen geben. \u201eWir wissen nicht, warum niemand aufgetaucht ist\u201c, berichtet Jerome. Die Organisation dieser Verabredung hatte die \u201ePeace-Boat\u201c-Mitarbeiterin Jasna drei Monate gekostet. Auf die Frage, ob Einheimische Interesse an der offensichtlich fremden Gruppe hatten, erwidert er: \u201eJa, sehr viel. Ich habe mit mehreren gesprochen.\u201c Am Ende eines ereignisreichen Tages musste es schnell wieder zum \u201ePeace Boat\u201c gehen. Wer nicht rechtzeitig zum Ablegen da war, hatte die l\u00e4ngste Zeit an Bord der \u201eFriedensuniversit\u00e4t\u201c verbracht.<br \/>\nDen Wechsel von der muslimischen Welt an Land auf das asiatisch gepr\u00e4gte Schiff beschreibt Patryk als krass. \u201eDas sind definitiv mehr als zwei Welten.\u201c Besonders intensiven Kontakt mit der japanischen Kultur genossen die T\u00fcbinger an einem Nachmittag an Bord. Engagierte Passagiere halfen beim Origamifalten oder zeigten, wie man Namen auf Japanisch schreibt. \u201eDie Japaner sind sehr freundlich und entgegenkommend. Aber auch ihre Demut und Bescheidenheit sind sehr beeindruckend\u201c, erinnert er sich. Jerome pflegt auch einige Monate nach Ende ihrer Reise noch Kontakte nach Asien.<br \/>\nAm Abend des 19. August war die Stunde der eigenen Pr\u00e4sentation gekommen. Das Theaterst\u00fcck besch\u00e4ftigte sich mit der deutschen Bew\u00e4ltigung der Nazi-Vergangenheit. Der Programmpunkt war den Passagieren angek\u00fcndigt worden. Nach einer Generalprobe machten sich die Studenten an eine, auf Englisch gehaltene, 40-min\u00fctige Pr\u00e4sentation. Diese wurde schlussendlich doppelt so lange, da zwischendurch immer wieder von Englisch in Japanisch \u00fcbersetzt wurde. Vor ungef\u00e4hr 150 G\u00e4sten kamen auch Power Point, Musik und Videos zum Einsatz. In sp\u00e4teren Gespr\u00e4chen stellte sich die japanische Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit als sehr anders zur deutschen heraus. So lernen japanische Sch\u00fcler viele Fakten, aber reflektieren und kritisieren weniger.<br \/>\nDie Vorbereitung auf die Exkursion samt Theaterst\u00fcck begann ein halbes Jahr vorher. Verpflichtend musste ein Seminar zur B\u00fcrgerkriegsanalyse besucht werden. Au\u00dferdem gab es ein Blockseminar, welches die beiden Betreuerinnen als Kooperation zwischen dem Institut f\u00fcr Politikwissenschaft der Uni und dem Institut f\u00fcr Friedensp\u00e4dagogik T\u00fcbingen e.V., durchf\u00fchrten. Es diente Organisatorischem, wie der Planung einer Fundraising-Party. Auch das Theaterst\u00fcck entstand hier. Ob dieser Arbeit war Jerome froh \u00fcber die Exkursion: \u201eDie Vorbereitung war rein wissenschaftlich, da ist der praktische Einblick wichtig und gut.\u201c Die Route des \u201ePeace Boat\u201c f\u00fchrte die T\u00fcbinger noch \u00fcber einen zweit\u00e4gigen Aufenthalt in Istanbul schlie\u00dflich bis in den Hafen von Pir\u00e4us.<br \/>\nNach gro\u00dfer Verabschiedung gingen die Zweiundzwanzig in Griechenland von Bord. Die schwimmende Universit\u00e4t setzte ihre Reise fort, die sie unter anderem noch nach Frankreich, Russland und Mexiko bis in den Heimathafen Yokohama brachte. Derweil hatten es die Studenten und ihre Betreuerinnen zur\u00fcck nach Deutschland geschafft, mit vielenErinnerungen im Gep\u00e4ck. Einen Teil dieser haben sie Neugierigen in einem <a title=\"Peaceboat Blog\" href=\"http:\/\/www.peaceboat.uni-tuebingen.de\">Blog<\/a> hinterlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 14. bis 23. August 2011 fuhr eine Gruppe T\u00fcbinger auf der schwimmenden Universit\u00e4t \u201ePeace Boat\u201c mit. 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