{"id":6852,"date":"2016-05-16T11:41:16","date_gmt":"2016-05-16T09:41:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=6852"},"modified":"2016-05-16T11:41:16","modified_gmt":"2016-05-16T09:41:16","slug":"integration-bedeutet-den-anderen-verstehen-zu-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/05\/16\/integration-bedeutet-den-anderen-verstehen-zu-lernen\/","title":{"rendered":"\u201eIntegration bedeutet, den anderen verstehen zu lernen.\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Monzer Haider ist aus Aleppo geflohen- und studiert jetzt als einer der ersten Fl\u00fcchtlinge an der Uni T\u00fcbingen. Ein Ort, der f\u00fcr ihn zum Startpunkt f\u00fcr ein neu erdachtes Syrien werden soll.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seinen Blick mal interessiert nach vorne gerichtet, mal doch wieder auf die Uhr, sitzt Monzer Haider im Halbdunkel des H\u00f6rsaals. Der aus Frankfurt zugeschaltete Professor referiert gerade \u00fcber den sogenannten Islamischen Staat, die Studierendenschaft notiert eifrig mit. Nichts scheint Monzer von seinen KomilitonInnen zu unterscheiden an diesem Abend an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Erst der Blick auf seinen Block verr\u00e4t mehr: Seine Notizen macht Monzer auf Arabisch. Und das Land, dessen Schicksal der Professor bespricht, ist seine Heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor drei Jahren hat Monzer Aleppo verlassen. Dass der 24-j\u00e4hrige in T\u00fcbingen im zweiten Semester Politikwissenschaft und \u201eSprachen, Kulturen und Geschichte des Nahen Ostens\u201c studiert, bedeutet f\u00fcr ihn das vorl\u00e4ufige Ankommen nach einer bisweilen qu\u00e4lend langen Reise. Ob Revolution, Krieg, Flucht oder Integration- die Schlagw\u00f6rter dieser, unsere Zeit bestimmenden Krise, sie k\u00f6nnten s\u00e4mtlich als \u00dcberschriften herhalten f\u00fcr die Kapitel seiner eigenen Geschichte.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Hoffnung auf den Wandel<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon als Monzer 2010 Abitur machte, ein Jahr vor der Revolution, bekam er die gesellschaftlichen Spannungen zu sp\u00fcren, die seit der Macht\u00fcbernahme durch den Assad-Clan immer st\u00e4rker geworden sind und deren Ergebnis heute ein zertr\u00fcmmertes Land ist: Freunde und Verwandte rieten ihm davon ab, Politik zu studieren, weil sie f\u00fcrchteten, als Kurde k\u00f6nne Monzer in Schwierigkeiten geraten, w\u00fcrde er politisch aktiv. Er entschied sich f\u00fcr ein Jurastudium in seiner Heimatstadt Aleppo. Als kurz darauf im S\u00fcden des Landes die Demonstrationen gegen Pr\u00e4sident Baschar Al-Assad begannen, konnte Monzer sich schnell f\u00fcr die Ideen der erhofften Revolution begeistern: \u201eDas war das erste Mal, dass wir \u00fcber Politik diskutiert haben. Davor haben wir wie Tiere gelebt, haben funktioniert und gearbeitet, aber das Denken hat man uns nicht erlaubt.\u201c, sagt er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele junge Menschen sehen ihre Zeit gekommen und so ist die Universit\u00e4t auch der erste Ort, an dem in Aleppo demonstriert wird: \u201eIrgendwann war die Uni zur H\u00e4lfte voll mit Polizei. Wir mussten extrem aufpassen.\u201c Der Geheimdienst, meint Monzer, habe manchmal gezielt versucht Diskussionen anzufachen, um ihnen regimekritische S\u00e4tze zu entlocken. Im M\u00e4rz 2012 schlie\u00dflich wird Monzer tats\u00e4chlich am helllichten Tag aus einem Bus gezerrt und festgenommen. Ein Freund hatte zu ihm gesagt: \u201eDas mit der Polizei ist alles wegen Euch!\u201c. Mit Euch meinte er die Demonstranten. Das verstand auch ein Mitarbeiter des Geheimdienstes, der ihn gemeinsam mit zwei Freunden abf\u00fchren lie\u00df. Zehn Tage verbrachte Monzer in einer Zelle, wurde mit verbundenen Augen befragt und musste miterleben, wie die Polizei Mith\u00e4ftlinge folterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch einen einflussreichen Verwandten seines Freundes entkam er schlie\u00dflich. Doch gerade der gesellschaftlichen Eliten wegen war es ihm unm\u00f6glich weiter in Aleppo zu studieren: Von seinen Kommilitonen aus der Rechtswissenschaft geh\u00f6rten viele einflussreichen Familien an, die der Revolution zumeist mit Ablehnung begegneten. Er wurde zwar nie offiziell exmatrikuliert, die Uni aber konnte Monzer nicht mehr bedenkenlos betreten. Im Mai schlie\u00dflich brach er gemeinsam mit seiner Mutter, seinen vier Schwestern und seinem Bruder in die Region um Afrin auf, wo seine Mutter in einem kleinen Dorf, direkt an der t\u00fcrkischen Grenze, aufgewachsen war. Von dort ging es nach zwei Monaten weiter in die T\u00fcrkei.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir waren frei, haben den ganzen Tag Nachrichten gesehen und diskutiert.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Aufbruch in eine fremde Welt<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">In T\u00fcbingen sitzt Monzer nach der Vorlesung auf einer Bank vor der Universit\u00e4tsbibliothek. Die Sonne scheint, ein bemannter Rasenm\u00e4her pfl\u00fcgt durch das hoch gewachsene Gras und verschlingt zum ersten Mal in diesem Jahr auch die frische Bl\u00fctenpracht. Als Monzer von der Ankunft in der T\u00fcrkei berichtet, beginnt er zu strahlen: \u201eWir waren frei, haben den ganzen Tag Nachrichten gesehen und diskutiert.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach zwei Wochen verlie\u00df er das Land allerdings wieder. Dieses Mal alleine. Als syrischer Kurde in der T\u00fcrkei zu studieren w\u00e4re nur schwer m\u00f6glich gewesen, meint er. Viele Gefl\u00fcchtete, die sich nach Europa aufgemacht haben, berichten von der T\u00fcrkei als dem Ort ihrer unangenehmsten Erfahrungen- nicht erst, seit Erdogan an der Grenze auf Menschen schie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Tante Shukran Ali und ihr Mann Muharam, die beide seit 30 Jahren in Bonn leben, finanzierten seine Fahrt nach Deutschland. Ein befreundeter LKW-Fahrer nahm Monzer aus der T\u00fcrkei mit bis nach Bonn. \u201eF\u00fcnf Tage dauerte das und es war sehr anstrengend. Immer wieder musste ich mich verstecken, an jeder Grenze die Angst vor Polizeikontrollen.\u201c, erz\u00e4hlt Monzer und f\u00fcgt hinzu: \u201eAm schlimmsten aber war, dass ich gar nicht weg wollte. Du wohnst dein ganzes Leben mit deiner Familie in einem Haus und pl\u00f6tzlich bist du alleine. Ich wusste ja nicht, was kommt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was dann kam, war zun\u00e4chst ein st\u00e4ndiges Hin- und her. Nach zwei Wochen bei seiner Tante, stellte er einen Asylantrag in Dortmund. Von dort schickte ihn die Polizei in eine Unterkunft nach Bielefeld, sp\u00e4ter weiter nach Karlsruhe und schlie\u00dflich ins schw\u00e4bische N\u00fcrtingen. Mehrmals hatte er den Wunsch ge\u00e4u\u00dfert, in Bonn leben zu wollen, jedoch vergeblich.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Ideen f\u00fcr ein neues Syrien- Integration als Chance<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute aber f\u00fchlt er sich wohl am Neckar. Die ersten Monate bem\u00fchte er sich, so schnell wie m\u00f6glich Deutsch zu lernen: \u201eIch bin jemand, der gerne seine Meinung \u00e4u\u00dfert und das ging am Anfang nicht. Das hat mich sehr ge\u00e4rgert.\u201c Mittlerweile lebt Monzer bei einer befreundeten deutschen Familie im Ortsteil Reudern und hat die ben\u00f6tigten Pr\u00fcfungen bestanden, um in T\u00fcbingen zu studieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vergleich zur Orientierungslosigkeit der \u201eGeneration Praktikum\u201c allerdings, hat Monzer bereits ziemlich klare Vorstellungen davon, wohin ihn sei gewonnenes Wissen einmal f\u00fchren soll: \u201eIch habe das Studium begonnen, weil ich Syrien wieder aufbauen will.\u201c, sagt er. \u201eMan muss vern\u00fcnftig denken lernen und versuchen zu verstehen, warum das passiert. Das kommt nur durch ein Studium.\u201c St\u00e4ndig kreisten seine Gedanken um die alte Heimat, erz\u00e4hlt Monzer: \u201eSyrien ist wie ein Regenbogen. Syrien ohne Christen ist nicht Syrien, Syrien ohne Kurden auch nicht. Und ein Syrien ohne Muslime, ist auch kein Syrien.\u201c Er tr\u00e4umt von der Idee der Vielfalt des Menschen: \u201eIch glaube die L\u00f6sung ist, den Menschen als heilig in den Mittelpunkt zu stellen. Der Mensch an sich ist das Zentrale, nichts anderes.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe das Studium begonnen, weil ich Syrien wieder aufbauen will.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn es darum geht, die Idee eines vielf\u00e4ltigen, friedlichen Miteinanders zu entwickeln, hat Monzer ein Vorbild vor Augen: \u201eMan glaubt nicht, dass hier zwei Weltkriege waren. So viele Kulturen, so viele Religionen und so viele Menschen aus unterschiedlichen L\u00e4ndern. Von Deutschland kann ich viel lernen.\u201c, sagt er. Integration, so Monzer, sei nicht einfach ein Dienst an der deutschen Gesellschaft, aus Dankbarkeit heraus. Integration sei eine Chance, glaubt er und fordert sowohl die Politik als auch seine Landsleute: \u201eEs sollte einen klaren Plan geben, wie Integration funktionieren soll. Und wir Syrer sollten uns auch bem\u00fchen. Wenn wir unter uns bleiben, lernen wir nichts. Wenn wir aber die Chance nutzen, k\u00f6nnen wir viel Gutes mitnehmen.\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Gesellschaft lesen lernen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufruf \u201eLies!\u201c, Gottes Berufung an den Propheten Mohammed, so erkl\u00e4rt Monzer, passe auch zu seinem Leben: \u201eIch versuche, in der Gesellschaft zu lesen.\u00a0 Integration bedeutet, den anderen verstehen zu lernen.\u201c Anstatt durch die Brille der eigenen gesellschaftlichen Realit\u00e4t blickend, dem Gegen\u00fcber von vorne herein wertend zu begegnen, k\u00f6nne man sich auf die Realit\u00e4t des anderen einlassen, ihre Motive entdecken und die Ideen, die dahinter st\u00fcnden. Und schlie\u00dflich von ihnen lernen. Das gelte sowohl f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, als auch f\u00fcr Deutsche. Au\u00dferdem, sagt Monzer, hei\u00dfe Integration nat\u00fcrlich auch, sich an das Grundgesetz zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der Uni hilft Monzer als \u00dcbersetzter in N\u00fcrtingen und steht in engem Kontakt zur Stadtverwaltung. Seine Familie, die mittlerweile in Holland lebt, besucht er alle paar Monate. Nach Syrien aber hat er kaum noch Kontakt. Sein Freundeskreis ist zerstreut und Aleppo in den letzten Wochen einmal mehr ins Zentrum der Auseinandersetzungen ger\u00fcckt- mit schweren Bombardements, die wieder einmal den Tod und mit ihm unermessliches Leid \u00fcber die Menschen gebracht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rasenm\u00e4her f\u00e4hrt direkt an der Bank vorbei, auf der Monzer sitzt. Das Heulen des Motors durchbricht das Fr\u00fchlingsidyll. Ob es noch Hoffnung gibt? Monzer ist sich sicher: \u201eEs muss Hoffnung geben. Wenn ich nicht mehr hoffen kann, wieso sollte ich dann studieren? Ich glaube an das syrische Volk und das wir wieder zusammenfinden k\u00f6nnen.\u201c Sein nachdenklicher Blick schweift \u00fcber die Wiese, Monzer schweigt, bis der L\u00e4rm vor\u00fcbergezogen ist. Dann sagt er: \u201eWei\u00dft du, das L\u00e4cheln der syrischen Kinder ist verloren gegangen. Und unsere Aufgabe als Menschen ist es, ihnen dieses L\u00e4cheln zur\u00fcckzugeben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Foto:<\/span> Paul Mehnert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monzer Haider ist aus Aleppo geflohen- und studiert jetzt als einer der ersten Fl\u00fcchtlinge an der Uni T\u00fcbingen. 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