{"id":7246,"date":"2016-06-30T19:52:02","date_gmt":"2016-06-30T19:52:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=7246"},"modified":"2021-02-20T15:05:45","modified_gmt":"2021-02-20T15:05:45","slug":"brezeln-und-brexit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/06\/30\/brezeln-und-brexit\/","title":{"rendered":"Brezeln und Brexit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Es ist ein beinahe patriotischer Anblick. Brezeln, gebacken in Form der Buchstaben EU f\u00fcr Europ\u00e4ische Union, liegen aufgereiht nebeneinander. So verlockend, dass es nur Augenblicke zu dauern scheint, bis die EU auseinanderbricht&#8230; halt, das sollte damit nicht ausgedr\u00fcckt werden&#8230; Man kann nur zuschauen wie die EU zerbr\u00f6selt&#8230; nein, neuer Versuch&#8230; Ein gro\u00dfer Brocken der EU fehlt bereits&#8230; okay, ein anderer Ansatz&#8230; Mit jedem Bissen nehmen die Besucher ein St\u00fcck der EU in sich auf, man kann es kaum erwarten, sich die EU einzuverleiben&#8230; nein, den Eindruck will man als Deutscher ja auch nicht erwecken&#8230;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass man bereits mit einer einfachen Brezelmetapher in solche Schwierigkeiten ger\u00e4t, zeigt deutlich welchen Wirbel Gro\u00dfbritannien mit dem Referendum zum Austritt aus der EU ausgel\u00f6st hat. Oder um es mit den unsterblichen Worten eines antiken Facebook-Posts zu sagen: \u201eUntersch\u00e4tze niemals die Macht von dummen Menschen in gro\u00dfer Zahl.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_7259\" aria-describedby=\"caption-attachment-7259\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7259\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/EU-Brezel-1008x672.jpg\" alt=\"Die EU Brezel\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7259\" class=\"wp-caption-text\">Und so zerbr\u00f6selt die EU nunmal<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte man vom Einstieg dieses Artikels darauf schlie\u00dfen, dass im folgenden ein bissiger, wenn auch humorvoller Artikel zum Thema Brexit folgt. Damit h\u00e4tte man zwar recht, aber zur Verteidigung des noch Vereinigten K\u00f6nigreichs, sollen hier auch einige Fakten dargelegt werden. Es w\u00e4re beispielsweise einfach, den Artikel auf Kosten der britischen Bev\u00f6lkerung zu verfassen. Dass das h\u00e4ufigste Suchergebnis auf Google in England nach der Wahl \u201eWhat is the EU?\u201c war, oder dass Menschen mit deutlich niedrigerem Bildungsniveau eher f\u00fcr den Austritt gestimmt haben \u2013 doch das w\u00e4re, als w\u00fcrde man Schwarzer Peter mit einem Blinden spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die metaphorischen H\u00f6rner sollen deshalb hier drei M\u00e4nnern aufgesetzt werden, die daf\u00fcr wahrscheinlich bereits Rabatt bekommen. Pr\u00e4mierminister David Cameron, Nigel Farage, Vorsitzender der UK Independence Party und ehemaliger Londoner B\u00fcrgermeister Boris Johnson \u2013 einem von ihnen wird nebenbei Oralverkehr mit einem toten Schwein nachgesagt. Es ist dem Leser \u00fcberlassen herauszufinden wem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie bei einem kontinentalen Fr\u00fchst\u00fcck sollte man zun\u00e4chst mit den Brezeln anfangen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese wurden anl\u00e4sslich der Podiumsdiskussion: &#8222;Das Volk hat gesprochen&#8220; am Mittwoch in T\u00fcbingen gebacken. Der Untertitel &#8222;Eine erste Bilanz nach dem Referendum im Vereinigten K\u00f6nigreich&#8220; verzichtete dabei auf wertende Adverbien wie katastrophal, unvorhersehbar oder zum Haare ausrei\u00dfen. Zu den Rednern geh\u00f6rten Dr. Gabriele Abels vom Lehrstuhl Politikwissenschaft, Stefan B\u00fcttner, der als Berater im Schottischen Parlament t\u00e4tig ist, und Dr. Kai Oppermann, der als Deutscher an der Universit\u00e4t Sussex doziert. Einheitlich wie Big Ben schlugen sie alle den gleichen Ton an: \u201eDas wird noch Probleme geben.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_7275\" aria-describedby=\"caption-attachment-7275\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7275 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Kupferbau-H\u00f6rsaal-24-1008x672.gif\" alt=\"Das Volk hat gesprochen. Eine erste Bilanz nach dem Referendum im Vereinigten K\u00f6nigreich\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7275\" class=\"wp-caption-text\">Das Volk hat gesprochen. Eine erste Bilanz nach dem Referendum im Vereinigten K\u00f6nigreich<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht, dass es nicht zu erwarten gewesen w\u00e4re, man hatte nur nicht damit gerechnet. Schon seit Jahren spielte die EU f\u00fcr die englische Regierung den S\u00fcndenbock:\u00a0Zu viel Regulierung, zu viel B\u00fcrokratie, zu viele Franzosen\u00a0\u2013 denn diese hatten mit Z\u00e4hnen und Klauen dagegen gek\u00e4mpft, dass England \u00fcberhaupt in die EU eintritt. Das liegt nun 43 Jahre zur\u00fcck und die Lager auf beiden Seiten des Teichs haben sich kaum ver\u00e4ndert. Wen wundert es da, dass Englands Bev\u00f6lkerung die von Nationalstolz geschw\u00e4ngerten Worte von Farage und Johnson herunterschlangen wie Chicken Masala&#8230; ich meine nat\u00fcrlich Fish and Chips. Schlie\u00dflich scheinen sich die Engl\u00e4nder vor nichts mehr zu f\u00fcrchten als Einwanderer. Tats\u00e4chlich, so wurde bei der Podiumsdiskussion erkl\u00e4rt, war die Reisefreiheit innerhalb der EU und damit die Migration nach England eine der gro\u00dfen Problematiken, die man mit dem Referendum beseitigen\u00a0wollte.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Weder Geld noch Haare<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso, predigte Farage, m\u00fcsse man den Geldstrom von 350 Millionen Pfund stoppen, der von England w\u00f6chentlich in die EU flie\u00dfe. Stattdessen solle man lieber dieses Geld in den National Health Service (NHS) investieren. Sch\u00f6ne Versprechungen, die sich im Nachhinein so schnell verfl\u00fcchtigten wie sein Haaransatz. Nicht nur ist der Betrag wesentlich geringer, vor allem aber\u00a0hat sich Farage davon distanziert, dass auch nur ein Pence in den NHS investiert werden wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und vergessen wir nicht Cameron. H\u00e4tte dieser nicht, um die Parlamentswahl zu gewinnen, ein Referendum versprochen, w\u00e4ren wir momentan nicht in dieser Situation. \u00a0Leider war seine Kampagne etwas zu erfolgreich und der politische Streich ging nach hinten los. Sein R\u00fccktritt zeigte deutlich, dass nicht einmal er selbst mit dem Sieg des Referendums gerechnet h\u00e4tte\u00a0und\u00a0kaum waren die Stimmen ausgez\u00e4hlt, sah sich England schon mit den Folgen seines Handelns konfrontiert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7261\" aria-describedby=\"caption-attachment-7261\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7261\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Gabriele-Abels-Stefan-B\u00fcttner-Kai-Oppermann-1008x672.jpg\" alt=\"Gabriele Abels, Stefan B\u00fcttner, Kai Oppermann\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7261\" class=\"wp-caption-text\">Gabriele Abels, Stefan B\u00fcttner, Kai Oppermann<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der anderen Seite des Teiches mag es eine gewisse Schadenfreude hervorrufen: Das Englische Pfund ist auf einem 30-Jahre Tief, Irland und Schottland, die mehrheitlich f\u00fcr den Verbleib in der EU gestimmt hatten, sprechen von ihrer eigenen Unabh\u00e4ngigkeit und Londoner singen Hasstiraden auf ihren ehemaligen B\u00fcrgermeister. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass England einer unserer gr\u00f6\u00dften Handelspartner ist. Der studentische Leser mag jetzt die Achseln zucken, aber auch Studienf\u00f6rderungen wie ERASMUS k\u00f6nnten zuk\u00fcnftig nicht mehr f\u00fcr England z\u00e4hlen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Nichts ist sicher<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich jetzt wie viele der Engl\u00e4nder denkt \u2013 \u201ehow can we undo this?\u201c \u2013 es gibt einen wagen Hoffnungsschimmer, denn das Referendum, auch wenn Ausdruck des Volkes, ist juristisch nicht bindend. Erst wenn das House of Commons zustimmt, so B\u00fcttner, k\u00f6nnte ein Antrag zum Verlassen der EU eingereicht werden. Das bringt die Regierung in eine missliche Lage, denn den meisten Abgeordneten sind die Folgen eines Austritts bewusst und die EU hat inoffizielle Vorverhandlungen vor der Einreichung des Antrags\u00a0abgelehnt. Einfach formuliert: England darf vorher nicht den Zeh ins Wasser stecken, sondern muss gleich eine Arschbombe wagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt sollen, sozusagen als fachkundiges Urteil, hier noch die abschlie\u00dfenden Worte der drei Referenten aufgef\u00fchrt werden, die recht anschaulich demonstrieren, was Experten \u00fcber die momentane Lage denken.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oppermann: \u201eGeben Sie Gro\u00dfbritannien nicht auf!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00fcttner: \u201eZuk\u00fcnftig werden Deutschland und Frankreich die Z\u00fcgel in der EU in die Hand nehmen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abels: \u201eTief in meinem Herzen hoffe ich in England auf eine Jugendrevolte.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote class=\"imgur-embed-pub\" lang=\"en\" data-id=\"qu9DGm9\"><p><a href=\"\/\/imgur.com\/qu9DGm9\">View post on imgur.com<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><script src=\"\/\/s.imgur.com\/min\/embed.js\" async=\"\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos<\/span>: Robin Graber<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein beinahe patriotischer Anblick. 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