{"id":7301,"date":"2016-07-15T12:23:41","date_gmt":"2016-07-15T12:23:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=7301"},"modified":"2021-02-20T15:05:18","modified_gmt":"2021-02-20T15:05:18","slug":"wallanders-letzter-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/07\/15\/wallanders-letzter-fall\/","title":{"rendered":"Wallanders letzter Fall"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Eine dreistufige Treppe, die ins Leere f\u00fchrt, eine Mumie, eine rote Motorhaube, ein Tisch, drei gewaltige Bildschirme. Was aussieht wie eine postmoderne Kunstausstellung ist in Wirklichkeit das B\u00fchnenbild der Oper \u201eW \u2013 The Truth Beyond\u201c. Produziert und uraufgef\u00fchrt in T\u00fcbingen ist\u00a0das St\u00fcck von\u00a0den bekannten Wallander-Krimis von Henning Mankell inspiriert. Zur Generalprobe konnte die Kupferblau bereits einen Einblick in das St\u00fcck erhaschen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Lato, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">F\u00fcr die Urauff\u00fchrung waren alle Pl\u00e4tze in der Neuen Aula ausgebucht. Die Erwartungen sind hoch, schlie\u00dflich handelt es sich um die erste in T\u00fcbingen produzierte Oper \u00fcberhaupt. Der erste Akt ist im Begriff angestimmt zu werden. Dirigent Philipp Amelung stellt sich vor sein Orchester und verbeugt sich tief. Als Universit\u00e4tsmusikdirektor in T\u00fcbingen war er f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Leitung des St\u00fccks verantwortlich. Nicht auf der B\u00fchne, daf\u00fcr pr\u00e4sent im Publikum, sind auch der Komponist Fredrik Sixten und Regisseurin Julia Riegel. Die Spannung steigt, die Geigen werden angestimmt.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_7306\" aria-describedby=\"caption-attachment-7306\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7306\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Philipp-Amelung-Vincent-Schulz-1008x672.jpeg\" alt=\"Philipp Amelung. Foto: Vincent Schulz\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7306\" class=\"wp-caption-text\">Philipp Amelung. Foto: Vincent Schulz<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Lato, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wer ein Fan der Wallander-Romane ist oder zumindest einen von ihnen gelesen hat, wird genau das bekommen, was er von einer Opern-Adaption zu erwarten hofft oder f\u00fcrchtet. Die instrumentale Musik ist hervorragend komponiert und trifft die d\u00fcstere, melancholische Atmosph\u00e4re ihrer Vorlage. Es ist eine Mischung aus Wagner, Mussorgski und klassischer Kirchenmusik, die vor allem durch einen ausgezeichneten Chor seine volle Wirkung entfaltet. Erg\u00e4nzt wird sie durch eine Geschichte, die dem inzwischen verschiedenen Henning Mankell alle Ehre macht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Der Feind im Schatten<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Lato, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Das St\u00fcck beginnt dort, wo der letzte Wallander-Roman endet. Kurt Wallander (Matias Bocchio), Kriminalkommissar in der Stadt Ystard in Schweden, hat seinen letzten Fall beendet und blickt dem Ruhestand entgegen. Demenz wurde bei ihm diagnostiziert, seine Tochter Linda, ebenfalls Polizistin, sorgt sich um ihn. <\/span><\/span><\/span><span style=\"font-family: Lato, sans-serif;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: medium;\">Am Tag seines offiziellen Ausscheidens aus dem Dienst wird Wallander auf der Polizeiwache mit Kuchen und Reden gefeiert. Da erscheint ein Mann mittleren Alters, der sich als Tobias Jonsson (Gustavo Mart\u00edn S\u00e1nchez) vorstellt und ihm einen unangenehmen Vorwurf macht. Wallander soll ihn f\u00fcr den Mord an seinem Vater, <\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: medium;\">Anders Jonsson,<\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u00a0grundlos\u00a0verhaftet haben. Nach Jahren im Gef\u00e4ngnis ist er zur\u00fcck und bekr\u00e4ftigt weiterhin seine Unschuld. Mehr will er nicht, doch Wallanders Sp\u00fcrsinn ist geweckt. Ist der M\u00f6rder doch ein anderer?<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_7303\" aria-describedby=\"caption-attachment-7303\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7303\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/IMG_6830-1008x672.jpg\" alt=\"Die Neue Aula am gro\u00dfen Abend\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7303\" class=\"wp-caption-text\">Die Neue Aula am gro\u00dfen Abend der Urauff\u00fchrung.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie viele der Wallander-Romane konfrontiert die Oper die Zuschauer mit einigen unerwarteten Wendung und sozialen Tabus. Schweden stellt man sich anders vor\u00a0\u2013 eine heile, ruhige Welt voller Schnee, W\u00e4lder und Elche \u2013 doch vielleicht ist das\u00a0der Grund, warum Viele die B\u00fccher nicht zur Seite legen. Henning Mankell hat es schon immer verstanden, die dunkle Seite des vermeintlichen Winter-Wunder-Landes aufzudecken. Mit allem m\u00f6glichen, von Menschenhandel bis zu Hassverbrechen, hat sich Wallander bereits herumschlagen m\u00fcssen. Und auch diese Oper hat eine jener \u00fcberraschenden Mankell-Wendungen, die man erst begreift, wenn sie bereits geschehen sind.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Die F\u00fcnfte Frau<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Lato, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Gesanglich mag es schwer sein, bereits vor der Premiere ein Urteil zu f\u00e4llen. Zu Anfang wurde gewarnt, dass einige der Schauspieler ihre Stimme bei der Generalprobe f\u00fcr den gro\u00dfen Auftritt am folgenden Tag schonen wollen. Trotz dieser Entschuldigung ist der stimmliche Unterschied zwischen den Akteuren \u00fcberdeutlich. Gerade die weiblichen Hauptcharaktere Linda Wallander (Lisbeth Rasmussen Juel) und Th\u00e9r\u00e8se Wincent als Priesterin Christina Berglund \u00fcbertrumpften ihre m\u00e4nnlichen Pendants. Man kann nur hoffen, dass sich die eine oder andere flatternde Stimme \u2013 vor allem bei den Solisten aus dem Polizeipr\u00e4sidium \u2013 heute Abend beruhigt hat.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_7305\" aria-describedby=\"caption-attachment-7305\" style=\"width: 825px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7305\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Lisbeth-Rasmussen-Juel-Angelina-Christina-Darmer.jpg\" alt=\"Lisbeth Rasmussen Juel als Linda Wallander. Foto: Angelina Christina Darmer\" width=\"825\" height=\"538\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7305\" class=\"wp-caption-text\">Lisbeth Rasmussen Juel als Linda Wallander. Foto: Angelina Christina Darmer<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Lato, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Generell f\u00e4llt der Eindruck allerdings positiv aus. B\u00fchnenbild und Beleuchtung treffen den Ton der Oper und sind nicht zu aufdringlich. Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist auch die Einbindung der gewaltigen Flachbildschirme, die sowohl als Fenster in die Vergangenheit, als auch als tats\u00e4chliche Kirchenfenster dienen. Gerade in Hinblick auf Wallanders Demenz tr\u00e4gt der Medienwechsel von B\u00fchne zu Bildschirm wesentlich zum Erfolg der Oper bei.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Die Brandmauer<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Lato, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Zum Schluss noch ein Warnung. Auch wenn das Ambiente der neuen Aula die Atmosph\u00e4re hervorragend unterst\u00fctzt, ist die Akustik eine Katastrophe. Wie es in Opern \u00fcblich ist, wird ohne Mikrophon gesungen und dementsprechend schwer f\u00e4llt es den Solisten, gegen einen vollbesetzten Chor und ein Orchester anzusingen. Ohne den eingeblendeten Text \u00fcber der B\u00fchne ist es beinahe unm\u00f6glich der Handlung zu folgen, da diese des \u00f6fteren auch zwischen Gegenwart und Vergangenheit springt. Wer das Pech hat sich nur einen Platz auf der Galerie sichern zu k\u00f6nnen, kann in der ersten Pause auch genauso gut nach Hause gehen. Nicht nur ist der Gesang unverst\u00e4ndlich, der f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis unverzichtbare Text ist nicht zu lesen. Erst nach Minuten des genauen Hinh\u00f6rens f\u00e4llt einem auf, dass die Sprache weder Deutsch noch Schwedisch ist, sondern Englisch.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Lato, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wer sich jetzt berufen f\u00fchlt, eine Vorstellung zu besuchen, sollte sich beeilen sich eine Karte zu kaufen, denn das St\u00fcck wird nur noch Freitag, Samstag und Montag aufgef\u00fchrt, bevor es weiter nach Ystard zieht. Empfehlenswert ist auch die <a href=\"http:\/\/www.audiojournalismus.de\/w\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wallander Webdoku<\/a>, die von den MeWi-Masterstudenten produziert und von der Landesanstalt f\u00fcr Kommunikation mit dem Digital-Journalismus-Preis ausgezeichnet wurde.\u00a0<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Titelbild von\u00a0Lukas Kohmann und Vincent Schulz.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine dreistufige Treppe, die ins Leere f\u00fchrt, eine Mumie, eine rote Motorhaube, ein Tisch, drei gewaltige Bildschirme. 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