{"id":7581,"date":"2016-10-27T20:32:00","date_gmt":"2016-10-27T18:32:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=7581"},"modified":"2016-10-27T20:32:00","modified_gmt":"2016-10-27T18:32:00","slug":"ruestungsromantik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/10\/27\/ruestungsromantik\/","title":{"rendered":"R\u00fcstungsromantik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Im Rahmen der Ernst-und-Karola-Bloch-Woche wurde der Film \u201eMeister des Todes\u201c von Daniel Harrich im Club Voltaire vorgef\u00fchrt. Er ist Teil eines gr\u00f6\u00dferen Bildes \u2013 der \u201eStop Wars\u201c Kampagne der SDAJ, die sich f\u00fcr Widerstand gegen lokale Kriegsprofiteure einsetzt. Der ARD-Spielfilm ist ein schwaches Beispiel journalistischer Aufkl\u00e4rungsarbeit, bot jedoch Anlass zum Austausch.<\/strong><\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erz\u00e4hlt werden soll \u2013 mit abge\u00e4nderten Namen \u2013 die Geschichte von Heckler &amp; Koch, dem gr\u00f6\u00dften deutschen Waffenexporteur seit 1949. Peter Zierler (Hanno Koffler) ist ein emsiger und junger Familienvater, der f\u00fcr den Waffenhersteller HSW die zum Verkauf stehenden Gewehre vorf\u00fchrt. Mit seinen beiden Vorgesetzten Alexander Stengele (Heiner Lauterbach) und Otto Lechner (Udo Wachtveitl) f\u00e4hrt er nach Mexiko, um das neue Sturmgewehr vorzustellen. Dort trifft er den mexikanischen General und lernt zwischen all dem Schie\u00dfen und Trinken sogar eine sch\u00f6ne und engagierte Lehrerin kennen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Profit geht vor Frieden<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl der Deal soweit gegl\u00fcckt scheint, stellt sich in Deutschland angekommen das Bundesministerium f\u00fcr Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zwischen den Export \u2013 Endverbleibserkl\u00e4rungen, die die noch sehr stark vom Drogenkrieg betroffenen Regionen offenlegen, sollen ge\u00e4ndert werden, denn die Menschenrechtsverletzungen machen die Einhaltung des Kriegswaffengesetzes unm\u00f6glich. Wenn Krisengebiete im Vertrag jedoch nicht genannt werden, kann der Handel fortgesetzt werden, selbst wenn schlussendlich die Waffen in den gesperrten Provinzen zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die vertraglichen \u00c4nderungen abzusprechen und pers\u00f6nlich die Entgegennahme der Lieferung abzusichern, reisen Zierler und Stengele erneut nach Mexiko. Als eine Demonstration oppositioneller Studierenden eskaliert, werden zwei Studierende direkt vor Zierlers Augen erschossen. Dieses Trauma bewegt ihn dazu, seinen Job auf der Weihnachtsfeier zu k\u00fcndigen und nach einem Angriff auf seine Familie endg\u00fcltig vertrauliche Unterlagen zum Export der HSW in Zusammenarbeit mit einem Friedensaktivist der Staatsanwaltschaft zu \u00fcbergeben. Stengele, damaliger Vertriebsleiter, wird mit seiner Sekret\u00e4rin als alleinverantwortlich dargestellt, kooperiert schlie\u00dflich jedoch auch mit der Staatsanwaltschaft.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7593\" aria-describedby=\"caption-attachment-7593\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7593 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/file3691340646210-1008x672.jpg\" alt=\"file3691340646210\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7593\" class=\"wp-caption-text\">Waffentransporte in Krisengebiete oder an gef\u00e4hrliche Gruppierungen sind immer wieder Gespr\u00e4chsthema. Foto: pedrojperez auf morguefile.com<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Der Sch\u00fctze in der Opferrolle<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser \u00dcberblick des Filmes verdeutlicht bereits den inhaltlichen Fokus auf den Protagonisten Peter Zierler. Dieser verk\u00f6rpert vor allem in Verbindung mit seiner Frau Maria (Alina Levshin), die sich als sorgende Ehefrau aufgrund der Oberfl\u00e4chlichkeit ihrer Rolle nicht behaupten kann, und seinen beiden T\u00f6chtern die b\u00fcrgerliche Tatort-Vorstadt-Idylle. Er wird als calvinistischer Beispielarbeiter in die Rolle des Unwissenden gedr\u00fcckt, der bis zum pers\u00f6nlichen Trauma den Missbrauch von Waffen gegen unschuldige Zivilisten nicht ein einziges Mal bedenkt &#8211; \u201eIst ja Tradition.\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Courage, die \u00fcber die Sicherheit der eigenen Familie hinausgeht, f\u00fchrt letztlich zum Sturz des Vertriebsleiters \u2013 nicht von HSW \u2013 und dem mexikanischen Waffenexport. Die wenigen Dialoge entlocken den Schauspielern teils heftige S\u00e4tze wie \u201eAuf Mexiko, wo M\u00e4nner noch M\u00e4nner sein d\u00fcrfen.\u201c, die durch weitere Rhetorikperlen wie \u201eDie ist scharf wie Chili!\u201c auch nicht an Qualit\u00e4t gewinnen. Als dann Zierler der T\u00f6tung der zwei Studierenden beiwohnt, kann das Drehbuch ihm lediglich ein \u201eFuck. (PAUSE) Was ist das denn f\u00fcr eine Schei\u00dfe?!\u201c entlocken. Und w\u00e4hrend die Geige gen\u00f6tigt wird, eine Adaption der deutschen Nationalhymne zu spielen, versinkt der Zuschauer dann vollends im romantischen Kitsch-Action der seichten Unterhaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So zieht sich der Fokus auf die Rolle von Zierler als sich aufbegehrender Retter weiter durch das Geschehen, postuliert ihn als Opfer h\u00f6herer Zw\u00e4nge, denen er entkommen muss. Das sei ihm angerechnet: Es bedarf \u201emutiger\u201c Menschen, die selbst wenn sie einst Teil der Kriegsbew\u00e4sserung waren, sich gegen die Bequeme ihres Alltags stellen, um die gesellschaftliche Verantwortung ihrer Taten zu erkennen. Dennoch ist genau dieser eurozentrische Blick auf das Einzelschicksal eines HSW-Mitarbeiters kritikw\u00fcrdig, wenn die Echtzeit-Problematik um Heckler &amp; Koch Fragen nach den Opfern der exportierten und massenhaft produzierten Waffen aufwirft. Die wom\u00f6glich sogar angestrebte Enttarnung des Unternehmens konnte selbst durch die hochkar\u00e4tige Besetzung des Films nicht weiter vorangetrieben werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7547\" aria-describedby=\"caption-attachment-7547\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-7547\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Bild2-1008x672.jpg\" alt=\"Das Publikum des voll besetzten Vorf\u00fchrraums des Club Voltaire, das w\u00e4hrend des Films die rhetorischen Schmankerl lachend entgegen nimmt. Foto: Yasemin Said.\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7547\" class=\"wp-caption-text\">Das Publikum des voll besetzten Vorf\u00fchrraums des Club Voltaire, das w\u00e4hrend des Films die rhetorischen Schmankerl lachend entgegen nimmt. Foto: Yasemin Said.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Schwere Kost zu leicht verdaut<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Regisseur Daniel Harrich und sein Team wurden 2015 f\u00fcr die Recherchen zum ARD-Themenabend \u201eT\u00f6dliche Exporte\u201c, bestehend aus dem Spielfilm und der Dokumentation \u201eT\u00f6dliche Exporte \u2013 Wie das G36 nach Mexiko kam\u201c, mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Der Film wurde sogar mit anschlie\u00dfender Diskussion im Bundestag vorgef\u00fchrt. Das ermutigt, der Dokumentation die Chance auf die hier fehlende Erleuchtung zu geben. Doch ein solcher Spielfilm, der sich als \u201einvestigativ\u201c bezeichnet, m\u00fcsste als alleinstehendes Werk funktionieren und \u00fcber die tats\u00e4chlichen Funktionsweisen der Kriegsindustrie und illegale Waffenexporten Aufschluss liefern. Ohne Frage haben die Recherchen zur Entwicklung des Drehbuchs allerdings eine \u00f6ffentliche Diskussion befeuert, die sich seither vermehrt mit den deutschen Waffenexporteuren und Kriegstreibern besch\u00e4ftigt. Dennoch hat selbst ein fiktiver Fall den Anspruch zu wahren, zumindest ein wenig in die Thematik einzutauchen. Die nationale Kriegsindustrie bedarf keiner Samthandschuhe, um sie in eine Spielfilmkiste zu packen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jan, Mitglied der <a href=\"http:\/\/www.sdaj-tuebingen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SDAJ<\/a> (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend) und Mitinitiator der <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/BlochWochen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bloch-Woche<\/a>, war vorab bereit, die Idee des alternativen \u201eDies\u201d zu erl\u00e4utern und zu erkl\u00e4ren, wie es zu der Filmvorf\u00fchrung in ihrem Rahmen kam. Dieser sei als Gegenkraft zum \u201eDies Universitatis\u201c entstanden, damit politische und kulturelle Gruppen die M\u00f6glichkeit einer Pr\u00e4senz auf einem Markt haben, der nicht gleichzeitig von studentischen Verbindungen gepr\u00e4gt sei. Letztes Jahr nahmen bereits ca. zehn Gruppen Teil, die sich dem linkspolitischen Spektrum zuordnen. Nat\u00fcrlich sei dort noch Entwicklungspotential vorhanden, jedoch seien Projekte wie das \u201eT\u00fcbinger B\u00fcndnis gegen Wohnungsnot\u201d und offene Treffen gegen Faschismus und Rassismus bereits gute Versuche, die Problembek\u00e4mpfung voranzutreiben \u2013 um zu verstehen, dass Politik, auch in Bezug auf Krieg,<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e&#8230;eben die eigene Lebensrealit\u00e4t betrifft.\u201c.<\/p>\n<\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_7548\" aria-describedby=\"caption-attachment-7548\" style=\"width: 379px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7548 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Bild3-379x672.jpg\" alt=\"Waffenexporte\" width=\"379\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7548\" class=\"wp-caption-text\">Die \u201eStop Wars\u201c &#8211; Kampagne gegen Heckler &amp; Koch plakatiert einige T\u00fcbinger W\u00e4nde, wie hier im Durchgang am Nonnenhaus. Foto: Yasemin Said.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Waffenproduktion vor der Haust\u00fcr<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bundesweite \u201eStop Wars\u201c-Kampagne habe dann dazu gef\u00fchrt, anhand der f\u00fcr T\u00fcbinger Studierende durchaus pr\u00e4senten Realit\u00e4t aufzuzeigen, dass lokale Profiteure am Beispiel Heckler &amp; Koch, die Kriegsindustrie f\u00fcttern. Und dass eigenes Engagement eben doch vor der Haust\u00fcr beginnt, wenn die \u201eMassenvernichtungswaffen unseres Jahrhunderts\u201c, wie Jan die exportierten Klein- und Handfeuerwaffen nennt, in Oberndorf &#8211; kaum eine Stunde von der Universit\u00e4t T\u00fcbingen entfernt &#8211; produziert werden. Obgleich \u201eMeister des Todes\u201c die Enttarnung des Unternehmens nicht gelungen ist, versucht die SDAJ mit ihrer thematischen Einf\u00fchrung und Faltbl\u00e4ttern Aufkl\u00e4rung leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der n\u00e4chste \u201eRote Tresen\u201c (Filmvorf\u00fchrung und anschlie\u00dfende Diskussion) findet am 08. November um 20.00 Uhr in Zusammenarbeit mit der <a href=\"http:\/\/studis.ippnw.de\/studierendengruppen\/studierendengruppe-tuebingen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">IPPNW Studierendengruppe T\u00fcbingen<\/a> im Club Voltaire statt und zeigt die Dokumentation \u201eWas von Kriegen \u00fcbrig bleibt\u201c (2016), welche sich mit dem langwierigen Kriegsschauplatz Irak besch\u00e4ftigt und die Folgen f\u00fcr Mensch und Umwelt beleuchtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Titelbild: Jason Gillman auf morguefile.com.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Ernst-und-Karola-Bloch-Woche wurde der Film \u201eMeister des Todes\u201c von Daniel Harrich im Club Voltaire vorgef\u00fchrt. 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