{"id":7716,"date":"2016-11-13T13:41:33","date_gmt":"2016-11-13T12:41:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=7716"},"modified":"2016-11-13T13:41:33","modified_gmt":"2016-11-13T12:41:33","slug":"den-schmerz-zulassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/11\/13\/den-schmerz-zulassen\/","title":{"rendered":"Den Schmerz zulassen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Am vergangenen Donnerstag sprach die Kriegsreporterin und Publizistin Carolin Emcke \u00fcber ihr mit dem Friedenspreis ausgezeichnetes Buch \u201eGegen den Hass\u201c und pl\u00e4dierte f\u00fcr einen gesellschaftlichen Umgang ohne Fanatismus und Dogmatismus in Richtung mehr Verst\u00e4ndnis, Freiheit und Pluralit\u00e4t und wie wir diese Werte sch\u00fctzen sollten.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber eine Journalistin zu schreiben, ist ein wenig wie f\u00fcr einen Koch zu kochen. Vor allem, wenn es sich dabei um Carolin Emcke handelt, die sich rhetorisch von Satz zu Satz schwingt, wie die eleganteste Rednerin schlechthin. Im Sparkassen-Carr\u00e9 erz\u00e4hlt sie von ihrem neuen Buch, ihrer Arbeit und gibt Antworten auf all jene Fragen, die im aktuellen gesellschaftlichen Kontext wieder und wieder auftauchen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Vom Zwang der Einordnung<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein als sie den gef\u00fcllten Raum betritt, verdeutlicht der tosende Applaus den Ruf, der ihr j\u00fcngst aufgrund des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, aber vor allem wegen ihrer beeindruckenden Dankesrede vorauseilt. Carolin Emcke ist eine homosexuelle Journalistin \u2013 und obgleich dem akademischen Umfeld der Universit\u00e4t die Nennung ihrer Sexualit\u00e4t als nichtssagend erscheint, so wichtig ist diese Betrachtung bei all der Marginalisierung und Diskriminierung, die sie im gesellschaftlichen und privaten Umfeld erfahren hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist die soziale Pathologie unserer Zeit: Dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identit\u00e4t und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualit\u00e4t und K\u00f6rperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.\u201c, sagt Emcke in ihrer Rede. Ihre pers\u00f6nliche Erfahrung der Ausgrenzung ist Teil ihrer Entwicklung und vielleicht einer Verantwortung, die schon immer als eine kollektive empfunden wurde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7719\" aria-describedby=\"caption-attachment-7719\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7719 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/15016361_10211481001126938_3487478764668453289_o-1008x672.jpg\" alt=\"15016361_10211481001126938_3487478764668453289_o\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7719\" class=\"wp-caption-text\">Ausverkauft und prall gef\u00fcllt war der Raum des Sparkassen-Carr\u00e9s am vergangenen Donnerstagabend.<\/figcaption><\/figure>\n<h3>\u201eNicht zuh\u00f6ren, sondern zulassen\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">1967 in M\u00fchlheim an der Ruhr geboren, folgte Emcke einem steilen akademischen Aufstieg. Sie studierte in Frankfurt, London und an der Harvard Universit\u00e4t, schrieb f\u00fcr die Auslandsredaktion des Spiegels und lehrte an der Hamburg Media School und in Yale. Dass dieser Lebenslauf Eindruck schinde, bemerkte auch die Moderatorin Dorothee Kimmich; ob man Emcke dann nicht nur darauf reduziere. Betrachtet man aber die Jahre, die Emcke im Ausland und vor allem in Krisengebieten verbrachte, verstummt man schnell bei ihrer Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn genau diese Reisen waren es, die ihre Arbeit ma\u00dfgeblich beeinflussten \u2013 wie auch ihr 2004 erschienenes Buch \u201eVon den Kriegen: Briefe an Freunde\u201c beweist. Man m\u00fcsse definitiv den Mut haben, \u201esich zuzutrauen, dass man etwas aush\u00e4lt\u201c, um vor allem \u201eden Schmerz dieser Menschen nach[zu]vollziehen\u201c. Fast schon h\u00f6rt man hier eine gemeinschaftliche Verantwortung heraus, die Emcke zu ihrer Arbeit bewegt. Aber dies sei eben eine schon fast reflexartige Reaktion gewesen \u2013 sich aus seiner Perspektive herauszubewegen, um die Sichtweise der Zivilisten zu portr\u00e4tieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz klar verurteilt sie die blo\u00dfe Abbildung gro\u00dfer Formen von Gewalt als \u201ejournalistischen Fehler\u201c. Nicht nur, weil diese Tendenz ein Symptom der Verrohung sei, aber auch, weil gerade \u201edas \u00e4sthetische Verfahren der Entschleunigung\u201c eine Rekonstruktion von Gewalt erm\u00f6gliche \u2013 und die Analyse dieses Entstehungsprozesses M\u00f6glichkeiten der Handlungen liefere, um in Zukunft vielleicht sogar pr\u00e4ventiv Gewalt entgegen zu steuern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7720\" aria-describedby=\"caption-attachment-7720\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7720 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/15000854_10211481001166939_7535801250675873649_o-1008x672.jpg\" alt=\"15000854_10211481001166939_7535801250675873649_o\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7720\" class=\"wp-caption-text\">Klar formuliert und direkt sind Emckes Ausf\u00fchrungen, wenn auch die ernsten Themen den komplexen Nerv der aktuellen politischen Lage treffen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Sich nicht \u201eintellektuell verst\u00fcmmeln lassen\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese schon fast prophylaktische Aufmerksamkeit ist vor allem im Kontext des deutschen Politikklimas von Bedeutung. Sehr entscheidend wehrt sich Emcke gegen Begriffe wie \u201eMob\u201c und \u201ePack\u201c &#8211; \u201eDas ist einfach nicht meine Sprache\u201c, merkt sie an. Aber man m\u00fcsse sich mittlerweile nicht nur Sorgen um die Rechtsextremen machen, denen Emcke ein zerr\u00fcttetes Heimatgef\u00fchl unterstellt, wenn diese sich so vehement gegen Menschen stellen, die mit einem intakten nach Deutschland fl\u00fcchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel mehr sei es die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit denen sich die eigentlich rechten \u00c4u\u00dferungen in der liberalen Mitte ansiedelten. Fast so, als h\u00e4tte sich Hass und Aggression als Kommunikationsform in einer doch vermeintlich demokratischen Gesellschaft etabliert. Auf die Frage, wie man mit Rechtsideologen umgehen sollte, sagt Emcke sehr bestimmt, dass man sich nicht \u201eintellektuell verst\u00fcmmeln lassen\u201c d\u00fcrfe. Gegengewalt w\u00fcrde der intendierten Ausgrenzung zuspielen, anstatt sie zu bek\u00e4mpfen; wichtig w\u00e4re richtiger Dialog, wenn auch unter der Pr\u00e4misse, dass dieser beidseitig gesucht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDemokratische Geschichte wird von allen gemacht.\u201c, bemerkt Emcke in ihrer Dankesrede. W\u00e4hrend der Lesung bezieht sie sich auch darauf und liest aus ihrem Mitte Oktober erschienenen Buch \u201eGegen den Hass\u201c das dritte Kapitel des Buches und \u00fcber das \u201eLob des Unreinen\u201c. In einer Gesellschaft zu leben, die Pluralit\u00e4t propagiert, hie\u00dfe auch, aktiv zu sein im Schutz dieser Freiheit. Es d\u00fcrfe keine \u201ekategoriale Verrohung von Sicherheit\u201c geben, wenn man aufgrund seiner \u201eZuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentw\u00fcrfen, sozialen Praktiken oder religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen\u201c unter der omnipr\u00e4senten Gefahr steht, diskriminiert zu werden.<\/p>\n<h3>Bewusste Verantwortung<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Emcke verk\u00f6rpert f\u00fcr viele &#8211; auch einen jungen Studenten, der in der Fragerunde aufgeregt zum Mikrofon greift &#8211; eine Leitstimme, die die gemeinschaftlich-gesellschaftliche Verantwortung anspricht, derer man sich nicht entziehen sollte. Und auf welcher Ebene ein Dialog gef\u00fchrt werden muss, der, weder dogmatisch noch fanatisch gepr\u00e4gt, der tats\u00e4chlichen freiheitlichen Natur einer Demokratie entspricht. \u201eGegen den Hass\u201c ist ein Buch und Carolin Emcke eine Journalistin, die studiert werden sollten. Weil Bereiche angesprochen werden, die Aktivismus befl\u00fcgeln und ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr schaffen, wie wir, ganz salopp gesagt, die Welt ein wenig besser machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Fotos: Marko Knab<\/em><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Donnerstag sprach die Kriegsreporterin und Publizistin Carolin Emcke \u00fcber ihr mit dem Friedenspreis ausgezeichnetes Buch \u201eGegen den Hass\u201c und pl\u00e4dierte f\u00fcr einen gesellschaftlichen &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":307,"featured_media":7718,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[62,49],"tags":[2512,2513,1305,591,2514,11,2515,2326,32,2516,280,547,50,19,2517],"class_list":["post-7716","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","category-unipolitik","tag-anti-hass","tag-carolin-emcke","tag-demokratie","tag-diskriminierung","tag-emcke","tag-featured","tag-friedenspreis-des-deutschen-buchhandels","tag-gemeinschaft","tag-gesellschaft","tag-journalistin","tag-krise","tag-lesung","tag-unipolitik","tag-tubingen","tag-verantwortung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7716","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/307"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7716"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7716\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7716"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7716"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7716"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}