{"id":7925,"date":"2016-12-05T15:55:31","date_gmt":"2016-12-05T14:55:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=7925"},"modified":"2016-12-05T15:55:31","modified_gmt":"2016-12-05T14:55:31","slug":"inszenierte-unprofessionalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/12\/05\/inszenierte-unprofessionalitaet\/","title":{"rendered":"Inszenierte Unprofessionalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><b>Er ist der <\/b><b>Dude<\/b><b>, der in Syrien geweint hat, der seinen Job als Sportreporter k\u00fcndigte, um aus einem Kriegsgebiet zu berichten. Am 28.11.16 war Hubertus Koch zu Gast bei Querfeldein im Ribingurumu. <\/b><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch bin der Hubi, ich mache Filme\u201c, stellt sich der Gast vor, so kurz wird er sich danach nur noch selten fassen. Hubertus Koch ist einer, der sich gerne aufregt, am prominentesten wohl \u00fcber die Fl\u00fcchtlingskrise (in Form seines Films <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=siP-8fJ29X4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eS\u00fcchtig nach Jihad\u201c<\/a>), weniger prominent \u00fcber das deutsche Fernsehen (aber immerhin vor der Prominenz, die daran schuld ist), wenn er nicht im Livestream \u00fcbertragen wird auch gerne mal \u00fcber Leute, die keinen Wodka mit ihm trinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Tiraden, man sollte sie vielleicht besser \u201eRants\u201c nennen &#8211; das erweckt passendere Konnotationen, denn sie sind sprunghaft, impulsiv und verlieren sich des \u00d6fteren in sich selbst &#8211; sind lang (ja, l\u00e4nger als dieser Satz), aber elaboriert, aus den genannten Gr\u00fcnden, leider weniger. Ein b\u00f6sartigerer Kritiker w\u00fcrde an dieser Stelle schreiben, seine Tiraden\/Rants (wie auch immer) w\u00e4ren damit ein Sinnbild ihres Urhebers, tats\u00e4chlich sind sie eher sein Stilmittel: Koch inszeniert sich als Teil seiner Zielgruppe, von ihm selbst als \u201eGeneration Bullshit Overkill\u201c betitelt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7926\" aria-describedby=\"caption-attachment-7926\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7926 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/bild1_quelfeldein-hubertusKoch-1008x672.jpg\" alt=\"bild1_quelfeldein-hubertuskoch\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7926\" class=\"wp-caption-text\">Die Moderatoren sind stets bem\u00fcht Kochs \u201eRants\u201c mit Fragen zu unterbrechen. Je sp\u00e4ter der Abend, desto seltener gelingt es ihnen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><b>Who is Hubi?<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gehe ihm nicht vorrangig um Information. Man m\u00fcsse die Leute erst einmal \u201eemotional andocken\u201c lassen, sagt er, aber an dieser Stelle sollen doch ein paar dieser, zunehmend aus der Mode kommenden, Fakten genannt sein: Hubertus Koch, geb\u00fcrtiger Rheinl\u00e4nder, zieht nach M\u00fcnchen, um dort f\u00fcr Sport1 zu arbeiten, nebenbei Germanistik-Studium. Bachelor-Arbeit \u00fcber \u201eFight Club\u201c \u2013 einen Film, der Anarchie als Antwort auf die westliche Zivilisation propagiert. Irgendwie passt das zu Kochs Arbeitsweise, irgendwie passen Zitate daraus nicht in seine Reportage. Nach der dritten Saison bei Sport1 erkennt der passionierte Ausw\u00e4rts-Ausraster, das \u201eFu\u00dfball\u201c alles sagt, was beim Fu\u00dfball passiert und ihm das zu oberfl\u00e4chlich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ende 2013 beschlie\u00dft er also den Vater einer Freundin nach Syrien zu begleiten. Mahmoud Dahi f\u00e4hrt Sachspenden in das B\u00fcrgerkriegsland, Koch will ihn dabei filmen. Dort angekommen merkt er: \u201ealter Falter, da geht die Welt unter\u201c, und tritt seinen Drehplan in die Tonne. Das Portr\u00e4t des Helfers Mahmoud Dahi wird zunehmend zum Selbstportr\u00e4t des Hubertus Koch.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><b>Ich bin der Hubi, ich bin wie Du.<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kotzend auf dem Kinderspielplatz, mit bunter Sonnenbrille und Tanktop auf dem Weg in den Hollandurlaub \u2013 so zeigt er sich zu Beginn der WDR-Version seiner Syrien-Doku. Und der Zuschauer denkt sich: Nach Holland k\u00f6nnte ich auch nochmal fahren. Aber Hubertus Koch f\u00e4hrt dann nach Syrien und da, denkt sich der Zuschauer, w\u00fcrde er nicht hinfahren. Um zu beweisen, dass der Hubi, der da \u00fcber ein deutsches Kletterger\u00fcst reihert, derselbe ist, der in Syrien im Fl\u00fcchtlingscamp durch die Schei\u00dfe l\u00e4uft, sagt er ganz oft \u201egefickt\u201c oder \u201eDigga\u201c oder \u201eHurensohn\u201c, so wie das halt die Generation Y macht, oder?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manch einem mag Kochs Idiom-Tourette <i>politically <\/i>zu <i>incorrect<\/i> sein, letztendlich klingt es vor allem zu aufgesetzt. Vielleicht nicht so sehr im Gespr\u00e4ch nach zwei Bier und zwei Wodka, sp\u00e4testens im geskripteten Voice-Over wird es in seiner Erzwungenheit aber fast nur von der Bravo-Fotostory geschlagen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7927\" aria-describedby=\"caption-attachment-7927\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7927 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/bild2_querfeldein_hubertusKoch-1008x672.jpg\" alt=\"bild2_querfeldein_hubertuskoch\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7927\" class=\"wp-caption-text\">Es gelingt Koch offenbar ein Publikum zu erreichen: Das Ribi war voll besetzt.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><b>Denn wir wissen nicht, was wir tun.<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Filmisch kommt Kochs Reportage reichlich unprofessionell daher \u2013 genau darin liegt jedoch ihre St\u00e4rke. Der deutsche Junge l\u00e4uft mit GoPro durch das Fl\u00fcchtlingscamp \u201eBab al-Salameh\u201c, hat keine Ahnung was er da eigentlich soll und versucht nur erstmal klarzukommen. Ein M\u00e4dchen schlendert in zu gro\u00dfen Gummistiefeln an einem Wrack vorbei, das eine Woche zuvor als Autobombe detonierte. Sie dreht sich kurz um, formt die Finger zum <i>Peace<\/i>-Zeichen. Es sind solche Momentaufnahmen, die Kochs Film einzigartig machen, \u201ewie ein Sniperschuss ins Herz\u201c habe sich das angef\u00fchlt. Er hat einen Hang zum Pathetischen, aber auch die Bilder dazu. <a href=\"http:\/\/www.hubertus-koch-medien.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hubertus Koch<\/a>, als Prototyp einer Generation, (wird) konfrontiert mit der Realit\u00e4t. Ein Experiment, das ihm vielleicht gerade so packend gelingt, weil er nicht wei\u00df, was er tut, so wie all die anderen eben, nur, dass er da war, es gemacht hat. Das muss man bei allen Angriffspunkten, die seine Arbeit bietet, anerkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fotos: Paul Mehnert.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist der Dude, der in Syrien geweint hat, der seinen Job als Sportreporter k\u00fcndigte, um aus einem Kriegsgebiet zu berichten. 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