{"id":7962,"date":"2016-12-07T10:06:03","date_gmt":"2016-12-07T10:06:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=7962"},"modified":"2021-02-20T14:48:42","modified_gmt":"2021-02-20T14:48:42","slug":"das-gemetzel-der-hoeflichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/12\/07\/das-gemetzel-der-hoeflichkeit\/","title":{"rendered":"Das Gemetzel der H\u00f6flichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Zurzeit l\u00e4uft Yasmina Rezas \u201eLe dieu du carnage\u201c auf englisch aufgef\u00fchrt im Brechtbau-Theater. Ein St\u00fcck, in dem das Bild der Ehe zerst\u00fcckelt und die Farce des Erwachsenseins bel\u00e4chelt wird. Wenn nur diese zwei Z\u00e4hne und der tote Hamster nicht w\u00e4ren.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Veronica Novak ihrem Besuch einen Teller ihres Clafoutis anbietet, kann das Publikum die scharfe, unaufrichtige H\u00f6flichkeit im Unterton fast schon greifen \u2013 so, als w\u00fcrde man hibbelig auf den Verfall der Rollen warten. Dabei ist aller Anfang des Konflikts ein Streit zwischen den S\u00f6hnen der beiden Ehepaare Novak und Raleigh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Treffen scheint gesittet und ruhig. Der Vorfall im Brooklyn Brigde Park, bei dem der elfj\u00e4hrige Benjamin Raleigh seinem Schulkameraden Henry Novak zwei Z\u00e4hne ausgeschlagen hat, wird sorgf\u00e4ltig dokumentiert. Verst\u00e4ndnisvoll zeigt sich Annette Raleigh, ihr Ehemann Alan wird w\u00e4hrend seinen sehr minimalistischen Aussagen vom eigenen Mobiltelefon unterbrochen. Er ist Anwalt f\u00fcr einen Pharmakonzern, dessen Medikament wegen eines erschienenen Artikels unter Beschuss steht. Die unaufh\u00f6rlich nervigen Momente, in denen Alan die Gespr\u00e4chsrunde abrupt verl\u00e4sst und seinen Mandanten am Telefon beruhigt, wirken wie Weckrufe, die durch den Verlauf des St\u00fcckes leiten. Jedes Klingeln als ein weiterer Riss in die Fassade der Zivilisiertheit, die Veronica sch\u00fctzend umschlingt und Annette schon aufgegeben hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7965\" aria-describedby=\"caption-attachment-7965\" style=\"width: 920px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7965 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/bild2heute.jpg\" alt=\"bild2heute\" width=\"920\" height=\"613\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7965\" class=\"wp-caption-text\">Daniel Schrimpf (im Hintergrund) in der Rolle des Alan Raleigh.<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Die Wucht des Hamsters<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gek\u00fcnstelt friedlich sprudelt die Konversation vor sich hin, bis Michael Novak vom Haustier seiner Tochter erz\u00e4hlt, oder eher vom ehemaligen. Denn dieser Hamster sei ein nerviges Ding gewesen, da habe er es einfach auf die Stra\u00dfe gesetzt. Mit welcher Leichtigkeit er grinst und erz\u00e4hlt, bei\u00dft sich mit Annette Raleigh, die schon fast wie in Trance die Geschichte des ausgesetzten Hamsters immer wieder zur Sprache bringen wird. Dieses kleine Nagetier f\u00e4llt mit der Wucht eines Klotzes und rei\u00dft die aufgesetzte Pers\u00f6nlichkeit des Michael Novak mit sich, welcher sich nach und nach als leidenschaftlicher Nihilist neben Alan Raleigh einreiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Veronica Novak, noch eben im Rezeptehimmel ihres Clafoutis schwebend, knallt auf den Boden dieser pl\u00f6tzlich authentischen Ebene \u2013 das ist nicht ihre Weltsicht, sie interessiert sich f\u00fcr Afrika, schreibt B\u00fccher \u00fcber Konflikte; dieser Pessimismus ist das stetig lebende Paradox einer schwankenden Ehe. Genau diese innerehelichen Konflikte, so nach au\u00dfen getragen, sind die Tragik und Komik zugleich; wie sich Eltern treffen, um einen infantilen Streit zu schlichten, nur um schlie\u00dflich selbst zu schreien, zu spucken, zu treten; die versinnbildlichte Inkonsequenz der Werteerziehung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7966\" aria-describedby=\"caption-attachment-7966\" style=\"width: 448px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7966 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/bild1heute-448x672.jpg\" alt=\"bild1heute\" width=\"448\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7966\" class=\"wp-caption-text\">Alan (Daniel Schrimpf) und Annette Raleigh (Liliana Merker) beim dritten Versuch, die Brooklyner Wohnung des Ehepaars Veronica (Eva Schwendemann) und Michael Novak (David Janssen) zu verlassen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Verlernte Authentizit\u00e4t<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allm\u00e4hlich deformieren alle Figuren auf der B\u00fchne; jegliche oberfl\u00e4chliche H\u00f6flichkeit verkr\u00fcmmt sich unter dem Zusammensto\u00df der vier Menschen. Am Ende ist Alan Raleigh der Einzige, der es vorhergesagt hat: Dass man in einer Welt, in der der Gott des Gemetzels regiert, nichts mehr retten kann. Daher ist Yasmina Rezas Kammerspiel \u201eLe Dieu du Carnage\u201c (Gott des Gemetzels) zurecht eines der meistgespielten St\u00fccke der letzten Jahrzehnte. Diese unversch\u00e4mte Klarheit, in der die Figuren am Ende des St\u00fcckes, fast emotional entkleidet, neben sich stehen, zeichnet das authentischste gegenw\u00e4rtige Bild \u2013 eins der Oberfl\u00e4chlichkeit, der Au\u00dfenwirkung und der Wucht, wenn diese zerbrechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/events\/830016500471245\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;God of Carnage&#8220;<\/a>: Inszeniert von Pilar Andrea Quirez, besetzt mit Liliane Merker, Eva Schwendemann, David Janssen und Daniel Schrimpf. Noch zu sehen: Dienstag, 06. Dezember, bis Freitag, 09. Dezember, um 20 Uhr im Brechtbau Theater, Karte f\u00fcr 6\u20ac.<\/em><\/p>\n<p><em>Fotos: Julia M\u00fcller.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zurzeit l\u00e4uft Yasmina Rezas \u201eLe dieu du carnage\u201c auf englisch aufgef\u00fchrt im Brechtbau-Theater. 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