{"id":7999,"date":"2016-12-10T11:00:53","date_gmt":"2016-12-10T11:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=7999"},"modified":"2021-02-20T14:45:07","modified_gmt":"2021-02-20T14:45:07","slug":"studiengebuehren-sind-der-falsche-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/12\/10\/studiengebuehren-sind-der-falsche-weg\/","title":{"rendered":"Studiengeb\u00fchren sind der falsche Weg!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><b>Die gr\u00fcne Wissenschaftsministerin in Baden-W\u00fcrttemberg, Theresia Bauer, m\u00f6chte internationale Studierende aus Nicht-EU-L\u00e4ndern und alle Studierende, die ein Zweitstudium beginnen, zur Kasse bitten. Wenn das einmal durch ist, k\u00f6nnte es nur der erste R\u00fcckschritt auf dem ehemaligen Weg des Fortschritts sein.<\/b><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ein Kommentar von Lisa Becke<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sollte nachdenklich stimmen, wenn die Wissenschaftsministerin im Spiegel mit den Worten zitiert wird: \u201eWenn die Bedarfe der Hochschulen am Ende gr\u00f6\u00dfer sind, als der Staat sie allein zu finanzieren imstande ist, dann m\u00fcssen wir auch dar\u00fcber reden, wer wie weitere Beitr\u00e4ge leisten kann.\u201c Studiengeb\u00fchren \u00fcber die Hintert\u00fcr. Wer wird als N\u00e4chstes zur Kasse gebeten? Sind die selektiven Studiengeb\u00fchren erst einmal da, kann ja noch weiter herumselektiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist definitiv der falsche Ansatz. Darauf zu verweisen, dass es in anderen L\u00e4ndern der Erde ja auch Studiengeb\u00fchren gibt, ist eine verkehrte Sichtweise. In Deutschland sind die finanziellen H\u00fcrden f\u00fcr ein Studium (momentan noch) vergleichsweise niedrig. Dies ist eine Errungenschaft. Studiengeb\u00fchren wieder einzuf\u00fchren bedeutet, sich auf den Weg des R\u00fcckschritts zu begeben \u2013 anstatt weiter Vorbild zu sein.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><b>Internationalit\u00e4t als reines Blabla <\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Universit\u00e4t, die sich ja so gerne als Vorzeige- und Exzellenz-Uni versteht, ist besonders auf die internationalen Studierenden stolz. Das sieht man in diversen Selbstdarstellungsforen wie der Website und verschiedenen Infobrosch\u00fcren. Nach dem Motto: Durch internationalen Austausch wird das Leben und die Forschung an unserer Universit\u00e4t bereichert. Interdisziplinarit\u00e4t. Internationalit\u00e4t. Das enttarnt sich als Blabla, wenn man die Stellungnahme unseres Rektors Prof. Dr. Bernd Engler liest: \u201eDem Vorschlag von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, Geb\u00fchren f\u00fcr Studierende aus dem Nicht-EU-Ausland einzuf\u00fchren, stehen wir wohlwollend gegen\u00fcber. Das komplett kostenfreie Studium in Deutschland ist international eine Ausnahme, f\u00fcr die Beibehaltung gibt es wenig gute Gr\u00fcnde. Eine Beeintr\u00e4chtigung unserer Auslandsbeziehungen erwarten wir dadurch nicht.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_8001\" aria-describedby=\"caption-attachment-8001\" style=\"width: 448px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Foto-Engler_Quelle-Ulrich-Metz-Universit\u00e4t-T\u00fcbingen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8001 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Foto-Engler_Quelle-Ulrich-Metz-Universit\u00e4t-T\u00fcbingen-448x672.jpg\" alt=\"Rektor Engler steht den Studiengeb\u00fchren \u201ewohlwollend\u201c gegen\u00fcber.\" width=\"448\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-8001\" class=\"wp-caption-text\">Rektor Engler steht den Studiengeb\u00fchren \u201ewohlwollend\u201c gegen\u00fcber. Foto: Ulrich Metz\/Universit\u00e4t T\u00fcbingen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><b>T\u00fcbingen, wach auf!<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn f\u00fcr internationale Studierende in Baden-W\u00fcrttemberg Studiengeb\u00fchren eingef\u00fchrt werden (wohlgemerkt in den anderen Bundesl\u00e4ndern nicht), werden in der Konsequenz weniger internationale Studierende nach Baden-W\u00fcrttemberg und somit an die Universit\u00e4t T\u00fcbingen kommen \u2013 man kann ja auch noch an anderen Unis in Deutschland studieren. Nimmt man das in Kauf? Auf R\u00fcckfrage kommt die Antwort von der Hochschulkommunikation: \u201eWir nehmen an, dass von den Studiengeb\u00fchren vor allem internationale Master und Promotionsstudierende betroffen w\u00e4ren &#8211; diese suchen sich die Universit\u00e4t T\u00fcbingen aus gutem Grund aus, wir gehen davon aus, dass sie sich nicht durch Studiengeb\u00fchren abschrecken lassen w\u00fcrden.\u201c T\u00fcbingen, wach auf! Es gibt auch noch andere gute Unis in Deutschland \u2013 au\u00dferhalb von Baden-W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum findet man diese Pl\u00e4ne an der Uni gut? Vermutlich reicht die Tatsache aus, dass laut Plan ein Teil der eingenommenen Studiengeb\u00fchren den Unis zur Verf\u00fcgung gestellt werden soll. Dieses Geld soll \u201ezur Verbesserung der Betreuung internationaler Studierender\u201c dienen, wie man auf der Website des Ministeriums f\u00fcr Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-W\u00fcrttemberg nachlesen kann.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8002\" aria-describedby=\"caption-attachment-8002\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Foto-InternationaleStudierende-Quelle-Paul-Mehnert-Universit\u00e4t-T\u00fcbingen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-8002\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Foto-InternationaleStudierende-Quelle-Paul-Mehnert-Universit\u00e4t-T\u00fcbingen-1008x672.jpg\" alt=\"Internationale Studierende pr\u00e4gen das Bild an der Uni T\u00fcbingen. Warum ist der Uni nicht daran gelegen, dass das so bleibt?\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-8002\" class=\"wp-caption-text\">Internationale Studierende pr\u00e4gen das Bild an der Uni T\u00fcbingen. Warum ist der Uni nicht daran gelegen, dass das so bleibt? Foto: Paul Mehnert\/Universit\u00e4t T\u00fcbingen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><b>Das Steuerzahler-Argument z\u00e4hlt hier nicht<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Universit\u00e4t T\u00fcbingen studieren in diesem Semester rund 3.900 internationale Studierende. Von den Studiengeb\u00fchren f\u00fcr internationale Studierende w\u00e4ren ausschlie\u00dflich jene betroffen, die nicht aus der EU kommen und zus\u00e4tzlich ihr gesamtes Studium in Baden-W\u00fcrttemberg verbringen \u2013 das sind rund 1.600. Folgendes Szenario k\u00f6nnte schon ab dem kommenden Wintersemester Realit\u00e4t sein: Ausl\u00e4ndische Studierende treffen sich mit ihren deutschen Freunden, die sie hier in T\u00fcbingen kennengelernt haben. Sie selbst bezahlen 1500 Euro pro Semester (diese Zahl ist im Gespr\u00e4ch), f\u00fcr ihre Freunde ist das Studium \u2013 abgesehen von Verwaltungskosten \u2013 umsonst. Wohlgemerkt, f\u00fcr dasselbe Studium. Gleichberechtigung adieu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier sollte man wegkommen von dem h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dferten Steuerzahler-Argument: Unsere Bildung an der Universit\u00e4t finanzieren nicht wir Studierenden uns selbst, sondern diejenigen, die momentan Steuern bezahlen. Und wer sagt, dass die internationalen Studierenden, die hier in T\u00fcbingen studieren, nicht auch in Deutschland arbeiten werden? Oder wir, die wir hier umsonst in Deutschland ausgebildet werden, nicht in einem anderen Land unsere Steuern zahlen werden?<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><b>Ausgelernt hat man nie<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und bez\u00fcglich der Studiengeb\u00fchren f\u00fcr alle im Zweitstudium: Ausgelernt hat man nie. Es gibt zahlreiche Gr\u00fcnde daf\u00fcr, warum Menschen nach abgeschlossenem Bachelor oder Master ein Zweitstudium aufnehmen. Warum ist man nicht froh, Menschen im Land zu haben, die sich m\u00f6glichst breit bilden und zus\u00e4tzliches Wissen in einem anderen Fachbereich erwerben m\u00f6chten? Das hilft, dem Fachidiotentum entgegenzuwirken. Stattdessen sollen laut Bauers Pl\u00e4nen Studiengeb\u00fchren f\u00fcr das Zweitstudium in Baden-W\u00fcrttemberg erhoben werden. Das wird man sich in Zukunft zweimal \u00fcberlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verwirtschaftlichung der Unis ist keine gute Entwicklung. Es geht hier um viel mehr als nur um Geld. Es geht darum, f\u00fcr was die deutsche Gesellschaft steht und f\u00fcr was sie stehen will. Uns sollte einiges an der Bildung m\u00f6glichst vieler junger Menschen gelegen sein. Wenn diese Studiengeb\u00fchren kommen, ist das ein R\u00fcckschritt im ach so fortschrittlichen Baden-W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/beteiligungsportal.baden-wuerttemberg.de\/fileadmin\/redaktion\/beteiligungsportal\/MWK\/Dokumente\/16_11_24_Gesamtentwurf_Studiengebu%CC%88hren_VERSANDFASSUNG-ANH%C3%96RUNGSENTWURF____.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Gesetzesentwurf<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Unsere Studierendenvertetung, der StuRa, hat einen Arbeitskreis, der Aktionen gegen die Einf\u00fchrung der Studiengeb\u00fchren plant. So werden unter anderem Unterschriften gesammelt, die an den T\u00fcbinger Landtagsabgeordneten Daniel Lede Abal \u00fcbergeben werden. Auch auf der Ebene der Landesastenkonferenz, dem Zusammenschluss aller Studierendenvertetungen in Baden-W\u00fcrttemberg, sind Aktionen geplant. In Freiburg gingen bereits mehrere hundert Demonstranten gegen die Studiengeb\u00fchren auf die Stra\u00dfe. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Wann genau im Landtag \u00fcber den Vorschlag abgestimmt werden wird, ist noch nicht bekannt. Die Landtagspressestelle antwortete auf Nachfrage: \u201eUns ist (Stand\u00a0heute, 24.11.) nicht bekannt, wann das Thema auf die Tagesordnung des Plenums gesetzt wird. Vermutlich nicht mehr 2016. \u00dcber den Vorschlag muss erst noch im Kabinett abgestimmt werden.\u201c<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Infos zu der Einf\u00fchrung der Studiengeb\u00fchren gibt es auf der Website des Ministeriums f\u00fcr Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-W\u00fcrttemberg: <a href=\"https:\/\/mwk.baden-wuerttemberg.de\/de\/hochschulen-studium\/studienfinanzierung\/gebuehren-fuer-internationale-studierende-und-zweitstudium\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/mwk.baden-wuerttemberg.de\/de\/hochschulen-studium\/studienfinanzierung\/gebuehren-fuer-internationale-studierende-und-zweitstudium\/<\/a><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Petition: <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/landtag-baden-w%C3%BCrttemberg-studiengeb%C3%BChren-f%C3%BCr-nicht-eu-studierende-stoppen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.change.org\/p\/landtag-baden-w%C3%BCrttemberg-studiengeb%C3%BChren-f%C3%BCr-nicht-eu-studierende-stoppen<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Titelbild: Lisa Becke.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gr\u00fcne Wissenschaftsministerin in Baden-W\u00fcrttemberg, Theresia Bauer, m\u00f6chte internationale Studierende aus Nicht-EU-L\u00e4ndern und alle Studierende, die ein Zweitstudium beginnen, zur Kasse bitten. 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