{"id":8066,"date":"2016-12-19T12:17:57","date_gmt":"2016-12-19T12:17:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=8066"},"modified":"2021-02-20T14:38:38","modified_gmt":"2021-02-20T14:38:38","slug":"nicht-ganz-koscher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2016\/12\/19\/nicht-ganz-koscher\/","title":{"rendered":"Nicht ganz koscher"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5a5a5a;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">J<\/span><strong><em>udenwitze? Er darf das. Denn er ist selbst Jude und steht auch dazu. Neben Humor zeigt Multitalent Shahak Shapira bei Querfeldein leider nicht so viel Tiefe wie erwartet, aber verstrickt sich sympathisch in Widerspr\u00fcche.<\/em><\/strong><\/span><strong><em><!--more--><\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unauff\u00e4llig ist der gelernte Art-Director gewesen, als er gegen Mittag mit zwei Begleitern durch die Wilhelmstra\u00dfe schlenderte. \u201eAch, das war der mit dem schwierigen Namen, der heute bei Querfeldein ist?\u201c Genau der war es, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/shahakshapira\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Shahak Shapira<\/a>. \u201eNeonr\u00f6hre\u201c, wie man ihn wegen seiner blonden Haare im Geburtsland Israel verspottete, wurde letztes Jahr der breiteren Masse bekannt. Er wollte sich und seine Wurzeln nicht l\u00e4nger beleidigt wissen und widersprach laut l\u00e4rmenden Antisemiten in einer Berliner U-Bahn. Die verpr\u00fcgelten den jungen Mann aus Tel Aviv mangels logischer Argumente kurzerhand. Der Empfehlung aus Israel, wieder in die Heimat zur\u00fcckzukehren, ist er nicht gefolgt. Gut so, sonst w\u00e4ren sein Buch und dieser Abend gar nicht zustande gekommen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8078\" aria-describedby=\"caption-attachment-8078\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8078 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/IMG_5617-1008x672.jpg\" alt=\"img_5617\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8078\" class=\"wp-caption-text\">Shahak Shapira &#8211; ein Mann mit Selbstironie und ernsthafter Botschaft.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Entweder &#8211; oder? Weder noch.<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Realist oder Idealist? Auf Nachfrage will sich der 28-j\u00e4hrige Wahlberliner nicht festlegen. Leider zieht sich diese indifferente Haltung in gewisser Weise durch die gesamte Abendveranstaltung. Eine lockere Art legt er an den Tag, sympathisch und mit Selbstironie erobert er die Herzen der Zuschauer. Und mit Judenwitzen. Die darf er machen, ein wichtiges Element seiner Selbstironie. Doch auf Dauer verebbt dieses Konzept. Gerade als er Gefahr l\u00e4uft, dass seine improvisierten oder kalkulierten Witze verpuffen, die nur er selbst so zum Besten geben kann und darf, z\u00fcndet auch endlich die lange vermisste Metaebene seiner Ausf\u00fchrungen. Am Beispiel einer Gulasch-Kanone, bestellbar im Online-Shop des einschl\u00e4gigen <a href=\"https:\/\/www.kopp-verlag.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kopp-Verlags<\/a>, gelingt es ihm, dem Publikum ein Bewusstsein gegen\u00fcber eigenem Rassismus und Vorurteilen einzuimpfen. Betrieben werden k\u00f6nne der Eintopfofen mit nahezu jedem Brennstoff. Die Implikatur \u201eJude\u201c steht lange still im Raum, wird aber nicht ausgesprochen. Und die Zuschauer schauen, gefangen zwischen Am\u00fcsement und schlechtem Gewissen, in die Runde.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Ein Spiegelkabinett aus Ironie<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch diese Vorst\u00f6\u00dfe in die Tiefe des Diskurses sind leider die Ausnahme. In Shapiras Spiegelkabinett aus Ironie geht die wahre Meinung zu oft verloren. Die letztendliche Ehrlichkeit in seinen Antworten zeigt sich nicht. Wann er das letzte Mal Angst gehabt h\u00e4tte? Als er beim Inder bestellt habe, denn da wisse man nie, was am n\u00e4chsten Tag passiere. Soweit so scharf, das Publikum sch\u00e4tzt diese kleinen Zoten. Zugutehalten muss man ihm, dass er dann doch recht unumwunden eingesteht, wahre \u00c4ngste nicht wirklich zuzugeben. Bei aller Kritik, die fehlende Tiefe moniert, darf man ihm nicht absprechen, den Geschmack der heutigen Generation getroffen zu haben. Eine weitere starke Passage seines Auftritts stellt im R\u00fcckblick die Arbeit mit dem Holocaust-Denkmal in Berlin dar. Dort kritisiert er die unreflektierte Selfie-Kultur auf der Gedenkst\u00e4tte. Die abstrakten Symbole aus Beton hat er durch schockierende Bilder aus Konzentrationslagern ersetzt. Vielleicht wird den Menschen bewusster, was sie tun, wenn sie sich bei Shapira vor ausgemergelten Zwangsarbeitern in Buchenwald wiederfinden, als vor \u00e4sthetisch geformter Architektur. Die Bildmontagen lassen dem Publikum erneut die Lacher im Halse stecken bleiben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8077\" aria-describedby=\"caption-attachment-8077\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8077 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/IMG_5652-1008x672.jpg\" alt=\"img_5652\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8077\" class=\"wp-caption-text\">Ein Abend im vollbesetzten Ribi zwischen Witz und Nachdenklichkeit.<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>\u201eMan kann \u00fcber Neonazis reden, aber nie mit ihnen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was soll denn einer sonst sagen, der mit 14 Jahren von Tel Aviv in die NPD-Hochburg Laucha in Sachsen-Anhalt zog? Er unterstellt den Neonazis dabei auch, in gewisser Weise Angst vor ihm zu haben. \u201eBei mir melden sie sich jedenfalls nicht\u201c. Starke Worte sind Shapiras Trumpf, wie \u00fcber den Verlauf des Abends klar wird. Zu oft bleibt es aber auch dabei, denn auf unangenehme Fragen antwortet er mit Gegenfragen. \u201eWieso nicht?!\u201c wiederholt sich mehrfach. Der Quotenjude m\u00f6chte er nicht sein, immer zu denselben Themen wie Fremdenfeindlichkeit befragt. \u201eDa ist mein Judentum wie eine Geschlechtskrankheit, wie Tripper. Man wird es nicht los.\u201c Das mag wahr sein, aber er sch\u00f6pft das sich bietende Potential dieser Konstellation auch bereitwillig und gerne aus. Obwohl er sich \u00fcber den Abend so immer wieder in gewisse Widerspr\u00fcche verstrickt, wirkt er dabei sympathisch. Denn nichts ist so ansteckend wie Gel\u00e4chter und gute Laune. Und trotzdem bleibt das Gef\u00fchl, dass dieser Abend mehr h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Oder um es im Stile Shahak Shapiras auszudr\u00fccken: Der Abend f\u00fchlte sich irgendwie beschnitten an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fotos: Paul Mehnert<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judenwitze? Er darf das. Denn er ist selbst Jude und steht auch dazu. 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