{"id":8405,"date":"2017-02-02T16:06:22","date_gmt":"2017-02-02T15:06:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=8405"},"modified":"2021-02-20T14:28:44","modified_gmt":"2021-02-20T14:28:44","slug":"der-wohlstand-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/02\/02\/der-wohlstand-der-zukunft\/","title":{"rendered":"Der Wohlstand der Zukunft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Gut leben? Klingt nach dickem Auto, gro\u00dfem Haus und Swimmingpool. Warum wir diese Vorstellung eines guten Lebens umbauen m\u00fcssen, um aus der Krise zu kommen, erkl\u00e4rte gestern Abend Prof. Dr. Ulrich Brand im Kupferbau.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass er hier auf Studierende mit interessanten Gedanken treffen wird, hat Prof. Dr. Ulrich Brand schon an den vielen Aufklebern auf der Toilette erkannt, wie er zu Beginn seiner Vorlesung witzelt. Der politische \u00d6kologe ist aus Wien angereist und hat selbst interessante, um nicht zu sagen revolution\u00e4re Gedanken im Gep\u00e4ck. Das mag auch der Grund gewesen sein \u2013 zusammen mit der letzten Unterschrift im Sitzschein \u2013 warum der H\u00f6rsaal noch einmal voller ist, als sonst bei der Ringvorlesung <em>\u201eEinf\u00fchrung in die Plurale \u00d6konomik\u201c.<\/em><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Ausbeutung &#8211; alte Leier, immer noch aktuell<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssten die imperialistische Herangehensweise an die Natur verstehen, um die heutigen Probleme zu l\u00f6sen, rechtfertigt Herr Professor Brand den Titel seines Vortrags \u201eImperiale Lebensweise und die Degrowth-Debatte\u201c, der f\u00fcr viele vielleicht auf Anhieb nicht greifbar ist. Was hat imperialistisches Handeln \u2013 ein historisch anmutender Begriff \u2013 mit einer aktuellen wirtschaftspolitischen Bewegung zu tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wiener Professor beschreibt dieses Handeln als zentrales Problem: \u201eDie Voraussetzungen und Konsequenzen unserer Lebensweise finden woanders statt oder wann anders\u201c. Es wird uns immer wieder vor Augen gef\u00fchrt, ja, wir wissen es langsam: Anderswo wird irgendwas abgebaut und dabei Mensch und Natur ausgebeutet. Der globale Norden bediene sich laut Brand \u00fcberproportional an den \u00f6kologischen und sozialen Ressourcen des globalen S\u00fcdens, um zu produzieren, zu konsumieren, wirtschaftlich zu wachsen. Und das benennt Brand als imperiale Lebensweise.<\/p>\n<h3><strong><em>\u201eWir diskutieren E-Autos schon seit zehn Jahren!\u201c <\/em><\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klar sind den meisten die \u00f6kologischen Gr\u00fcnde, aus denen es nicht so weitergehen kann. Das Konzept des \u00f6kologischen Fu\u00dfabdrucks beispielsweise. zeigt Brand nur kurz. Hinzu kommt ein vielleicht weniger offensichtlicher Grund: Das wirtschaftliche Wachstum auf Kosten dieser Ausbeutung verspricht heute nicht mehr unbedingt Wohlstand. Wer bekommt heute noch unbefristete Arbeitsvertr\u00e4ge? Kann auf ein sicheres Einkommen hoffen? Das \u201eBand\u201c, der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Wohlstand sei gerissen, betont Brand mehrmals. Und das Wirtschaftswachstum werde in Krisensituationen vom Stabilisator zum Destabilisator.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau hier setzt das <a href=\"https:\/\/www.degrowth.de\/de\/was-ist-degrowth\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Degrowth-Konzept<\/a> ein. Es basiert auf der Erkenntnis, dass Wirtschaftswachstum eben nicht immer gut, jedoch sehr fest in unserer Kultur als Wohlstandsbringer verankert ist. Brand nennt Namen wie Nicholas Georgescu-Roegen und Serge Latouche. Letzterer hat der Degrowth-Bewegung Anfang der 2000er noch einmal Aufwind verschafft, nachdem sie in den 80ern durch das Konzept der nachhaltigen Entwicklung verdr\u00e4ngt wurde. Nachhaltige Entwicklung, gr\u00fcne \u00d6konomie \u2013 das klingt doch gut? Brand: \u201eWir diskutieren E-Autos schon seit zehn Jahren!\u201c Und trotzdem halte sich die Automobilindustrie an den \u00d6lpreis, wenn es um die Rentabilit\u00e4t neuer E-Modelle gehe. Es fehlen die Anreize \u2013 somit gehe gr\u00fcne \u00d6konomie nicht an den Kern der Problematik.<\/p>\n<h3><strong><em>Das Stichwort lautet \u201eErsetzen\u201c<\/em><\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Degrowth also \u2013 \u201eentwachsen\u201c? Was bedeutet das? Verzichten? Brand betont ausdr\u00fccklich, dass f\u00fcr ihn Degrowth nicht gleichzusetzen sei mit einem schlichten Verzicht auf Konsumg\u00fcter. Das Stichwort sei \u201eersetzen\u201c &#8211; beispielsweise indem in Gemeinschaftsg\u00e4rten Gem\u00fcse angebaut wird, man sich also ein wenig Subsistenz erh\u00e4lt. Oder der \u00d6PNV so attraktiv gestaltet wird, dass es wirklich viel weniger Autos gibt. Anstatt Produktivismus und Konsumismus k\u00f6nnen Werte wie Kooperation und Gerechtigkeit Schl\u00fcsselrollen spielen. Nat\u00fcrlich seien das Machtfragen, sagt Brand. Die Degrowth-Bewegung m\u00fcsse jedoch aus ihrer Nischenposition herauskommen und brauche gesellschaftliche Perspektiven. Daf\u00fcr m\u00fcsse man wirklich umbauen und zum Beispiel \u201eStromkonzernen ihre Gesch\u00e4ftsmodelle kaputt machen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht also um wirklich gro\u00dfe politische Umbr\u00fcche. Und diese seien laut Brand mehr als n\u00f6tig angesichts zweier Drittel der Menschheit, die sich erst noch auf dem Weg in die Industriegesellschaft bef\u00e4nden. Denn: Werden Alternativen geschaffen, die Wohlstand ohne Wachstum bringen, bedeute dies auch mehr Zeit, weniger Stress, eine andere Form von Wohlstand \u2013 und weniger Krisenanf\u00e4lligkeit. Was wir daf\u00fcr tun m\u00fcssen: umdenken. Auch phantasievoll sein, denn \u201eDegrowth ist kein Masterplan, sondern eine Perspektive f\u00fcr gutes Leben f\u00fcr alle\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die\u00a0Vorlesungsreihe, welche die Studierendengruppe \u201eRethinking Economics T\u00fcbingen\u201c auf die Beine gestellt hat, wird im n\u00e4chsten Semester weitergef\u00fchrt: Die Gruppe m\u00f6chte damit ein zus\u00e4tzliches Angebot schaffen, wirtschaftswissenschaftliche Themen unter sozialwissenschaftlichen Aspekten zu beleuchten, eine Verkn\u00fcpfung, die im Wiwi-Studium viel zu kurz komme.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer mehr \u00fcber die \u201eRethinking Economics T\u00fcbingen\u201c und die kommende Veranstaltungsreihe wissen m\u00f6chte:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/RethinkingEconomics\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>https:\/\/www.facebook.com\/RethinkingEconomics\/<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am 20. M\u00e4rz erscheint ein Buch von Ulrich Brand zusammen mit Markus Wissen: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. oekom verlag M\u00fcnchen, 2017, ISBN-13: 978-3-86581-843-0 <a><img decoding=\"async\" class=\"citavipicker\" style=\"border: 0px none!important; width: 16px!important; height: 16px!important; margin-left: 1px !important; margin-right: 1px !important;\" title=\"Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt \u00fcbernehmen\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg\" \/><\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut leben? 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