{"id":8593,"date":"2017-03-05T21:30:18","date_gmt":"2017-03-05T21:30:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=8593"},"modified":"2021-02-20T14:18:29","modified_gmt":"2021-02-20T14:18:29","slug":"durchgeblaettert-schlafen-und-kotzen-bei-cotta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/03\/05\/durchgeblaettert-schlafen-und-kotzen-bei-cotta\/","title":{"rendered":"[Keep] durchgebl\u00e4ttert: Schlafen und Kotzen bei Cotta"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein ber\u00fchmter Schriftsteller gewohnt zu haben.\u00a0Doch wie genau war ihr Leben in T\u00fcbingen? Eine \u00dcbersicht in f\u00fcnf Teilen. Teil 1:\u00a0Lohnende Besuche f\u00fcr Goethe und Schiller\u00a0&#8211; trotz \u201eKotzerei\u201c und anstrengendem Gastgeber.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe sind beide schon bekannte Gr\u00f6\u00dfen der deutschen Literaturlandschaft, als ihre Wege sie in die Universit\u00e4tsstadt T\u00fcbingen f\u00fchren. Trotzdem sind die Besuche in T\u00fcbingen\u00a0f\u00fcr die zwei Dichterfreunde in vielerlei Hinsicht lohnend.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Friedrich Schiller \u201eSehnsucht\u201c\" width=\"840\" height=\"630\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/fWS81xR6wP4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><em>T\u00fcbingen als Elysium? Wer wei\u00df&#8230;doch Schiller sprach gegen\u00fcber Goethe auf jeden Fall wohlwollend \u00fcber das sch\u00f6n gelegene T\u00fcbingen. Hoffen wir nur, dass die Stocherk\u00e4hne immer ihren\u00a0\u201eF\u00e4hrmann\u201c behalten.<\/em><\/span><\/p>\n<h3>Bemuttert in der Burse<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schiller war als Jenaer Professor l\u00e4ngst seinem schw\u00e4bischen Ursprung entwachsen, als seine Pferdekutsche nach T\u00fcbingen rumpelt. Drei Tage hat er f\u00fcr T\u00fcbingen eingeplant und einmal angekommen verliert Schiller keine Zeit: Sofort entsteht der Kontakt mit\u00a0seinem fr\u00fcheren Lehrer Jakob Friedrich Abel, der ihn und seinen Begleiter stehenden Fu\u00dfes in der Burse einquartiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abel muss man sich wohl als anstrengenden Gastgeber vorstellen. Von der Ber\u00fchmtheit seiner G\u00e4ste beflei\u00dfigt, bemuttert er sie regelrecht und begleitet sie tagein, tagaus. Immer wieder l\u00e4dt er Schiller zum Essen und Gespr\u00e4chen ein, mal mit seiner Familie, dann wieder mit Stipendiaten in der Burse. Keine Sekunde scheint Abel von ihnen zu weichen. Van Hoven, Schillers Begleiter, h\u00e4lt fest: \u201eBis sp\u00e4t in die Nacht dauerte unsere gegenseitige Unterhaltung, ja Abel begleitete uns selbst ins Schlafzimmer.\u201c Und anscheinend verlie\u00df er es auch erst, als Schiller l\u00e4ngst eingeschlafen war.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Lieber Autor als Professor<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den Pl\u00e4nen Abels sollte Schiller gar noch viel l\u00e4nger in T\u00fcbingen bleiben: Er schl\u00e4gt vor, dass Schiller an der Universit\u00e4t Professor f\u00fcr <em>Geschichte und Sch\u00f6ne Wissenschaft<\/em> werden soll. Schiller schl\u00e4gt diese blumig bezeichnete Stelle allerdings aus \u2013 seine Gesundheit lasse keine l\u00e4ngere Bet\u00e4tigung dieser Art zu und au\u00dferdem erschien ihm das m\u00f6gliche Gehalt als zu gering. Nein, Schiller hat andere Ziele in T\u00fcbingen: Cotta, mit dem ihn Abel bekannt machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Verhandlungen mit dem Verleger findet Schiller seinen inneren Schwaben wieder, denn er tritt als findiger, k\u00fchler und erfolgreicher Gesch\u00e4ftsmann auf. Doch auch f\u00fcr Cotta lohnt sich das Gesch\u00e4ft: Durch den folgenden Erfolg h\u00e4uft er genug Reichtum an, um sich adeln lassen zu k\u00f6nnen. Aus Cotta wird ein von Cotta und nebenbei schaffen die beiden damit den Grundstein f\u00fcr die Epoche der Hochklassik. Wie wichtig sein Erfolgsautor Freiherr von Cotta ist, zeigt eine kleine Anekdote: Nach einem Gewitter l\u00e4sst Cotta Schiller einen Blitzableiter zukommen. Logisch: Ein erschlagener Autor schreibt n\u00e4mlich keine B\u00fccher mehr.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Johann Wolfgang von Goethe: Osterspaziergang\" width=\"840\" height=\"630\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Xtfkg0MN1ts?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><em>K\u00f6nnte glatt auch auf T\u00fcbingen im anbrechenden Fr\u00fchling gedichtet sein: \u201eHier bin ich Mensch, hier darf ich&#8217;s sein!\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<h3>Nach Regen&#8230;<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schiller ist es dann auch, der den Kontakt zwischen Goethe und Cotta herstellt, weswegen der Dichterf\u00fcrst auf einer Reise in die Schweiz einige Tage in T\u00fcbingen ins Land gehen l\u00e4sst. Nach der langen Kutschfahrt freut sich Goethe auf die Unterbringung bei Cotta \u2013 \u201ebey den hei\u00dfen Tagen\u201c habe er in Wirtsh\u00e4usern \u201eviel gelitten\u201c \u2013 und spricht positiv vom Anblick der vor ihm liegenden Stadt. Dabei soll es allerdings nicht lange bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schiller hatte Cotta geraten, Goethe \u201emit einigen interessanten Personen bekannt zu machen\u201c. Gesagt, getan und auch aufgrund schlechter werdenden Wetters warten auf Goethe Korrespondenzen, Korrespondenzen, Korrespondenzen. Mal geht es mit Gmelin zu seinem Gartenh\u00e4uschen auf dem Schlossberg, dann mit der Familie Ploucquet auf den \u00d6sterberg und so weiter. Ein gewisser Abel soll auch sein Gespr\u00e4ch bekommen haben. Au\u00dferdem ist Goethe wetterf\u00fchlig, was ihn zu dem Ausspruch \u201edie Stadt selbst ist abscheulich\u2026\u201c bringt. Vielleicht ein wenig hart f\u00fcr das sch\u00f6ne T\u00fcbingen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">&#8230;kommt Sonnenschein<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch mit sich besserndem Wetter kommt dann auch die Laune Goethes wieder und die Ausfl\u00fcge an den M\u00fchlbach, ins Ammer- und ins Neckartal vervollst\u00e4ndigen den get\u00e4tigten Ausspruch mit: \u201e\u2026allein man darf nur wenige Schritte tun, um die sch\u00f6nste Gegend zu sehen\u201c. Also nicht nur Gekotze, wie heute ein bekannter Satz auf dem Schild seiner Unterkunft in der M\u00fcnzgasse verspricht. Denn neben der gewonnenen Beziehung mit Cotta findet er in einem Werk in der Bibliothek der Burse auch einen wichtigen Bestandteil f\u00fcr seine ber\u00fchmte <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/goethes-farbenlehre-schattenspiele-im-licht-13505847.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eFarbenlehre\u201c<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Endeffekt also doch ein lohnender Besuch. Und ebenfalls ist dem \u00fcbereifrigen Abel zu danken, denn unter anderem \u00fcber ihn kam es erst zu der pr\u00e4gender Dreierbeziehung Goethe-Schiller-Cotta und damit zur Etablierung von einem der fruchtbarsten und wichtigsten Verlage Deutschlands, die Cotta&#8217;sche Verlagsbuchhandlung. In nur zwei kurzen Besuchen im kleinen T\u00fcbingen liegt also ein wichtiger Grundstein f\u00fcr die Entwicklung der deutschen Literatur.<\/p>\n\n<ol>\n<li>Teil: Goethe und Schiller bei Cotta<\/li>\n<li>Teil: <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/06\/durchgeblaettert-die-hausfrau-und-der-vollblutdichter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">M\u00f6rike der Tr\u00e4umer und die Hausfrau Wildermuth<\/a><\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/08\/duchgeblaettert-geisteskrank-in-tuebingen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Die Verr\u00fcckten H\u00f6lderlin und van Hoddis<\/a><\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/09\/durchgeblaettert-tuebinger-maerchen-tuebinger-politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Das Genie und der Politiker &#8211; Hauff und Uhland<\/a><\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/10\/durchgeblaettert-findungsort-wider-willen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0In T\u00fcbingen, um sich zu finden: Hesse und Zweig<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der\u00a0\u201eDichterf\u00fcrst\u201c, ist wahrscheinlich der bekannteste deutsche Schriftsteller. Er war im Jahre 1797 f\u00fcr einige Tage &#8211; vom 7. bis zum 16. September &#8211; in T\u00fcbingen und n\u00e4chtigte f\u00fcr diese Zeit in der M\u00fcnzgasse 15. Drei Werke: Das Drama <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/faust-eine-tragodie-3664\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eFaust\u201c<\/a>, die Gedichtsammlung <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/west-ostlicher-divan-3656\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eWest-\u00f6stlicher Divan\u201c<\/a> und die\u00a0<a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/wilhelm-meisters-wanderjahre-3679\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eWilhelm Meister\u201c<\/a>-Romane.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Friedrich von Schiller (1759-1805) ist vor allem als gro\u00dfer Dramatiker bekannt. Mit der Monatszeitschrift <a href=\"http:\/\/www.friedrich-schiller-archiv.de\/schriften\/horen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDie Horen\u201c<\/a> f\u00fchrt er Goethe mit Cotta zusammen. Die Zusammenarbeit mit dem Verleger gr\u00fcndet sich in seinem Besuch im M\u00e4rz 1794. Er wohnt f\u00fcr diese Zeit in der Bursagasse 1 (Burse). Drei Werke: <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/die-rauber-3339\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDie R\u00e4uber\u201c<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hpye8w1XK7o\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDas Lied von der Glocke\u201c<\/a> und <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/kabale-und-liebe-3317\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eKabale und Liebe\u201c<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Johann Friedrich von Cotta (1764-1832) ist der wohl bedeutendste deutsche Verleger des 18. und 19. Jahrhunderts. In der\u00a0Cotta&#8217;sche Verlagsbuchhandlung erschienen Werke von Autoren wie Goethe, Schiller, H\u00f6lderlin, Kleist, Fichte und Hegel. Bis 1816 wohnte er im Cottahaus, der M\u00fcnzgasse 15, Stammhaus seines Verlages, bevor er nach Stuttgart \u00fcbersiedelte.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein ber\u00fchmter Schriftsteller gewohnt zu haben.\u00a0Doch wie genau war ihr Leben in T\u00fcbingen? 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