{"id":8607,"date":"2017-03-06T22:30:36","date_gmt":"2017-03-06T22:30:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=8607"},"modified":"2021-02-20T14:18:06","modified_gmt":"2021-02-20T14:18:06","slug":"durchgeblaettert-die-hausfrau-und-der-vollblutdichter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/03\/06\/durchgeblaettert-die-hausfrau-und-der-vollblutdichter\/","title":{"rendered":"durchgebl\u00e4ttert: Die Hausfrau und der Vollblutdichter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein ber\u00fchmter Schriftsteller gewohnt zu haben.\u00a0Doch wie genau war ihr Leben in T\u00fcbingen? Eine \u00dcbersicht in f\u00fcnf Teilen. Teil 2:\u00a0M\u00f6rike und Wildermuth &#8211; Der eine tr\u00e4umt, die andere w\u00e4scht sich durch T\u00fcbingen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eduard M\u00f6rike und Ottilie Wildermuth k\u00f6nnten unterschiedlicher nicht sein: Er ein Tr\u00e4umer, der eigentlich in seinem Leben nichts anderes tun will als zu dichten, und sie die Realistin, die \u00fcber der\u00a0Hausarbeit schon mal das Schreiben vergisst.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Eduard M\u00f6rike \u201eUm Mitternacht&quot; I\" width=\"840\" height=\"630\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/hwspg1sjwtg?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><em>\u201eUm Mitternacht\u201c l\u00e4sst einblicken, wie M\u00f6rike sich tr\u00e4umend in der Natur verlieren konnte.<\/em><\/span><\/p>\n<h3>Fantasiereich T\u00fcbingen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00e4sst man den Blick \u00fcber das Leben M\u00f6rikes streichen, stellt sich die Frage, ob dieser Mensch auch einmal gl\u00fccklich und zufrieden war. Die Antwort: Ja, denn trotz einiger Probleme scheint die Zeit als Stiftler in T\u00fcbingen seine sch\u00f6nste gewesen zu sein. Hier tr\u00e4gt er noch keine gesellschaftliche Verantwortung und kann einfach nur studieren \u2013 sp\u00e4ter permanent pr\u00e4sente Geld- und Familiensorgen st\u00f6ren ihn noch nicht. Doch M\u00f6rike ist auch nicht der typische Student.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Egal ob im Stift oder in seinen externen Behausungen in der Neckar- oder Clinicumsgasse, M\u00f6rike kann sich nicht auf den von ihm erwarteten Lebensweg als Pfarrer einlassen. Es dr\u00e4ngt ihn zu naturhaften Refugien wie Gartenlauben oder Brunnenh\u00fctten und hinaus aus der b\u00fcrgerlichen Welt. Denn der gro\u00dfe schw\u00e4bische Dichter reagiert auf \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse \u00e4u\u00dferst verletzlich und zerbrechlich \u2013 selbst seinen Freunden droht er oftmals zu entschwinden. Niemand kann ihn g\u00e4nzlich greifen. Der Realit\u00e4t begegnet er immer mit Poesie und R\u00fcckzug aus der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Wunder ist es, dass er, der immer wieder aufgrund mangelnden Flei\u00dfes oder verbotenem Rauchen im Karzer landete, m\u00f6glichst bald das Stift verlassen will und sich mit seinen Freunden in ihn pr\u00e4gende Natur-R\u00e4ume zur\u00fcckzieht. Dort wird debattiert, getrunken, gelesen \u2013 und dort schafft M\u00f6rike auch seine gr\u00f6\u00dften Werke: die fiktiv-utopische Welt <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/eduard-m-5525\/150\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Orplid<\/a> und den Roman \u201eMalter Nolten\u201c. T\u00fcbingen und die Natur sind f\u00fcr ihn mythische Orte, die immer wieder in seinen Werken Anklang finden. Genau wie die engen M\u00e4nnerfreundschaften und <a href=\"http:\/\/www.peregrina.de\/eins.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">erste Liebeserfahrungen<\/a>, die M\u00f6rike sein Leben lang pr\u00e4gen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-8609\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fr\u00fchling-Wildermuth2-353x672.jpg\" alt=\"\" width=\"353\" height=\"672\" \/><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Zuerst waschen, dann dichten<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz anders bei Wildermuth: Sie steht, den damaligen Gepflogenheiten\u00a0entsprechend, \u00a0mitten im Leben. Biedermeierlich f\u00fchlt sie sich zuallererst als Hausfrau und Mutter \u2013 obwohl sie die erfolgreichste und prominenteste T\u00fcbinger Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts ist. Nach und nach und mit zunehmender Ber\u00fchmtheit schreibt sie sogar fast gar nicht mehr, Haushalt und Besuche gehen n\u00e4mlich vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hat sich Wildermuth nie zur\u00fcckgezogen und der Realit\u00e4t und \u00d6ffentlichkeit verwehrt. Die vitale Dichterin mausert sich zur lokalen Institution. Zun\u00e4chst in der Gartenstra\u00dfe ans\u00e4ssig, ist sie unter anderem mit Ludwig Uhland befreundet. Welcher Schalk in Wildermuth sa\u00df, zeigt sich in einem Scherz: Dem Literaturwissenschaftler und Dichter Uhland schickte sie einst ein von ihr verfasstes altdeutsches Gedicht, Wolfram von Eschenbach zugeschrieben, und pries es als Neuentdeckung an. Einem Freund schrieb sie dazu: \u201e\u2026wei\u00df nicht, ob der Spa\u00df Erfolg haben wird.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch nach Umz\u00fcgen in Uhland- und letztlich Wilhelmstra\u00dfe bleibt Wildermuth ihre Art und ihre Gastfreundschaft erhalten. In ihr war keine schriftstellerische Eitelkeit und so macht die Gartenliebhaberin den Nachbarskindern nach der Schule auch schon mal ein Vesperbrot. Doch so offen und freundlich die T\u00fcbingerin war, so moralisch und p\u00e4dagogisch verbreitete sie auch ihre christliche Weltsicht. Ihrem Erz\u00e4hlerk\u00f6nnen tat dies allerdings keinen Abbruch und so lebt ihr Werk von einer au\u00dferordentlichen Beobachtungsgabe der Realit\u00e4t und der \u201everflixten Lust, den anderen nicht nur in die Stube, sondern auch in die T\u00f6pfe zu gucken\u201c, wie sie einmal beschrieben wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die dichtende Hausfrau und der realit\u00e4tsscheue Dichter \u2013 verschieden wie Tag und Nacht und doch sind beide auf ihre Art zwei der\u00a0gr\u00f6\u00dften schw\u00e4bischen Dichter des 19. Jahrhunderts. Und f\u00fcr beide bedeutete T\u00fcbingen eine tiefgehende Inspiration, die sich quer durch ihre Werke zieht.<\/p>\n\n<ol>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/05\/durchgeblaettert-schlafen-und-kotzen-bei-cotta\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Goethe und Schiller bei Cotta<\/a><\/li>\n<li>Teil: M\u00f6rike der Tr\u00e4umer und die Hausfrau Wildermuth<\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/08\/duchgeblaettert-geisteskrank-in-tuebingen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Die Verr\u00fcckten H\u00f6lderlin und van Hoddis<\/a><\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/09\/durchgeblaettert-tuebinger-maerchen-tuebinger-politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Das Genie und der Politiker &#8211; Hauff und Uhland<\/a><\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/10\/durchgeblaettert-findungsort-wider-willen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0In T\u00fcbingen, um sich zu finden: Hesse und Zweig<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eduard M\u00f6rike (1804-1875), schw\u00e4bischer-romantischer Heimatdichter und Pfarrer wider Willen. Sein Leben lang haderte er mit seinem Beruf und wurde fr\u00fch pensioniert. Er studierte von 1822-1826 im T\u00fcbinger Stift und wohnte auch au\u00dferhalb in Wohnungen am Holzmarkt 7 und in der Neckargasse 22 und der Clinicumsgasse 4. Sp\u00e4ter kehrte er zur Erholung in\u00a0Bebenhausen ein. Drei Werke: Der gro\u00dfe Roman <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/maler-nolten-5517\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eMaler Nolten\u201c<\/a>, das M\u00e4rchen <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/das-stuttgarter-hutzelmannlein-5522\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDas Stuttgarter Hutzelm\u00e4nnlein\u201c<\/a> und das Gedicht <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/eduard-m-5525\/20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eBesuch in Urach\u201c<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ottilie Wildermuth (1817-1877) schrieb neben ihren Gedichten und Erz\u00e4hlungen auch Jugendliteratur. Sie gr\u00fcndete sogar eine eigene Zeitschrift, \u201eJugendgarten\u201c genannt. Bis 2011 war ihr Denkmal auf der Neckarinsel das einzige in T\u00fcbingen f\u00fcr eine Frau. Sie lebte in der Gartenstra\u00dfe 13a, der Uhlandstra\u00dfe 11 und der Wilhelmstra\u00dfe, H\u00e4user 16 und 14. Drei Werke: Ihr Hauptwerk <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=0lY7AAAAcAAJ&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de&amp;source=gbs_ge_summary_r&amp;cad=0#v=onepage&amp;q&amp;f=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eBilder und Geschichten aus dem schw\u00e4bischen Leben\u201c<\/a>\u00a0und die\u00a0Gedichte <a href=\"http:\/\/gedichte.xbib.de\/Wildermuth_gedicht_032.+Einer+jungen+Dichterin.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eEiner jungen Dichterin\u201c<\/a> und die Erz\u00e4hlung und <a href=\"http:\/\/gedichte.xbib.de\/Wildermuth_gedicht_001.+Liebe+und+Ehe.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eLiebe und Ehe\u201c<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein ber\u00fchmter Schriftsteller gewohnt zu haben.\u00a0Doch wie genau war ihr Leben in T\u00fcbingen? Eine \u00dcbersicht &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":270,"featured_media":8611,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[62],"tags":[1468,1469,681,1470,1455,1471,1472,11,1473,1474,1475,1476,933,548,1477,1095,16,1478,1479,1480,1481,1482,1483,456,1484,305,135,306,1485,19,1128,21,1486,1487],"class_list":["post-8607","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","tag-biedermeier","tag-clinicumsgasse","tag-dichter","tag-dichterin","tag-durchgeblaettert","tag-erfolg","tag-erzaehlerin","tag-featured","tag-gastfreundschaft","tag-gegensatz","tag-hausfrau","tag-haushalt","tag-holzmarkt","tag-literatur","tag-maler-nolten","tag-moerike","tag-natur","tag-neckargasse","tag-orplid","tag-pfarrer","tag-prominenz","tag-rueckzug","tag-scherze","tag-schwaben","tag-sorgen","tag-stift","tag-studium","tag-theologie","tag-traeumer","tag-tubingen","tag-uhland","tag-universitaet","tag-waesche","tag-wildermuth"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8607","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/270"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8607"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8607\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23707,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8607\/revisions\/23707"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8607"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8607"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8607"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}