{"id":8622,"date":"2017-03-08T11:30:10","date_gmt":"2017-03-08T11:30:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=8622"},"modified":"2021-02-20T14:18:00","modified_gmt":"2021-02-20T14:18:00","slug":"duchgeblaettert-geisteskrank-in-tuebingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/03\/08\/duchgeblaettert-geisteskrank-in-tuebingen\/","title":{"rendered":"duchgebl\u00e4ttert: Geisteskrank in T\u00fcbingen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein ber\u00fchmter Schriftsteller gewohnt zu haben.\u00a0Doch wie genau war ihr Leben in T\u00fcbingen? Eine \u00dcbersicht in f\u00fcnf Teilen. Teil\u00a03: Au\u00dferhalb dieser Welt &#8211; Leben im Turm und Sterben im NS.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Dichter am Rande der Gesellschaft, die sich im Leben verloren hatten und am eigenen Leib erlebten, was es hei\u00dft, vor hundert oder\u00a0zweihundert Jahren in die Psychiatrie zu kommen. Doch ihre Schicksale haben einen entscheidenden Unterschied.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8625\" aria-describedby=\"caption-attachment-8625\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8625 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/17015148_1769293973096205_1674002821_o-1038x661.jpg\" width=\"1038\" height=\"661\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8625\" class=\"wp-caption-text\">Sp\u00e4te Lyrik H\u00f6lderlins aus dem Turm: Typisch f\u00fcr seinen Zustand ist die Hochachtung vor dem Kindlichen, untypisch der klare Verstand \u00fcber sein Dasein.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Verengung der Lebenswelt<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich H\u00f6lderlin ist ohne Zweifel einer der bekanntesten T\u00fcbinger \u00fcberhaupt. Der nach ihm benannte H\u00f6lderlinturm ist l\u00e4ngst zu einem Wahrzeichen geworden \u2013 steht er doch auch als Symbol f\u00fcr das Leben des \u201ein eine innere Verborgenheit geflohenen H\u00f6lderlin\u201c. 36 Jahre verbringt er im Turm, am\u00a0Uferrand zwischen Fluss und Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Typisch f\u00fcr seine Zeit\u00a0f\u00fchrt sein Weg aufgrund des Studiums nach T\u00fcbingen und \u00e4hnlich wie so viele andere T\u00fcbinger Dichter ist f\u00fcr seine Bildung das Stift bestimmt worden. Weiter dem Muster folgend befindet sich H\u00f6lderlin mit diesem Schicksal im Konflikt: Das \u00e4u\u00dfere Bildungsziel der Theologie stimmt nicht mit seiner inneren Berufung \u00fcberein. Dass er kein Jura studieren darf, klagt H\u00f6lderlin bei seinen Eltern mit dem Vorwurf: \u201eDie Universit\u00e4tsjahre sollten die vergn\u00fcgtesten sein!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wirklichkeit verliert daraufhin f\u00fcr den jungen H\u00f6lderlin immer mehr an Raum: Das Studium \u2013 eine Entt\u00e4uschung, die politischen Hoffnungen in die Revolution \u2013 vergebens. Nach dem Abschluss geht diese Kette weiter, denn aufgrund seiner Liaison mit der Frau seines Arbeitgebers verliert H\u00f6lderlin seine Anstellung als Hofmeister. Als dann auch noch eben jene Geliebte Susette an R\u00f6teln stirbt, verliert er g\u00e4nzlich den Bezug zur Realit\u00e4t.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Der Weg an den Abgrund und wieder zur\u00fcck<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6lderlin wird gewaltsam ins Universit\u00e4tsklinikum in T\u00fcbingen gebracht, sein Zustand soll zwischen Wahnsinn und Raserei geschwankt haben. 231 Tage bleibt er unter Behandlung von Prof. Autenrieth in der Abteilung f\u00fcr Geisteskranke der Burse und muss Zwangsjacken, Beruhigungs- und Reizmittel, sowie die ber\u00fcchtigte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Heinrich_Ferdinand_Autenrieth\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Authenrietsche Maske<\/a> \u00fcber sich ergehen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gl\u00fccklicherweise nehmen Privatleute das wahnsinnige Genie bei sich auf, eben in jenem H\u00f6lderlinturm gegen\u00fcber der Burse und am Ufer des Neckars. Bis zu seinem Tode lebt\u00a0er dort vor sich hin, immer wieder unterbrochen von wohlwollenden oder mitleidsvollen Besuchen. Seine Existenz nach au\u00dfen ist fast nur noch von seinem wunderlichen Auftreten gepr\u00e4gt: Er f\u00fchrt Selbstgespr\u00e4che, wechselt von Wutausbr\u00fcchen in stundenlanges Umhergehen in seinem Zimmer \u2013 allerdings schien er sich seines Zustandes teilweise auch deutlich bewusst zu sein, wie manche im Turm geschriebene Zeilen zeigen. Das Schreiben gab er \u00fcbrigens nie auf.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Jakob van Hoddis: WELTENDE (Lesung) (Florian Friedrich)\" width=\"840\" height=\"473\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/j0kSweMLlHw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>Jakob van Hoddis&#8216; Gedicht \u201eWeltende\u201c wird die \u201eMarseillaise der expressionistischen Rebellion\u201c genannt &#8211; eine bedr\u00fcckende Zukunftssicht.<\/em><\/span><\/p>\n<h3>Der Dichter, der nichts mehr ist<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verehrt wurde er als Dichter allerdings weiter, denn mehr als hundert Studenten begleiteten H\u00f6lderlins Sarg zur letzten Ruhe auf den Friedhof hinter dem Kupferbau. Anders verlief es bei Jakob van Hoddis, der eigentlich Hans Davidsohn hie\u00df. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein anerkannter Dichter des Berliner Fr\u00fchexpressionismus, findet er sich 1922 v\u00f6llig am Rande der Gesellschaft und in T\u00fcbingen wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrgenommen wird er nur noch als \u201edahergelaufener Jude\u201c und auf Nachfragen bei Zeitzeugen f\u00e4llt ihnen wieder ein: \u201eGhet hen se so oin, der net recht war.\u201c \u201eSe\u201c, das war die Familie von van Hoddis\u2018 Onkel, bei denen der Entm\u00fcndigte zur Pflege untergekommen ist. In der Wilhelmstra\u00dfe, gegen\u00fcber dem heutigen Brechtbau, lief alles noch reibungslos. Van Hoddis wurde als sonderlich und ungepflegt, aber ungef\u00e4hrlich eingestuft, und neugierig beim Herumstromern be\u00e4ugt. Er sammelt Zettel und Zigarettenstummel auf der Stra\u00dfe und kritzelte Zeichnungen, Verse und Zahlenreihen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Als unwert und entartet abgestuft<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Umzug in die Sofienstra\u00dfe endet allerdings im Fiasko: Sonst friedlich Tiere gr\u00fc\u00dfend eskaliert ein Streit mit den Nachbarn und die Polizei weist van Hoddis nicht zwanglos in die Heil- und Nervenanstalt auf dem F\u00f6hrberg ein. Dort ist nur wenig \u00fcber sein Leben bekannt. Er soll ein ruhiger und folgsamer Patient gewesen sein, doch mit den zeitgen\u00f6ssischen Debatten um die Minderwertigkeit von Geisteskranken und den daraus folgenden Vorschl\u00e4gen zur Zwangssterilisation und Euthanasie ist klar, dass sein Schicksal kein gutes Ende nehmen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der NS-Zeit wird das <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/zeit-geschichte\/2017\/01\/euthanasie-ns-regime-kranke-behinderte-massenmord\/komplettansicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Leben von Psychiatriepatienten endg\u00fcltig als \u201eentartet\u201c eingestuft<\/a> und Jakob van Hoddis wird der NS-T\u00f6tungsmaschinerie\u00a0zugef\u00fchrt: Er stirbt im Wahn um die Vernichtung von \u201eunwertem\u201c Leben in Polen, wahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibor. Die Ahnung von b\u00f6sen Schatten in der Zukunft, die sich oftmals in seinen Versen findet, wird zu seinem pers\u00f6nlichen Schicksal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6lderlin und van Hoddis \u2013 <em>Aus der Welt gefallen<\/em> beschreibt wohl ganz gut ihren Lebensverlauf und ihr Verhalten in T\u00fcbingen. Bei Privatleuten gut aufgehoben und f\u00fcr ihr kindlich-zeremonielles Verhalten bel\u00e4chelt, beschlie\u00dft sich ihr Schicksal mit dem Stempel des Wahnsinns, der ihnen durch die Aufenthalte in den damaligen Anstalten\u00a0aufgedr\u00fcckt wird. H\u00f6lderlin wird zwar weiter verehrt, als genialer Dichter T\u00fcbingens, doch van Hoddis wird letztendlich zu einem fast in Vergessenheit geratenen Opfer des sinnlosen T\u00f6tens im zweiten Weltkrieg.<\/p>\n\n<ol>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/05\/durchgeblaettert-schlafen-und-kotzen-bei-cotta\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Goethe und Schiller bei Cotta<\/a><\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/06\/durchgeblaettert-die-hausfrau-und-der-vollblutdichter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0M\u00f6rike der Tr\u00e4umer und die Hausfrau Wildermuth<\/a><\/li>\n<li>Teil: Die Verr\u00fcckten H\u00f6lderlin und van Hoddis<\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/09\/durchgeblaettert-tuebinger-maerchen-tuebinger-politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Das Genie und der Politiker &#8211; Hauff und Uhland<\/a><\/li>\n<li>Teil: <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/10\/durchgeblaettert-findungsort-wider-willen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">In T\u00fcbingen, um sich zu finden: Hesse und Zweig<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Friedrich H\u00f6lderlin (1770-1843) ist in seinem Schaffen den zeitgen\u00f6ssischen Literaturepochen nicht eindeutig zuzuordnen und nimmt daher eine Sonderrolle in der deutschen Literatur ein. Seine geistige Erkrankung pr\u00e4gte H\u00f6lderlins Leben &#8211; dennoch gilt er als einer der bedeutendsten Poeten\u00a0der abendl\u00e4ndischen Literatur. H\u00f6lderlin war wohnhaft im Stift, in der Burse und dem H\u00f6lderlinturm (Bursagasse 6). Drei Werke: Der lyrische Briefroman <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/hyperion-264\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eHyperion\u201c<\/a>, das \u00dcbersetzungs-Meisterwerk<a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/antigone-6244\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> \u201eAntigone\u201c<\/a> und das Gedicht <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9VZ16FbmfnM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDer Neckar\u201c<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jakob van Hoddis&#8216; (1887-1942)\u00a0hie\u00df eigentlich Hans Davidsohn. Das Pseudonym \u201eVan Hoddis\u201c ist ein Anagramm seines Nachnamens. Ab 1912 meldet sich verst\u00e4rkt seine Psychose, weshalb er immer mehr den Bezug zur Realit\u00e4t verlor und immer wieder in Kliniken geschickt wurde. Zuvor war er in den expressionistischen Kreisen Berlins ein verehrter K\u00fcnstler gewesen. Van Hoddis lebte in T\u00fcbingen in der Wilhelmstra\u00dfe 25, der Sofienstra\u00dfe 2 und in der Nervenklinik, Osianderstra\u00dfe 22. Drei Werke: Das Prosast\u00fcck <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/prosastucke-und-texte-7561\/2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eVon mir und vom Ich\u201c<\/a> und die Gedichte <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/gesammelte-dichtungen-9089\/39\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eHymne\u201c<\/a> und <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/gesammelte-dichtungen-9089\/41\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eNachtgesang\u201c<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein ber\u00fchmter Schriftsteller gewohnt zu haben.\u00a0Doch wie genau war ihr Leben in T\u00fcbingen? 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