{"id":8647,"date":"2017-03-10T08:30:20","date_gmt":"2017-03-10T08:30:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=8647"},"modified":"2021-02-20T14:16:37","modified_gmt":"2021-02-20T14:16:37","slug":"durchgeblaettert-findungsort-wider-willen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/03\/10\/durchgeblaettert-findungsort-wider-willen\/","title":{"rendered":"durchgebl\u00e4ttert: Findungsort wider Willen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein ber\u00fchmter Schriftsteller gewohnt zu haben.\u00a0Doch wie genau war ihr Leben in T\u00fcbingen? Eine \u00dcbersicht in f\u00fcnf Teilen. Teil\u00a05: Hesse, Zweig und die Selbstverwirklichung in T\u00fcbingen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Hermann Hesse und Arnold Zweig war der Umzug nach T\u00fcbingen mehr Zwang als Wollen. Beide waren zutiefst entt\u00e4uscht von der sich ihnen bietenden Welt und mussten sich an einem neuen Ort ordnen, um ihre pers\u00f6nlichen Ziele zu erreichen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"HERMANN HESSE - STUFEN\" width=\"840\" height=\"473\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/tShVfptMyW8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>Das Gedicht \u201eStufen\u201c, hier vorgelesen von Hesse selbst, ist sein wohl bekanntestes Gedicht. \u201eIn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne&#8230;\u201c &#8211; das galt auch f\u00fcr ihn selbst.<\/em><\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Flucht nach T\u00fcbingen, Beginn als Schriftsteller<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hesse befindet sich in einer Art Schwebezustand zwischen Allem oder Nichts: Aufgrund eines Selbstmordversuchs in seiner Jugendkrise vor\u00fcbergehend in eine Nervenheilanstalt verwiesen, ist er auf der Suche nach seiner ihm noch unbekannten Berufung. Durch den herk\u00f6mmlichen Bildungsweg und seine Familie glaubt er diese nicht zu erreichen, weshalb er die ungeliebte Ausbildung zum Buchh\u00e4ndler mit seiner pers\u00f6nlichen Bildung verbindet, der er umso eifriger nachgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das H\u00f6chste f\u00fcr ihn ist die \u201eFlucht vom \u00c4u\u00dferen der B\u00fccher(arbeit) ins Innere\u201c, die er am Abend, nach der Arbeit in der Buchhandlung Heckenhauer am Holzmarkt, vollf\u00fchrt. Selbsterziehung und Selbstfindung stehen auf dem Plan \u2013 und obwohl ihm sein Vater weiterhin den genauen Tagesablauf vorschreibt, kann sich Hesse seiner Familie wieder ann\u00e4hern und macht damit einen ersten Schritt aus der Krise. Auch wenn er die Arbeit als \u201eStaubschlucken und Geldz\u00e4hlen\u201c abtut, die \u201eeinen zum elenden Karl macht\u201c, erfreut sich der Freigeist am Leben in T\u00fcbingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier hat Hesse seine geistige und pers\u00f6nliche Identit\u00e4t gefunden. Er genie\u00dft das \u201eLandleben\u201c in der Herrenbergstra\u00dfe vor den Toren der Stadt und macht viele Ausfl\u00fcge in die n\u00e4here Umgebung. Die Sonntage \u201ewerden vertr\u00e4umt, d.h. vergeigt, verschlafen verbummelt oder verlesen\u201c. Er sagt von sich selbst, dass er in T\u00fcbingen in drei Gebieten flei\u00dfig gewesen sei: \u201eIm Gesch\u00e4ft, in privater Lekt\u00fcre und in abendlich n\u00e4chtlichem Verkehr mit einigen Kameraden, meist ausgesprungenen oder sonst verbindungslosen Studenten, mit gro\u00dfen Saufereien.\u201c<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Inge Keller liest Arnold Zweig - Tilsiter Lichtspiele Juli 2009\" width=\"840\" height=\"630\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/CtCZrfb7h4I?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>Auszug aus Arnold Zweigs \u201eJunge Frau von 1914\u201c aus dem Romanzyklus \u201eDer gro\u00dfe Krieg der wei\u00dfen M\u00e4nner\u201c, begonnen mit \u201eDer Streit um den Sergeanten Grischa\u201c.<\/em><\/span><\/p>\n<h3>Befreiung von den Folgen des Krieges<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch f\u00fcr Zweig ist T\u00fcbingen nicht das Wunschziel: Auf der Suche nach \u201eirgendeiner Einsamkeit\u201c, in der er wieder etwas \u201eschaffen\u201c kann, verschl\u00e4gt es ihn ausgerechnet nach T\u00fcbingen. Das politische Berlin behagt ihm nicht mehr und er w\u00fcnscht sich, die verlorene Zeit im Krieg nachholen zu k\u00f6nnen. Mit dem \u201edurchdr\u00f6hnten\u201c Literaturbetrieb in Berlin steht er au\u00dferdem auf dem Kriegsfu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also T\u00fcbingen. Durch die Immatrikulation l\u00f6st Zweig das Problem der Wohnungssuche und zieht mit seiner Frau Bice nach Lustnau. Nat\u00fcrlich hat er kein echtes Studium geplant, denn er ist ja schon ein bekannter Schriftsteller. Dennoch belegt Zweig einige Vorlesungen aus Interesse. T\u00fcbingen ist leider nicht so unpolitisch, wie er sich gew\u00fcnscht hat: Er beschreibt es als \u201egegenrevolution\u00e4r und antisemitisch\u201c. Sein Ziel der Ruhe findet er dennoch: Zweig scheut den Kontakt zu den Einwohnern und gibt sich als Einsiedler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schreiben kommt er trotzdem nicht wirklich. Der Krieg hallt noch nach und darunter leidet sein literarisches Ausdrucksverm\u00f6gen. Nicht jedoch sein essayistisches und so setzt sich Zweig mit dem Krieg und dem Judentum auseinander, \u00fcberarbeitet fr\u00fchere Werke und schafft die ideologische Grundlage f\u00fcr sein weiteres Schaffen. Erst als er mithilfe psychoanalytischer Behandlung seine Depression \u00fcberwinden kann, beginnt Zweig wieder literarisch zu schreiben \u2013 vor allem nach dem Umzug ins geliebte M\u00fcnchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweig lernt, in der Ruhe und Verlassenheit von T\u00fcbingen, seine wahre Universit\u00e4t, den Krieg, zu verarbeiten. Mit diesem gewonnenen Abstand k\u00f6nnen einige seiner gr\u00f6\u00dften Werke entstehen. Hesse hingegen legt in T\u00fcbingen den Grundstein zur Festigung seines Charakters und zu seinem K\u00fcnstlerdasein. Der erste Schritt zum meistgelesenen europ\u00e4ischen Autor des 20. Jahrhunderts und Nobelpreistr\u00e4ger ist getan. F\u00fcr beide wirkt T\u00fcbingen als Katalysator zum Finden und Festigen der literarischen und auch eigenen Pers\u00f6nlichkeit, indem jegliche psychische Belastung beseitigt wird.<\/p>\n\n<ol>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/05\/durchgeblaettert-schlafen-und-kotzen-bei-cotta\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Goethe und Schiller bei Cotta<\/a><\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/06\/durchgeblaettert-die-hausfrau-und-der-vollblutdichter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0M\u00f6rike der Tr\u00e4umer und die Hausfrau Wildermuth<\/a><\/li>\n<li>Teil: <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/08\/duchgeblaettert-geisteskrank-in-tuebingen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Verr\u00fcckten H\u00f6lderlin und van Hoddis<\/a><\/li>\n<li>Teil:<a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/03\/09\/durchgeblaettert-tuebinger-maerchen-tuebinger-politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a0Das Genie und der Politiker \u2013 Hauff und Uhland<\/a><\/li>\n<li>Teil: In T\u00fcbingen, um sich zu finden: Hesse und Zweig<\/li>\n<\/ol>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hermann Hesse (1877-1962) schrieb passend zu seinen Erlebnissen in T\u00fcbingen thematisch haupts\u00e4chlich \u00fcber Selbstverwirklichung und Selbstwerdung. Er ist seit 1946 Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger. Sein Leben war gepr\u00e4gt von psychischen Krisen. Als \u00fcberzeugter Kriegsgegner siedelte er 1919 ins Tessin um, wo er seine gr\u00f6\u00dften Werke schrieb. Als Gegner des NS war er in Deutschland unerw\u00fcnscht geworden. Gegen Ende seines Lebens schrieb er kaum noch, sondern war mit unz\u00e4hligen Korrespondenzen ob seiner Ber\u00fchmtheit besch\u00e4ftigt. In T\u00fcbingen lebte er in der Herrenbergerstra\u00dfe 28 und arbeitete am Holzmarkt 5. Drei Werke: Das Nobelpreis-Werk <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Glasperlenspiel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDas Glasperlenspiel\u201c<\/a>, der Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Steppenwolf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDer Steppenwolf\u201c<\/a> und das philosophische Gedicht <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stufen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eStufen\u201c<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Arnold Zweig (1887-1969) wurde aufgrund seiner Erfahrungen im ersten Weltkrieg zum Pazifisten. Im Nationalsozialismus wurden Zweigs B\u00fccher verbrannt und er floh ins Exil nach Haifa. Er\u00a0orientierte er sich in Richtung des humanistischen Sozialismus, weswegen er bei seiner R\u00fcckkehr nach (Ost-)Deutschland von der Regierung geehrt wurde. Allerdings fand er aufgrund seiner N\u00e4he zur DDR in der BRD kaum Anerkennung. Zweig lebte in T\u00fcbingen in Lustnau in der Dorfstra\u00dfe 3. Drei Werke: Sein bekanntestes Werk <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Streit_um_den_Sergeanten_Grischa\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDer Streit um den Sergeanten Grischa\u201c<\/a>, die mit dem Kleist-Preis gek\u00fcrte Trag\u00f6die <a href=\"http:\/\/sammlungen.ub.uni-frankfurt.de\/freimann\/content\/titleinfo\/6470731\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eRitualmord in Ungarn\u201c<\/a> und der Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Beil_von_Wandsbek\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDas Beil von Wandsbek\u201c<\/a>, in dem die Anpassung der kleinen Leute in der NS-Zeit thematisiert wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"text-decoration: underline;\">Lizenz Titelbild, rechtes Bild:<\/span>\u00a0<span class=\"licensetpl_attr\">Bundesarchiv, Bild 183-28224-0009 \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">CC-BY-SA 3.0<\/a>, Foto: Heinz Funck. (Arnold Zweig, links, und Otto Nagel).<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In jedem zweiten Haus in der Altstadt scheint schon mal ein ber\u00fchmter Schriftsteller gewohnt zu haben.\u00a0Doch wie genau war ihr Leben in T\u00fcbingen? 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