{"id":8795,"date":"2017-03-28T19:46:09","date_gmt":"2017-03-28T19:46:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=8795"},"modified":"2021-02-20T14:13:48","modified_gmt":"2021-02-20T14:13:48","slug":"von-sonnenschein-und-wein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/03\/28\/von-sonnenschein-und-wein\/","title":{"rendered":"Von Sonnenschein und Wein"},"content":{"rendered":"<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<strong>T\u00fcbingen und der Wein: Das ist eine besondere Beziehung, die nicht immer von Liebe gepr\u00e4gt war. Eine Geschichte von Wein und einem Besen, mit dem man nicht fegen, aber in den man einkehren kann.<\/strong>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\"><!--more-->Es ist heiter und die T\u00fcbinger gieren nach der strahlenden Fr\u00fchlingssonne. Erste genehmigen sich ein Sonnenbad im alten Botanischen Garten oder auf der Neckarmauer. Daf\u00fcr hat David Brenner an den Nachmittagen zwischen dem 15. Februar und dem 8. April keine Zeit. Denn in diesem Zeitraum betreibt er den T\u00fcbinger Altstadtbesen in der Haaggasse, unterst\u00fctzt von seinen Eltern. K\u00fcmmert er sich im Moment um zahlreiche Karaffen seines gefragten T\u00fcbinger Weins und einige Portionen Schlachtplatte, so gilt seine Aufmerksamkeit im Sp\u00e4tsommer anderen T\u00fcbinger Sonnenanbetern: Weinreben, gelegen zu F\u00fc\u00dfen der Wurmlinger Kapelle.<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\nDer Weg hoch zu diesem kleinen Gotteshaus ist nicht der leichteste. Genauso verh\u00e4lt es sich auch mit der Arbeit an diesen warmen H\u00e4ngen zwischen Hirschau und Wurmlingen, dem ersten Rottenburger Ausl\u00e4ufer. \u201eSch\u00f6n ist es\u201c, meint Davids Vater Anton, von dem dieser das Weinhandwerk gelernt hat.\u201eAber schaffen muss man schon\u201c h\u00e4lt sein Sohn kurz und trocken fest. In den markanten Steillagen arbeiten Vater und Sohn oft zusammen, aber noch immer von Hand. Es sind einige der 14 Stationen des hiesigen Kreuzwegs, die man passieren muss, ehe man sich unterhalb des kleinen Gem\u00e4uers mit dem roten Dach, aber inmitten von Weinreben wiederfindet.<br \/>\nDoch der Aufstieg lohnt sich. Wer sich auf den Kapellenberg begibt, sp\u00fcrt vielleicht nicht nur die Sonne intensiver, sondern wird auch von der Muse gek\u00fcsst wie Ludwig Uhland. Er widmete dem wei\u00dfen Geb\u00e4ude, welches dem heiligen Sankt Remigius geweiht ist, eigene Verse. Neben anderen Tafeln mahnen sie Wei\u00df auf Schwarz und in Gold gerahmt die Verg\u00e4nglichkeit des Lebens an. Gleichwohl, welchen Geist man dort oben sucht, man wird ihm habhaft werden. Glauben und Genuss sind hier gleicherma\u00dfen zu Hause.<br \/>\n&nbsp;\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 2\"><\/div>\n<figure id=\"attachment_8799\" aria-describedby=\"caption-attachment-8799\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8799 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/IMG_1073x-1008x672.jpg\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8799\" class=\"wp-caption-text\">Die Wurmlinger Kapelle und der Wein in den darunter befindlichen Steillagen sind von der Sonne verw\u00f6hnt.<\/figcaption><\/figure>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\nUnter der Spitze des 475 Meter hohen Zeugenbergs erstrecken sich gro\u00dfe Teile der f\u00fcr den Anbau von Wein geeigneten Fl\u00e4che im Landkreis T\u00fcbingen. Die Zeiten des professionellen Weinbaus in der Gegend sind jedoch Vergangenheit. Um 1800 waren es im Landkreis T\u00fcbingen insgesamt noch 200 Hektar urbare Fl\u00e4che, wovon heute nur noch 30 geblieben sind. Und Brenners wiederum bewirtschaften 1,3 Hektar am Kapellenberg. Die meisten der 180 Weing\u00e4rtnerinnen und Weing\u00e4rtner produzieren und keltern nur noch f\u00fcr den Eigenbedarf, aber zum Gl\u00fcck gibt es hier auch Ausnahmen. Ausnahmen wie David und seinen Vater Anton.<br \/>\nZur\u00fcck in der T\u00fcbinger Altstadt. Familie Brenner \u00f6ffnet in einer halben Stunde wieder die Pforten der Haaggasse 22. Der Geruch von gekochtem Sauerkraut liegt in der Luft. Und alle H\u00e4nde packen an, damit sie den G\u00e4sten, die vor der kleinen Holzt\u00fcr am Ende der kurzen Treppe warten, den gewohnten Genuss bieten k\u00f6nnen. Das ist der Gegenpol zu Smartphone-Apps, mit deren Hilfe man sich Essen an die Haust\u00fcre liefern lassen kann. Hier muss der Gast selbst noch etwas Zeit investieren, wenn er vor dem Besen wartet \u2013 denn Reservierungen, die gibt es hier nicht.\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n17 Uhr, die ersten G\u00e4ste trudeln ein und werden pers\u00f6nlich begr\u00fc\u00dft, denn man kennt sich. Anstrengend kann es sein, sagt David, aber es sei auch sch\u00f6n, wenn man unter die Leute komme. Sein Vater Anton betreibt nun schon seit 35 Jahren den Weinbau als Hobby. Irgendwann kam die Besenwirtschaft dazu, und, so sind sich beide einig, dadurch seien beide S\u00f6hne in die Sache hineingewachsen. W\u00e4hrend Davids Bruder Philip den Albtorbesen in Reutlingen als Nebenerwerb bewirtschaftet, ist Davids Besen in T\u00fcbingen sein t\u00e4gliches Brot. Reich wird er nicht mit dem Besen, aber daf\u00fcr habe er andere Vorteile. Sein eigener Chef zu sein ist ihm viel Wert, das merkt man dem Mann mit dem festen Blick an.<br \/>\n&nbsp;\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<figure id=\"attachment_8801\" aria-describedby=\"caption-attachment-8801\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8801 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/IMG_1231x-1008x672.jpg\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8801\" class=\"wp-caption-text\">David Brenner ist der einzige hauptberufliche Weing\u00e4rtner in T\u00fcbingen &#8211; und der Besen der letzte seiner Art in der Altstadt.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Hobby seines Vaters und Davids jetziges Auskommen, das war fr\u00fcher harte und wenig erf\u00fcllende Arbeit. Im Verlauf der Geschichte stellten die sogenannten G\u00f4gen lange Zeit die Unterschicht der T\u00fcbinger Gesellschaft dar. Deutlich wurde das auch am Wohnort der Weing\u00e4rtner innerhalb der Stadt: Sie lebten in der Unterstadt, den kleinen und engen Gassen nahe dem Ammerkanal. Die Universit\u00e4tsangeh\u00f6rigen sch\u00e4tzten deren Gesellschaft jedoch wenig: Hermann Hesse soll dort einmal eine wenig sch\u00f6ne Begegnung gehabt haben \u2013 diese war ihm im Gegensatz zu Uhland keineswegs ein literarisches Denkmal wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben und die Arbeit als G\u00f4ge war schwer, der Ertrag selten ausreichend, um eine Familie zu ern\u00e4hren. Angeblich wenig schmackhafte Weine entsprangen den eher kargen B\u00f6den am Fu\u00dfe der schw\u00e4bischen Alb. Die Bodenverh\u00e4ltnisse sind heute nicht viel anders, allerdings setzt Familie Brenner bei ihren Reben auch nicht mehr wie die G\u00f4gen auf Masse, sondern auf Klasse. Deshalb ist die Qualit\u00e4t mit den fr\u00fcheren Weinen aus dem T\u00fcbinger Umland auch nicht mehr zu vergleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<figure id=\"attachment_8800\" aria-describedby=\"caption-attachment-8800\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8800 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/IMG_1212x-1008x672.jpg\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8800\" class=\"wp-caption-text\">Keineswegs &#8222;Semsakrebsler&#8220;. Brenners setzen auf Klasse statt Masse.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles hat sich inzwischen ge\u00e4ndert. Die Weine, die im Besen ausgeschenkt werden, sind wahrlichkeine \u201eSemsakrebsler\u201c. Auch das Leben von und mit dem Wein ist nicht mehr so schwer wie fr\u00fcher, aber ein Zuckerschlecken ist es nach wie vor nicht. Und die Entscheidung die Besenwirtschaft zu betreiben wurde auch nicht aus der Not heraus geboren, sondern war eine aus Liebe zum Handwerk. N\u00f6tig h\u00e4tte es David Brenner als studierter Politikwissenschaftler wohl nicht gehabt. Aber davon hatte er nach dem Studium irgendwann die Schnauze voll, sagt er frei heraus. Und so wurde aus ihm der einzige hauptberufliche Weing\u00e4rtner in T\u00fcbingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der betreibt die letzte echte Besenwirtschaft in T\u00fcbingen. Sie ist nicht nur deshalb eine besondere Institution. Existent ist sie nur dank einer L\u00fccke in der Legislative, die sie von Abgaben und \u00c4hnlichem befreit. Ohne diese Privilegien, so ist sich Vater Anton Brenner sicher, k\u00f6nnte es den Besen nicht geben. Bald schlie\u00dft dieser wieder seine Pforten, die sich acht Wochen vor Ostern ge\u00f6ffnet haben. Das n\u00e4chste Mal werden sie das im Herbst tun, zehn Wochen vor Weihnachten. Es ist ein bisschen wie an der Wurmlinger Kapelle: Glaube und Genuss scheinen irgendwie miteinander verbunden, wenn es sich um den Wein dreht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Marko Knab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T\u00fcbingen und der Wein: Das ist eine besondere Beziehung, die nicht immer von Liebe gepr\u00e4gt war. 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