{"id":881,"date":"2012-10-09T10:15:00","date_gmt":"2012-10-09T10:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=881"},"modified":"2021-02-21T13:44:57","modified_gmt":"2021-02-21T13:44:57","slug":"eher-keine-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2012\/10\/09\/eher-keine-demokratie\/","title":{"rendered":"\u201eEher keine Demokratie\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Interview mit Dr. Rolf Frankenberger vom Institut f\u00fcr Politikwissenschaft zu den kommenden Uniwahlen und der allgemeinen (Hochschul-)Politikverdrossenheit<\/h3>\n<p><strong>Alle Jahre wieder: Im Juli finden die Wahlen f\u00fcr den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA), den Fakult\u00e4tsrat und den Senat der Uni statt. Ein popul\u00e4rer demokratischer Anlass, um mal wieder nicht w\u00e4hlen zu gehen. Aber warum geht der T\u00fcbinger Student eigentlich nicht w\u00e4hlen? Und was m\u00fcsste sich \u00e4ndern, damit er es tut? Vielleicht kann ja ein Politikwissenschaftler wie Dr. Rolf Frankenberger vom heimischen Institut f\u00fcr Politikwissenschaft einige Antworten hierzu liefern\u2026<\/strong><br \/>\n<em>von Alexander Link<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben, Dr. Frankenberger.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"> <strong> Man stelle sich einmal vor \u201ees ist Wahl und keiner geht hin\u201c \u2013 die letzten beiden Jahre lag die Wahlbeteiligung bei den Uni-Wahlen gerade mal bei knapp \u00fcber 10%. Haben Sie eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr?<\/strong><\/span><br \/>\n<strong>Dr. Rolf Frankenberger:<\/strong> Ich denke, es gibt mehrere Erkl\u00e4rungen daf\u00fcr. Zum einen gibt es ein eindeutiges Informationsdefizit. Nicht alle wissen Bescheid \u00fcber die Wahlen und deren Bedeutung, auch wenn die Fachschaften viel Aufkl\u00e4rungsarbeit leisten. Dies hat damit zu tun, dass ein gro\u00dfer Teil der Studierendenschaft relativ unpolitisch ist, was Hochschulpolitik betrifft.<br \/>\nDer zweite und wichtigere Aspekt ist ein institutioneller. Er ist eng damit verkn\u00fcpft, welche institutionellen M\u00f6glichkeiten sich mit diesen Wahlen verkn\u00fcpfen. Der AStA ist ein Gremium, das \u00fcber nicht allzu viele Kompetenzen verf\u00fcgt. Also wird man mit der Wahl auch keine so gro\u00dfe Bedeutung verbinden. Und beim Senat: Der ist zwar zentral f\u00fcr die Universit\u00e4t, aber dadurch, dass die studentischen Mitglieder strukturell immer in der Minderzahl sein werden und die Interessenslagen aufgrund der Zusammensetzung der Statusgruppen nat\u00fcrlich sehr komplex sind, werden sich kaum Allianzen dauerhaft bilden, sondern eher an Themen entlang variieren. Es wird wahrscheinlich auch da wahrgenommen, dass man nicht so richtig viel mitbestimmen kann und deshalb sich die Wahlbeteiligung auf diejenigen beschr\u00e4nkt, die sich sowieso dar\u00fcber h\u00e4ufiger informieren und sich mit Hochschulpolitik im engeren Sinne besch\u00e4ftigen.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Kann man das politische System der Uni T\u00fcbingen also in seiner jetzigen Form eigentlich als \u201edemokratisch\u201c bezeichnen?<\/strong><\/span><br \/>\nDas ist eine nette, wenngleich hypothetische Frage. Also ich meine: Die Universit\u00e4t ist kein politisches System im eigentlichen Sinne. Wenn wir uns die Strukturen unter dem Aspekt \u201epolitisches System\u201c anschauen, dann werden wir relativ schnell zu dem Schluss kommen, dass es eher keine Demokratie ist, weil es n\u00e4mlich fundamentale Unterschiede zwischen der rechtlichen Basis der Statusgruppen gibt \u2013 und nat\u00fcrlich hier die gr\u00f6\u00dfte Statusgruppe letztlich von der Entscheidung strukturell, aufgrund der Zusammensetzung der Gremien, ausgeschlossen ist. Das ist nat\u00fcrlich ein Problem aus demokratietheoretischer Sicht.<br \/>\nAber die Uni ist eben kein politisches System, sondern es ist eine Institution der Wissensvermittlung und da erkl\u00e4ren sich historisch dann auch die Strukturen ein st\u00fcckweit.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Glauben Sie, dass sich durch die geplante Wiedereinf\u00fchrung einer \u201eVerfassten Studierendenschaft\u201c etwas an dem Desinteresse der Studenten an Hochschulpolitik \u00e4ndern k\u00f6nnte? Wie ist Ihre Prognose f\u00fcr die kommenden Jahre?<\/strong><\/span><br \/>\nIch meine, die Verfasste Studierendenschaft muss sich erstmal etablieren. Es muss erst einmal ein Bewusstsein daf\u00fcr entstehen, was das eigentlich bedeutet. Dieser Begriff geistert ja nun als Gebot durch die universit\u00e4re Welt, gerade in Baden-W\u00fcrt-temberg. Aber so ein richtiges Bewusstsein, was damit verbunden ist, existiert nicht in der Breite. Man muss dann mal genauer hinschauen, wie die Studierendenschaft verfasst ist, welche Kompetenzen, welche Veto-Rechte damit verbunden sind.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Haben Sie eine Idee, welche M\u00f6glichkeiten es noch geben k\u00f6nnte, um das Interesse der Studenten am Engagement zu st\u00e4rken, beziehungsweise dann auch an Hochschulpolitik?<\/strong><\/span><br \/>\nIdeen hab ich! Man muss dabei jedoch unterscheiden, ob man Partizipation als politische Mitbestimmung meint oder Engagement im Sinne von sich-freiwillig-Einbringen. Gerade im letzteren Bereich sind die Studierenden ja durchaus sehr, sehr aktiv, wenn Sie sich die studentischen Hochschulgruppen anschauen \u2013 von der Nachhaltigkeit bis zu den Europ\u00e4ern, von den Gruppen, die sich um ausl\u00e4ndische Studierende aus Krisenregionen k\u00fcmmern, bis hin zu Studierenden in der Fachschaft, die sich anderer Studierender annehmen und einen zentralen Beitrag zur Studierendenberatung leisten. Das ist zwar alles Engagement aber im engeren Sinne nicht politische Partizipation. Partizipation wird man nur steigern k\u00f6nnen, wenn es wirkliche Mitgestaltungs- und Entscheidungsm\u00f6glichkeiten gibt. Und das ist dann auch der richtige Weg, wenn klar ist, wo man mitgestalten kann und sich dann gezielter einbringen kann.<br \/>\n<span style=\"color: #004b88;\"><strong>Das ist also im Grunde das Defizit, das Sie sehen: Dass man keine nachhaltigen M\u00f6glichkeiten zur Entscheidung und Partizipation hat? Denn offensichtlich ist ja ein gewisses Fundament von Interesse da, sich an der Uni zu engagieren, nun eben in den Hochschulgruppen oder in Fachschaften, wo viele Leute auch etwas machen. Nur irgendwie kein \u201epolitisches\u201c&#8230;<\/strong><\/span><br \/>\nJa. Was wir aus der Engagementforschung relativ gut wissen, ist, dass die Uni ein gewisser, wenn auch elit\u00e4rer, Spiegel der Gesellschaft ist. Und auch dort finden wir genau diese Muster, dass sich die Menschen \u00fcberwiegend nicht politisch engagieren und dass die \u00dcbertragung vom \u201esich-engagieren\u201c hin zum \u201epolitischen sich-engagieren\u201c sehr, sehr schwierig ist. Alles spricht eher daf\u00fcr, dass man sich auf die Dinge konzentriert, die einem im pers\u00f6nlichen Lebensumfeld unmittelbar relevant sind und bei denen man denkt, sich einbringen und etwas bewirken zu k\u00f6nnen. Das w\u00e4re im Falle der Hochschule nat\u00fcrlich gegeben.<br \/>\nWenn man diese Aspekte in einer Verfassten Studierendenschaft und auch in der Organisation der Hochschule aufgreift, dann werden sich auch mehr Studierende und Besch\u00e4ftigte einbringen.<\/p>\n<h6>Nachtrag: Die Wahlbeteiligung im Juli 2012 stieg geringf\u00fcgig auf 12,3 %. Das Ergebnis ist <a title=\"Wahlergebnis der Uniwahlen 2012\" href=\"http:\/\/www.uni-tuebingen.de\/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;file=fileadmin\/Uni_Tuebingen\/Dezernate\/Dezernat_I\/Dokumente\/Wahlen\/AmtlBekanntm_Nr_12.pdf&amp;t=1349816892&amp;hash=7c56750b74fb7517a10b67a648dbd7d29e2a185b\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> einzusehen.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Dr. Rolf Frankenberger vom Institut f\u00fcr Politikwissenschaft zu den kommenden Uniwahlen und der allgemeinen (Hochschul-)Politikverdrossenheit Alle Jahre wieder: Im Juli finden die Wahlen &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":232,"featured_media":950,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[49],"tags":[475],"class_list":["post-881","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unipolitik","tag-uniwahlen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/881","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/232"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=881"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/881\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24306,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/881\/revisions\/24306"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=881"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=881"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=881"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}