{"id":8987,"date":"2017-05-23T17:00:59","date_gmt":"2017-05-23T15:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=8987"},"modified":"2022-01-14T14:45:17","modified_gmt":"2022-01-14T14:45:17","slug":"ein-abend-in-gambia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/05\/23\/ein-abend-in-gambia\/","title":{"rendered":"Ein Abend in Gambia"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Hinter dem Landratsamt in T\u00fcbingen befindet sich eine bunt bemalte Containersiedlung. Hier wohnen unter anderem Gefl\u00fcchtete aus Syrien und Gambia. Sie berichten von ihrer gef\u00e4hrlichen Reise durch die W\u00fcste, den Weg \u00fcbers Mittelmeer und ihrem Leben in T\u00fcbingen. <\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zigarettenqualm liegt in der Luft, aus den Handyboxen ert\u00f6nt gambische Musik. Die Jungs schreien sich gegenseitig an \u2013 Muhammad hat wieder geschummelt. Statt einer hat er zwei Karten weggelegt. Modo lacht sie aus, dreht sich zu Maxi und fl\u00fcstert l\u00e4chelnd: \u201eIdiots\u201c. Ibrahim steht vor dem Herd, der Tee ist fertig. \u201eDrink!\u201c, sagt er und reicht mir das bittere Getr\u00e4nk. Zuvor haben wir alle gemeinsam aus einem gro\u00dfen Teller Reis und gekochtes Fleisch gegessen. Die Jungs, das sind Gefl\u00fcchtete aus Gambia: Modo, Amadi, Ibrahim, Muhammad und Yusuf. Mit 18 Jahren ist Muhammad der J\u00fcngste unter ihnen &#8211; der \u00c4lteste, Yusuf, ist 23 Jahre alt. Ihre Unterkunft, eine bunt bemalte Containersiedlung, befindet sich in der N\u00e4he des T\u00fcbinger Landratsamtes. Seit zwei Jahren leben sie in Deutschland.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24410\" aria-describedby=\"caption-attachment-24410\" style=\"width: 847px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-24410\" src=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/DSCN1353-1-896x672-1-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"847\" height=\"635\" srcset=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/DSCN1353-1-896x672-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/DSCN1353-1-896x672-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/DSCN1353-1-896x672-1-80x60.jpg 80w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/DSCN1353-1-896x672-1.jpg 896w\" sizes=\"auto, (max-width: 847px) 100vw, 847px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24410\" class=\"wp-caption-text\">Die K\u00fcche teilen sich meist etwa sechs bis zehn Leute. Hier verbringen die Jungs sehr viel Zeit, trinken Tee, essen und spielen Karten.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muhammad kann von mehr als einem Fl\u00fcchtlingsheim erz\u00e4hlen, in dem er die letzten Jahre gewohnt hat. Selten konnte er lange an einem Ort bleiben. Sein Asylverfahren l\u00e4uft noch. Eine von voraussichtlich drei Anh\u00f6rungen hat stattgefunden. Er schlafe oft und lange, sagt er. Wenn die Jungs nicht da seien, habe er meist nicht viel zu tun. \u201eI can\u00b4t work\u201c, sagt Muhammad. Weil er kein deutsch spricht, kann das Jobcenter ihn nicht vermitteln. Deshalb lernte er fr\u00fcher am Abend mit Maxi Deutsch. Maxi ist ein Student aus T\u00fcbingen. Jede Woche trifft er sich mindestens einmal mit den Gefl\u00fcchteten und bringt ihnen Deutsch bei. Der Unterricht findet in Muhammads Zimmer statt. Das etwa 14 Quadratmeter gro\u00dfe Zimmer teilt sich der 18-J\u00e4hrige mit einem anderen Jungen \u2013 keine Privatsph\u00e4re. Kahle W\u00e4nde, ein Tisch, ein R\u00f6hrenfernseher, zwei metallene Betten und Schlie\u00dff\u00e4cher, die als Kleiderschr\u00e4nke dienen, mehr haben sie nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24412\" aria-describedby=\"caption-attachment-24412\" style=\"width: 841px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-24412\" src=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-896x672-1-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"841\" height=\"631\" srcset=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-896x672-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-896x672-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-896x672-1-80x60.jpg 80w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-896x672-1.jpg 896w\" sizes=\"auto, (max-width: 841px) 100vw, 841px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24412\" class=\"wp-caption-text\">Muhammad (links) und Student Maxi lernen Deutsch in Muhammads Zimmer.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">F\u00fcnf L\u00e4nder, die W\u00fcste und ein Meer<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muhammad erz\u00e4hlt von seiner Reise nach Deutschland. Seine sonst heitere Miene verh\u00e4rtet sich, seine S\u00e4tze werden k\u00fcrzer. Der Blickkontakt f\u00e4llt aus, w\u00e4hrend er von seinem Werdegang erz\u00e4hlt: Von Gambia ging es in den Senegal, von dort nach Mali und weiter durch Burkina Faso. Anschlie\u00dfend ging die Odyssee von Niger nach Lybien. \u201eThe desert was very dangerous, too warm and too cold\u201c, berichtet Muhammad von den Strapazen der W\u00fcste. Lybien war die letzte Station in Afrika, dort begann die Bootsfahrt Richtung Europa. Alleine, ohne einen Bekannten, machte er sich auf den Weg nach Europa. \u201eI was 16 years old\u201c, sagt er. Seine Mutter und eine Schwester lie\u00df er in der Heimat zur\u00fcck. Er berichtet von der \u00dcberquerung des Mittelmeeres, etwa 120 Leute seien auf dem Boot gewesen. Ein Jahr habe er in Italien verbracht, sah die Menschenmassen, die vor Z\u00e4une gedr\u00e4ngt darauf warteten ins Landesinnere zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Sicheres Europa<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte nach Europa, an jenen Ort, an dem es den Menschen besser ginge und das Leben sicherer sei \u2013 das sei, was in Gambia von Europa erz\u00e4hlt werde, sagt Muhammad. Von Italien aus ging seine Odyssee weiter, bis er zuerst in Sigmaringen und sp\u00e4ter in T\u00fcbingen leben durfte. Seinem Gesicht merkt man an, dass er \u00fcber all das nicht reden will. Er wird w\u00fctend, emp\u00f6rt sich \u00fcber die Menschen: Fast t\u00e4glich m\u00fcsse er Fragen beantworten, immer wieder wolle jemand von seiner Reise, seinen Beweggr\u00fcnden und seiner Herkunft h\u00f6ren. \u201eQuestion, question, question\u201c, sagt er mit lauter werdender Stimme. Fremde w\u00fcrden ihn nach Dingen fragen, \u00fcber die er nicht mal mit seinen Freunden spreche, ob er eine Familie habe, wie es dieser denn jetzt ginge: \u201eWas interessiert die das?\u201c, fragt mich Muhammad.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Deutsch lernen ohne die Deutschen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Yusuf, ein Mitbewohner Muhammads, berichtet von \u00e4hnlichen Erfahrungen. Davon, wie er einmal einen Passanten nach Hilfe fragen wollte, doch dieser erschrocken zur\u00fcckgewichen sei und nicht mit ihm reden wollte. Oder wie er manchmal auf dem Weg in seine Unterkunft Anwohner begr\u00fc\u00dfe, die in der N\u00e4he des Landratsamtes wohnen. Diese w\u00fcrden die Begr\u00fc\u00dfung meist nicht erwidern. \u201eIch bin Mensch, du bist Mensch. Warum machst du so?\u201c, fragt sich Yusuf. \u201eIch geb auf, kann das nicht mehr\u201c, sagt er. \u201eIch habe oft versucht mit Leuten hier zu reden, sie wollten nie.&#8220; Yusuf ist entt\u00e4uscht. In Gambia w\u00fcrden die Leute auf Fremde zukommen, sie w\u00fcrden mit ihnen sprechen, sie nicht ignorieren. Er findet es eigenartig, dass die Leute in Deutschland so kalt zueinander seien. Doch er berichtet auch, wie froh er dar\u00fcber sei, mal mit Leuten aus Deutschland sprechen zu k\u00f6nnen, freut sich dar\u00fcber, wenn er seine Sprachfertigkeiten im Gespr\u00e4ch ausbauen kann. Er habe nicht oft die M\u00f6glichkeit dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer sich weiter mit dem Thema \u201eGefl\u00fcchtete in T\u00fcbingen\u201c befassen will oder mithelfen will, ihre Lage zu verbessern, der wird auf der Website des Landratsamtes f\u00fcndig<\/em>: <a href=\"https:\/\/www.kreis-tuebingen.de\/,Lde\/308939.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.kreis-tuebingen.de\/,Lde\/308939.html<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Alieren Renkli\u00f6z<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinter dem Landratsamt in T\u00fcbingen befindet sich eine bunt bemalte Containersiedlung. Hier wohnen unter anderem Gefl\u00fcchtete aus Syrien und Gambia. 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