{"id":901,"date":"2012-10-13T10:00:17","date_gmt":"2012-10-13T10:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=901"},"modified":"2021-02-21T13:42:44","modified_gmt":"2021-02-21T13:42:44","slug":"die-nackte-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2012\/10\/13\/die-nackte-wahrheit\/","title":{"rendered":"Die nackte Wahrheit"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eHey Chris, hast du schon was vor heute Abend?\u201c \u2013 \u201eIch hab keine Zeit \u2013 da steh ich Aktmodell!\u201c<\/h3>\n<p><strong>Christoph Ries, 25 Jahre alt und Student der Soziologie und Empirischen Kulturwissenschaft, hilft K\u00fcnstlern aller Altersklassen im T\u00fcbinger Zeicheninstitut in der Neuen Aula ihre Zeichenf\u00e4higkeiten zu verbessern. Er steht Aktmodell. Wie es ist, die H\u00fcllen fallen zu lassen und was dieser Studentenjob mit Vasen und Obstschalen zu tun hat, erz\u00e4hlt er im Gespr\u00e4ch.<\/strong><br \/>\n<em>von Helen Monzel<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\nEine Gelegenheitsarbeit, die im Rhythmus von zwei Wochen stattfindet. Lediglich vier bis sechs Stunden pro Woche daf\u00fcr opfern, bei Bedarf mehr oder weniger. Ein Stundenlohn von 12,50 Euro f\u00fcr ein paar Posen\u00a0 \u2013\u00a0 klingt verlockend. Wenn da nur nicht die kleine aber entscheidende Anforderung w\u00e4re, diese T\u00e4tigkeit im Adamskost\u00fcm ausf\u00fchren zu m\u00fcssen. Sich v\u00f6llig nackt vor mehr als ein Dutzend fremde Menschen stellen, verschiedene Posen einnehmen, dabei vielleicht in das ein oder andere bekannte Gesicht blicken. Das traut sich sicher nicht jeder zu. \u201eAm Anfang erfordert es \u00dcberwindung, aber schnell wird es selbstverst\u00e4ndlich\u201c, sagt Chris.<br \/>\nUm sich selbst zu testen und um sich ein Bild davon zu machen, wie der Zeichnende das Aktmodell wahrnimmt, hat Chris zuerst einen Aktmalkurs als Teilnehmer besucht. \u201eAm Anfang habe ich das weibliche Aktmodell kurz als Frau wahrgenommen, da es irritiert hat, jemand Nackten durchs Bild laufen zu sehen. Aber dann sitzt, liegt oder steht die Person da und sobald man den Pinsel in der Hand hat und drauflos malt ist das Aktmodell dann eher\u2026wie eine Obstschale! Die Leute, die als Zeichner oder Maler an diesen Kursen teilnehmen, sind dankbar daf\u00fcr, dass man diesen Job macht.\u201c Kurz darauf steht Chris selbst Aktmodell. \u201eNat\u00fcrlich ist man mit einem gewissen Schamgef\u00fchl konfrontiert und am Anfang auch ein wenig unangenehm ber\u00fchrt. Man steht in der Mitte von zwanzig Leuten und alle schauen einen an. Jedoch stellt man schnell fest, dass niemand einem \u201aetwas abschaut\u2019 und kurz darauf f\u00fchlt man sich lediglich wie eine Vase, die abgezeichnet wird!\u201c Die Atmosph\u00e4re ist sehr angenehm, woran Leiter Frido einen erheblichen Anteil hat. Mit viel Wohlwollen und ein paar einfachen und kreativen Anregungen erleichtert er den Aktmodellen den Einstieg. Den Teilnehmern wird nat\u00fcrlich k\u00fcnstlerische Freiheit gew\u00e4hrt. Ein offenes und lockeres Arbeitsambiente. Chris hat Spa\u00df an dieser Arbeit.<br \/>\nDer Job ist anstrengender, als es vielleicht auf den ersten Blick wirken mag<br \/>\nStillhalten, keine Miene verziehen, am besten nicht einen Muskel bewegen. Das stellt einen vor ganz neue Herausforderungen; grenzt schon an Sport. Bei teilweise zwanzigmin\u00fctigen Posen kann auch schon mal ein Muskel verkrampfen, ein Fu\u00df wegen zu geringer Durchblutung taub werden. Man lernt, auf eine neue Art und Weise in seinen K\u00f6rper hinein zu f\u00fchlen und ihn zu kontrollieren. K\u00f6rperlich, zum Beispiel durch Training, hat Chris sich nicht auf diese Arbeit vorbereitet, mental schon. Athletische K\u00f6rper und klassische Sch\u00f6nheitsmerkmale sind f\u00fcrs Aktmodellstehen nicht erforderlich \u2013 jedoch ein gekl\u00e4rtes Verh\u00e4ltnis zum eigenen K\u00f6rper. Viele Zeichner w\u00fcnschen sich auch Modelle mit runderen Formen oder kleineren Mankos. \u201eMan wird betrachtet, als sei man eine Obstschale. Ob da nun viel oder wenig Obst drin ist, ist egal.\u201c<br \/>\nPositives Feedback<br \/>\nBl\u00f6de Kommentare oder Bemerkungen muss Chris sich wegen des Aktstehens nicht gefallen lassen, allenfalls verbl\u00fcffte Nachfragen. Er bekommt positives Feedback und Anerkennung f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit. Die Eltern waren zuerst kurz irritiert, als sie h\u00f6rten, was er tut, die Freundin besuchte als Kursteilnehmerin einfach mal eine Sitzung, in der er Modell stand, die Gro\u00dfmutter hatte akustische Verst\u00e4ndnisprobleme, woraufhin keine weiteren Erkl\u00e4rungsversuche unternommen wurden. Einmal sa\u00df eine Bekannte unter den Teilnehmern in der festen Annahme, Chris w\u00fcrde als Kursteilnehmer mit ihr die Sitzung besuchen \u2013\u00a0 die \u00dcberraschung war gro\u00df, als er dann nackt in der Mitte des Raumes stand. Doch auch in dieser Situation wurde ihm danach Respekt von ihr gezollt: \u201eCoole Sache, die du da machst!\u201c<br \/>\nGepredigte Sch\u00f6nheitsideale, Medien die damit ihren Profit steigern, ein verqueres Bild vom Nackt-sein \u2013 dieser unkonventionelle Studentenjob ist eine gute M\u00f6glichkeit, all dies zu \u00fcberkommen. Chris jedenfalls wird seinen Enkeln noch davon erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHey Chris, hast du schon was vor heute Abend?\u201c \u2013 \u201eIch hab keine Zeit \u2013 da steh ich Aktmodell!\u201c Christoph Ries, 25 Jahre alt und &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":221,"featured_media":898,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-901","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/221"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=901"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/901\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24302,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/901\/revisions\/24302"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}