{"id":908,"date":"2012-10-11T09:12:38","date_gmt":"2012-10-11T09:12:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=908"},"modified":"2021-02-21T13:43:45","modified_gmt":"2021-02-21T13:43:45","slug":"bunt-und-laut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2012\/10\/11\/bunt-und-laut\/","title":{"rendered":"Bunt und laut"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #004b88;\">Vielfalt der T\u00fcbinger Weststadt<\/span><\/h3>\n<p><strong>Der Student ist ein Gewohnheitstier. Er bewegt sich gerne in bekannten Sph\u00e4ren und verl\u00e4sst diese auch in der Freizeit nur ungern. Seit meinem Start in T\u00fcbingen beschr\u00e4nkt sich das Spektrum meiner Aufenthaltsorte auf Universit\u00e4t, Wohnheim, Sportplatz und Innenstadt. Es ist wieder an der Zeit, einen Stadtteil abzuklappern und ihn dem Rest der sesshaften Studentenschaft n\u00e4herzubringen. Mit dem Fahrrad durch die Weststadt \u2013 ein Erfahrungsbericht.<\/strong><br \/>\n<em>von Lea Knopf<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\nAn der Tankstelle gibt es LKW f\u00fcr 1,20 Euro. W\u00e4hrend der Absatz des Leberk\u00e4sweckles im Shop floriert, donnern nebenan Sattelz\u00fcge \u00fcber die B28. Es ist hei\u00df, die Luft flimmert. Start f\u00fcr eine Radtour durch die Weststadt.<br \/>\nAuch einige Meter weiter in der Rappstra\u00dfe, wo Kinderstimmen aus dem Garten eines Gemeindehauses dringen, ist der L\u00e4rm nah. Eingekesselt zwischen Verkehrsmassen und Baustellenbetrieb, der in K\u00fcrze neuen Wohnraum schafft, herrscht friedliche Familienidylle. Ich h\u00f6re V\u00f6gel zwitschern. Bunte Fensterl\u00e4den und frisch gestrichene H\u00e4userfassaden sorgen f\u00fcr ein farbenfrohes Fr\u00fchsommer-Spektakel.<br \/>\nParallel zur Umgehungsstra\u00dfe, die unaufh\u00f6rlich dr\u00f6hnende Kraftfahrzeuge ins Herz der Stadt und die gr\u00fcne Vorort-Lunge pumpt, regiert der Alltag der Weststadt-Kultur. Beim B\u00e4cker trifft man den Querschnitt der Gesellschaft \u2013 Senioren, Studenten und Familien leben hier in Nachbarschaft.<br \/>\nDie Karte der \u201eMarquardtei\u201c verspricht \u201eFleischk\u00fcchle mit Kohlrabigem\u00fcse\u201c, vor dem Supermarkt nebenan sammeln sich Fahrr\u00e4der, an denen der Zahn der Zeit nagt: Studenten auf Nahrungsmittel-Beutezug. Die Atmosph\u00e4re ist lebhaft und vielf\u00e4ltig, ruhig und unbeeindruckt zugleich.<br \/>\nDoch der Reiz der Weststadt hat seinen Preis. Immer mehr Freiraum wird zugemauert, sodass bereits weite Teile der Hanglage wohntechnisch erschlossen sind. Mehrgliedrige Neubauten pr\u00e4gen die Stra\u00dfenz\u00fcge am unteren Schnarrenberg. Die Ruhe in zweiter Reihe wird von Dachdeckern gest\u00f6rt, die gerade f\u00fcr die Erweiterung des Mehrparteien-Wohnsystems sorgen. Auch wenn die Luft an einem schw\u00fcl-hei\u00dfen Sommertag zum Stehen kommt: Hier bewegt sich viel.<br \/>\n20m\u00b2 bieten Anne, Johannes und Martin im Internet f\u00fcr 335 \u20ac an. Sie schw\u00e4rmen von der Busanbindung, REWE und ALDI seien nur \u201eeinen Katzensprung entfernt\u201c. Auf \u00c4hnliches st\u00f6\u00dft man in anderen westst\u00e4dtischen WG-Annoncen. Ob Paula, Randolph oder Kathrin, David und Sven. Es wird viele geben, die sich um ihre kostbaren Angebote streiten.<br \/>\nZwischen Herrenberger Stra\u00dfe und Schlossberg gelange ich in die Hochburg der Gewerbetreibenden. M\u00f6bel, Autos, Bauunternehmen, in der Nachbarschaft das Kinderhaus Weststadt. In dieser tristen Gegend am Stadtrand sorgt ein Gel\u00e4nde f\u00fcr Aufsehen: Bei den kommunalen Servicebetrieben schillern M\u00fcllabfuhr- und Reinigungsfahrzeuge in grellem Orange vor einer grauen Halle.<br \/>\nAm Ende der Sindelfinger Stra\u00dfe treten zun\u00e4chst Wohngeb\u00e4ude im Kasernenstil in mein Blickfeld, bevor die Stadt in Feld und Wiesen m\u00fcndet.<br \/>\nIch mache kehrt und fahre Richtung Innenstadt. Ein Bahnhofsgeb\u00e4ude s\u00e4umt den Weg. T\u00fcbingen Weststadt hat mit den Glanzzeiten des Zugverkehrs anscheinend abgeschlossen, zwei Mal st\u00fcndlich bedient ein Regionalexpress die Strecke nach Herrenberg und Plochingen. Statt um einen Schalterplatz k\u00e4mpft man hier zu Sto\u00dfzeiten um die Hoheit \u00fcber den Automaten, Reiseberatung Fehlanzeige. Anstelle dessen prosperiert die Gastronomie. In unmittelbarer N\u00e4he zu den Gleisen trifft moderne Architektur auf die \u00dcberreste einer Arbeitersiedlung: Beherrschend ist sandfarbener Beton. Staub einer Baustelle am Schnittpunkt von Rheinlandstra\u00dfe und Schleifm\u00fchleweg schiebt sich durch die Stra\u00dfe. Mein Geh\u00f6rgang schreit nach Ruhe.<br \/>\nIm ans\u00e4ssigen Einkaufszentrum k\u00f6nnen sich Nachtschw\u00e4rmer zu sp\u00e4ter Stunde an den langen \u00d6ffnungszeiten des Supermarktes erfreuen. Zwischen Montag und Samstag, 8 bis 24 Uhr.<br \/>\nZwei rote Baukr\u00e4ne ragen in der Ferne gen Himmel.<br \/>\nMittagszeit, T\u00fcbingen ist auf den Beinen. Ein Spaziergang, Eis auf die Faust, die Seele baumeln lassen. Fahrrad fahren. Schw\u00e4rme der zweir\u00e4drigen Pendler schie\u00dfen aus einem Loch im Schlossberg. Der Fahrradtunnel, stimmungsm\u00e4\u00dfig versackt im tiefsten Winter. Kahle W\u00e4nde und zugige K\u00e4lte unterdr\u00fccken f\u00fcr einige Sekunden meine Sommergef\u00fchle. In die Hektik der rastlosen Radler dringt virtuoses Geigenspiel. Ein S\u00fcdl\u00e4nder pr\u00e4sentiert die Dauerbrenner klassischer Musik, w\u00e4hrend immer mehr R\u00fccklichter in der Dunkelheit verschwinden. Die n\u00e4chsten Sonnenstrahlen erlauben einen Blick auf den Neckar, seine Insel und pr\u00e4chtige Altbauten zur rechten Seite. Der Weg f\u00fchrt mich Richtung Hirschau. Villen, Natur und ich bin wieder an der Schnellstra\u00dfe angelangt.<br \/>\nIch w\u00e4hne mich nicht in einer altehrw\u00fcrdigen Universit\u00e4tsstadt mitten in Schwaben, sondern an einem Verkehrsknotenpunkt im Ruhrgebiet. Ich stehe \u00fcber der Stra\u00dfe und sie ist trotzdem Herr \u00fcber mich. Abgase f\u00fcllen die Luft, Krach prallt auf L\u00e4rmschutzw\u00e4nde und die Ausl\u00e4ufer des Schlossbergs. Raus aus der Belastungszone, ein paar Meter entspannt rollen lassen. Schon an der n\u00e4chsten Weggabelung werden meine H\u00f6rnerven wieder strapaziert. Ich frage mich, ob ich mittlerweile einen Tinnitus bekommen habe, doch es ist nur eine private Kleinbaustelle, von der aus sich die Kreiss\u00e4ge in sensible Passantenohren einnistet.<br \/>\nMein Ziel ist nun noch 0,9 km entfernt, ich m\u00f6chte auch in diesem Teil der Weststadt bis an den Rand vordringen. Auf meinem Weg zum Campingplatz, der die Siedlung beschlie\u00dft, durchfahre ich s\u00e4mtliche architektonische Epochen. Trend und Notwendigkeit haben ihre Spuren hinterlassen. Auf schmucke Altbauten folgen Wohnanlagen im 70er Jahre Baustil. Etwas weiter leuchten helle Wohnkl\u00f6tze mit Grasdach in der Sonne. Sie sind modern und sauber, es ist ruhig. Auch die Campinganlage wirkt einladend. An Waldrand, Weststadtende und dem Ufer des Neckars bietet sie Natur pur, gr\u00fcn ist es hier.<br \/>\nUm auf die andere Neckarseite zu kommen, fahre ich ein St\u00fcck zur\u00fcck Richtung Stadtmitte. Ein \u00e4lterer Herr steckt gerade seinen Kopf durch die Reste des Grundst\u00fcckgr\u00fcns, das er mit seiner Heckenschere bearbeitet.<br \/>\nDer Neckarradweg, der T\u00fcbingen mit Hirschau und Rottenburg verbindet, ist bev\u00f6lkert. Ich begegne zwei jungen Damen, die das T\u00fcbinger Freibad ansteuern. Andere fr\u00f6nen ihrem Sportdrang oder nutzen das gute Wetter, um dem Hund eine Runde Auslauf zu gew\u00e4hren. W\u00e4hrend neben mir Wassersportler Zug um Zug zum Stadtzentrum vordringen, passiere ich die Paul-Horn-Arena, Heimat des Basketballteams Walter Tigers. Ein letztes Mal n\u00e4here ich mich dem Verkehrsmonster, das auf diesem Abschnitt Hegelstra\u00dfe hei\u00dft.<br \/>\nMit Erreichen der Neckarinsel endet meine Weststadt-Fahrrad-Tour. Ich habe ein f\u00fcr mich unbekanntes Terrain befahren. Es war interessant, abwechslungsreich und auch ger\u00e4uschintensiv. Bunt und laut. Falls es eine Wiederholung geben sollte, werde ich sie an einem Wintermorgen antreten. Ohne Baustellen, viel Verkehr und Gef\u00fchlsverzerrung im Fahrradtunnel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielfalt der T\u00fcbinger Weststadt Der Student ist ein Gewohnheitstier. 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