{"id":9110,"date":"2017-05-06T21:46:01","date_gmt":"2017-05-06T21:46:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=9110"},"modified":"2022-01-14T14:51:09","modified_gmt":"2022-01-14T14:51:09","slug":"personalmangel-an-den-uni-kliniken-die-anleitung-angehender-aerzte-geht-unter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/05\/06\/personalmangel-an-den-uni-kliniken-die-anleitung-angehender-aerzte-geht-unter\/","title":{"rendered":"Personalmangel an den Uni-Kliniken: &quot;Die Anleitung angehender \u00c4rzte geht unter&quot;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Wie viele andere Krankenh\u00e4user sind die T\u00fcbinger Unikliniken von Personalmangel betroffen. An vielen Stellen seien Pflegepersonal und \u00c4rzte \u00fcberlastet, berichtet Angela Hauser, die Personalratsvorsitzende des Universit\u00e4tsklinikums, im Interview. Das hat weitreichende Konsequenzen &#8211; auch f\u00fcr Medizinstudierende, die dort Praxiserfahrung sammeln.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frau Hauser, vielerorts beschweren sich Krankenschwestern \u00fcber zu hohe Arbeitsbelastungen; in einer Umfrage des Marburger Bundes hei\u00dft es sogar, dass \u00c4rzte oft an psychischer Belastung leiden w\u00fcrden. Sind die Arbeitsbedingungen am Universit\u00e4tsklinikum zufriedenstellend?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, die Arbeitsbedingungen sind nicht zufriedenstellend. Die wenigsten \u00c4rzte kommen bei Problemen zum Personalrat. Meist beklagen sie sich nicht, obwohl sie durchaus Gr\u00fcnde daf\u00fcr haben. Das liegt daran, dass kaum ein Arzt einen unbefristeten Vertrag hat. Es ist nat\u00fcrlich schwieriger, sich f\u00fcr seine Rechte einzusetzen, wenn der eigene Arbeitsplatz auf f\u00fcnf Jahre befristet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie sieht die Situation bei den Krankenschwestern aus?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Mitarbeiterin der Unikliniken hat in einer Befragung angegeben, dass sie nachts ab 1 Uhr mit 43 Patienten alleine war. 43 Patienten! Wenn sie anf\u00e4ngt bei dem ersten nach dem Rechten zu schauen, sind drei Stunden vorbei bis sie beim letzten ankommt. Es gibt Untersuchungen, die festgestellt haben, dass die Sterblichkeit in einer Station in dem Ma\u00dfe steigt, wie es an Personal fehlt. Dort\u00a0kann Personalmangel gro\u00dfen Einfluss auf das Patientenwohl haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer internen Befragung vor ein paar Wochen gaben zwei Drittel der Pflegekr\u00e4fte an, dass sie nicht einmal ihre Pause machen k\u00f6nnten. Es sei meist so viel los, dass f\u00fcr die Pause keine Zeit bleibe.<\/p>\n<blockquote>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Wenn das Pflegepersonal unter zu hohem Druck arbeitet, wird das oft an den Patienten kompensiert.<\/h3>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manches wird dann eben weggelassen, ein Patient wird nicht gewaschen, der andere bekommt\u00a0vielleicht seine Medikamente oder sein Mittagessen zu sp\u00e4t. Und selbst diese Beschr\u00e4nkung auf das Wichtigste und N\u00f6tigste funktioniert nur, weil das Personal sich selbst ausbeutet. Der eigene Gesundheitsschutz kommt zu kurz: \u00dcberstunden, keine richtigen Pausen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Studie des <em>Instituts f\u00fcr Demoskopie Allensbach<\/em> belegt, dass zunehmender Kosten- und Personaldruck an vielen Krankenh\u00e4usern zu einem Problem wird. Wie sehen Sie die Situation des Universit\u00e4tsklinikums im deutschlandweiten Vergleich?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unikliniken haben sicherlich einen besseren Stand als die Kreiskliniken, da wir hier Hochleistungsmedizin betreiben. An den vier Unikliniken, die es in Baden-W\u00fcrttemberg gibt, werden viele Patienten behandelt, die besonders schwierige oder seltene Erkrankungen haben. Auch wir haben nat\u00fcrlich finanzielle Probleme. Es gab schon oft Jahre, in denen wir in die roten Zahlen gerutscht sind. Dann wurden oft Stellen abgebaut oder der Vorstand entschied sich f\u00fcr einen dreimonatigen Stellenstopp. Bei einem Stellenstopp wird jede Stelle, die frei wird, drei Monate lang nicht besetzt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24420\" aria-describedby=\"caption-attachment-24420\" style=\"width: 854px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-24420\" src=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hauser-0-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"854\" height=\"569\" srcset=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hauser-0-300x200.jpg 300w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hauser-0-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hauser-0-768x512.jpg 768w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hauser-0-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hauser-0-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hauser-0-90x60.jpg 90w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Hauser-0-420x280.jpg 420w\" sizes=\"auto, (max-width: 854px) 100vw, 854px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24420\" class=\"wp-caption-text\">Angela Hauser ist seit zw\u00f6lf Jahren Vorsitzende des Personalrats &#8211; zuvor war sie als Krankenschwester und Sozialp\u00e4dagogin besch\u00e4ftigt. Der Personalrat des Klinikums steht f\u00fcr die Interessen von etwa 10.000 Arbeitnehmern ein.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Studierende der medizinischen Fakult\u00e4t m\u00fcssen in Praxissemestern am Universit\u00e4tsklinikum arbeiten. Wie sieht die praktische Ausbildung dieser jungen Studierenden unter diesen Umst\u00e4nden aus?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anleitung angehender \u00c4rzte geht in vielen Bereichen unter. Das \u00e4rztliche Personal hat nicht immer die Zeit, sich um die Studierenden zu k\u00fcmmern. Dem Pflegepersonal geht es \u00e4hnlich. Bei einer vor kurzem durchgef\u00fchrten Befragung\u00a0wollten wir wissen, ob das Personal in der Lage ist, seine Auszubildenden \u2013 also die Studierenden der medizinischen Fakult\u00e4t und junge Pflegekr\u00e4fte \u2013 anzuleiten. 56 Prozent haben geantwortet, dass sie daf\u00fcr keine Zeit h\u00e4tten. Das ist traurig. Angesichts der Lage wird es klar, warum immer weniger Menschen sich f\u00fcr den Beruf der Krankenschwester entscheiden. Umfragen des DGB berichten, dass die Mehrheit des Pflegepersonals sich nicht vorstellen kann, den eigenen Beruf bis zur Rente auszu\u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Am ersten Mai haben Sie sich bei einer Kundgebung am Marktplatz f\u00fcr die Belange des Krankenhauspersonals eingesetzt. Als Personalr\u00e4tin ist es ihre Aufgabe die Interessen der Arbeiterschaft zu repr\u00e4sentieren. Mit welchen H\u00fcrden sehen sie sich dabei konfrontiert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen lediglich dem Klinikums-Vorstand immer wieder die \u00dcberlast-Anzeigen vorlegen und die Situation vor Ort in den Stationen schildern. Leider haben wir als Personalrat keinen Einfluss darauf, ob fehlendes Personal eingestellt wird oder nicht. Das liegt au\u00dferhalb unserer M\u00f6glichkeiten. Wir m\u00f6chten dieses Jahr mit dem Arbeitgeber \u00fcber mehr Personal verhandeln und den Gesundheitsschutz der Arbeitenden sicherstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ist der Gesundheitsschutz des Personals derzeit gegeben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, das ist er nicht. Das Arbeitsschutzgesetz schreibt fest vor, dass sp\u00e4testens nach sechs Stunden eine Pause eingelegt werden muss. Aber 76 Prozent der KrankenhauspflegerInnen sagen, dass sie ihre Pause \u00fcberhaupt nicht machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Worin sehen sie Gr\u00fcnde f\u00fcr steigenden Personalmangel?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Jahr wurde die neue Augenklinik eingeweiht. Die Bauma\u00dfnahmen betrugen 52 Millionen Euro, 25 Millionen davon hat das Klinikum selbst bezahlt. Die 25 Millionen die dann fehlen, nimmt das Klinikum entweder aus dem laufenden Betrieb, nimmt einen Kredit auf oder baut Stellen ab. Da 75 Prozent der Kosten Personalkosten sind, bleibt oft nichts anderes \u00fcbrig als einen Stellenstopp einzuleiten und daf\u00fcr Bauma\u00dfnahmen zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>Wie viel Mitspracherecht hat der Personalrat an den Entscheidungen des Universit\u00e4tsklinikums? <\/strong><br \/>\nAn den unternehmerischen Entscheidungen hat der Personalrat leider nichts mitzureden. Es gibt Gesetze, die regeln, wann man uns beteiligen und anh\u00f6ren muss. Wenn es um Arbeitszeiten oder unsere Pausen geht, m\u00fcssen wir angeh\u00f6rt werden und stimmen \u00fcber Vorhaben des Vorstands ab. Wenn zwischen dem Personalrat und dem Arbeitgeber Uneinigkeit herrscht, kann das auch mal bis zur Einigungsstelle gehen, wo dann ein Richter dar\u00fcber entscheiden muss, wer im Recht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf welche Ver\u00e4nderungen hoffen sie in der Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gesundheitsministerium muss mehr Geld f\u00fcr Personal zur Verf\u00fcgung stellen. In einem Krankenhaus muss so viel Personal da sein, wie auch gebraucht wird. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns alle einsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Lukas Kammer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viele andere Krankenh\u00e4user sind die T\u00fcbinger Unikliniken von Personalmangel betroffen. 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