{"id":9380,"date":"2017-05-28T09:03:33","date_gmt":"2017-05-28T09:03:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=9380"},"modified":"2021-02-20T14:04:00","modified_gmt":"2021-02-20T14:04:00","slug":"nordkorea-faszinierendes-feindbild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/05\/28\/nordkorea-faszinierendes-feindbild\/","title":{"rendered":"Nordkorea: faszinierendes Feindbild"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Nicht oft bekommt man die M\u00f6glichkeit jemandem zuzuh\u00f6ren, der schon mal in Nordkorea war. <\/strong><strong>Im Rahmen des Studium Generale unter dem diesj\u00e4hrigen Thema ,,Ostasien im Umbruch?\u201c berichtete Nordkorea-Experte Dr. Werner Kamppeter am Dienstagabend im Kupferbau von seinen Reisen in das Reich der Kim-Dynastie.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nordkorea ist ein Faszinosum: aus keinem anderen Land der Welt dringen weniger Informationen an die Au\u00dfenwelt als aus der Ein-Parteien-Diktatur in S\u00fcdasien. Die \u00f6ffentliche Wahrnehmung Nordkoreas bei uns konzentriert sich zumeist auf das Atomwaffenprogramm und den scheinbar bis zur L\u00e4cherlichkeit Gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Alleinherrscher Kim Jong-Un. Was dabei augenscheinlich oft vergessen wird: in Nordkorea leben sch\u00e4tzungsweise 24 Millionen Menschen auf einer Fl\u00e4che nur etwas kleiner als England. Au\u00dferdem ist das kleine Land in ein komplexes geopolitisches Machtgef\u00fcge eingebettet, es bedarf also einer differenzierten Betrachtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werner Kamppeter reiste als Direktor des Korea-Kooperationsb\u00fcros der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2006 bis 2010 regelm\u00e4\u00dfig mit Bundestagsabgeordneten, Journalisten und Wissenschaftlern in das verschlossene Land. Er wartet mit vielf\u00e4ltigen pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccken seiner Reisen nach Nordkorea auf, bemerkt aber zuvor, dass in dem Land ,,Verh\u00e4ltnisse, die man nur punktuell sehen kann\u201c herrschen und meint: ,,ein Insider bin ich nie gewesen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kamppeter zeigt Bilder nordkoreanischer Landwirtschaft, auch solche von Projekten der deutschen Organisation Welthungerhilfe. Denn: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre brach auch der Au\u00dfenhandel mit dem osteurop\u00e4ischen Handelssystem COMECON zusammen. Das Land konnte nun keine Maschinen und Fahrzeuge mehr exportieren und im Gegenzug keine Grundnahrungsmittel und Erd\u00f6l mehr importieren. Ohne Erd\u00f6l waren nicht nur viele Industriebetriebe, sondern auch die\u00a0 hochmechanisierte Landwirtschaft am Ende. Nicht nur das: In der zweiten H\u00e4lfte der 1990er Jahre brachen gleich drei Naturkatastrophen \u00fcber das Land herein. Zwei schwere Taifune zerst\u00f6rten einen gro\u00dfen Teil der wenigen Reisanbaugebiete im S\u00fcden, w\u00e4hrend kurz darauf extreme Trockenheit auch noch die Produktion von Kartoffeln und Mais buchst\u00e4blich verk\u00fcmmern lie\u00df. Angesichts der herrschenden Not half die internationale Gemeinschaft \u2013 allerdings nicht im ausreichenden Ma\u00dfe, weil man laut Kamppeter hoffte, auf diese Weise den Kollaps des letzten verbleibenden \u201ekommunistischen\u201c Regimes zu beschleunigen. In der Folge starben nach neueren Sch\u00e4tzungen der ONU etwa 370000 Menschen an Unterern\u00e4hrung und deren Folgen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9384\" aria-describedby=\"caption-attachment-9384\" style=\"width: 634px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9384 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-11.jpg\" alt=\"\" width=\"634\" height=\"475\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9384\" class=\"wp-caption-text\">Perspektivenwechsel: Wer denkt schon an urbane Landwirtschaft, wenn es um Nordkorea geht?<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Not heraus wurden der chemische durch organischen D\u00fcnger und die landwirtschaftlichen Maschinen durch Arbeitseins\u00e4tze breiter Bev\u00f6lkerungsschichten ersetzt. Zudem begann man in den St\u00e4dten \u00f6ffentliche Parkanlagen und Flachd\u00e4cher mit Gew\u00e4chsh\u00e4usern auszustatten. Daneben half die deutsche Welthungerhilfe beim Bau einer Anlage zur Herstellung von hybridem Maissaatgut. Allein aus den dadurch erzielten zus\u00e4tzlichen Ertr\u00e4gen lie\u00dfen sich etwa 5 Prozent der Gesamtnachfrage nach Grundnahrungsmitteln abdecken.\u00a0 Schon bald stabilisierte sich die Lage, auch weil China noch bestehende Defizite in der Versorgung auszugleichen begann.<\/p>\n<h3><strong>Die Armee als wirtschaftliches Schwergewicht<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild von Nordkorea als Staat mit streng planwirtschaftlichem Wirtschaftsmodell relativiert der Gast von der Freien Universit\u00e4t Berlin. So sei die Planwirtschaft seit 2002 kaum noch existent: er berichtet von einem Markt, der ,,schon 2006 ein breites Angebot hatte\u201c, und von urbanen Landwirtschaftsbetrieben, die 70 Prozent ihrer Ertr\u00e4ge behalten und verkaufen d\u00fcrfen. Sie investieren dann das erwirtschaftete Geld in neue und bessere Anlagen und Fahrzeuge. Ein wirtschaftliches Schwergewicht in Nordkorea ist das Milit\u00e4r, da es nur Milit\u00e4rausr\u00fcstung aus dem Staatshaushalt bekommt und sich ansonsten selbst versorgen muss. Deshalb agiert die Nordkoreanische Armee wie ein Gro\u00dfunternehmen und tr\u00e4gt mit T\u00e4tigkeiten in Bereichen wie dem Obstanbau oder der Strau\u00dfenzucht stark zur wirtschaftlichen Modernisierung des Landes bei.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9385\" aria-describedby=\"caption-attachment-9385\" style=\"width: 633px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9385 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-21.jpg\" alt=\"\" width=\"633\" height=\"418\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9385\" class=\"wp-caption-text\">Erdbeeren und Hundefleisch: Schon im Jahr 2006 fand der abgebildete lebhafte Markt statt.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nordkorea-Experte erz\u00e4hlt von Kindern, die er auf seinen Nordkoreareisen traf. So spricht er von einem Dorfkindergarten, in dem der Nachwuchs schon von klein auf unter dem Einfluss der Kim-Ideologie erzogen wird. In der Schule stehen die Kinder dann oftmals unter gro\u00dfem Leistungsdruck. Aber: Kinder bleiben trotzdem Kinder, die spielen und herumtollen. So zeigt er zum Beispiel das Bild eines Jungen aus der Hauptstadt Pj\u00f6ngjang in FC Bayern M\u00fcnchen-Trikot.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9386\" aria-describedby=\"caption-attachment-9386\" style=\"width: 416px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9386 size-full\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-3-2.jpg\" alt=\"\" width=\"416\" height=\"555\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9386\" class=\"wp-caption-text\">Stadtjunge: Nordkoreas Fu\u00dfballnachwuchs in Pj\u00f6ngjang tr\u00e4gt mitunter auch Bayerntrikots.<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p><strong>,,Jedes politische System muss schauen, wie es an Legitimit\u00e4t gewinnt\u201c<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus wissenschaftlicher Perspektive kommt schlie\u00dflich der wichtigste Teil des Abends: Kamppeters Analyse des politischen Systems Nordkoreas und dessen geopolitische Situation. ,,Nat\u00fcrlich ist Nordkorea kein Rechtsstaat, kein demokratischer Staat, kein freiheitlicher Staat\u201c stellt er fest, meint aber: ,,jedes politische System muss darauf achten, wenigstens ein Mindestma\u00df an Legitimit\u00e4t zu gewinnen.\u201c In Nordkorea geschieht das 1. durch die Bedrohung durch den \u00e4u\u00dferen Feind USA, 2. durch steten wirtschaftlichen Fortschritt, 3. durch die Staatsideologie und 4. nicht zuletzt durch die Ausschaltung potentieller Widersacher aus der Elite und durch Repression von potentiellen Widerstandsbewegungen an der Basis, so Kamppeter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geopolitisch ist Nordkorea stark in den Hegemonialkonflikt zwischen den USA und China eingebettet. Aus der Sicht Chinas fungiert Nordkorea als eine Art Pufferstaat, w\u00e4hrend Amerika vom Feindbild Nordkorea zehrt. Es kann durch die Positionierung Nordkoreas als die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr den Frieden in Ostasien seine Truppenpr\u00e4senz in Japan, S\u00fcdkorea, den Philippinen, Guam und anderswo rechtfertigen. ,,Nordkorea ist ein Agent der amerikanischen Milit\u00e4rindustrie\u201c, \u00fcberspitzt Kamppeter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wirft er den USA vor, nicht mit Nordkorea verhandeln zu wollen, da die Vereinigten Staaten nicht auf drei Bedingungen des Kim-Regimes eingehen, die seit Anfang der 1980er-Jahre bestehen: einen Friedensvertrag, eine Normalisierung der Beziehungen und eine Aufhebung der Sanktionsregime. Umgekehrt machen Washington und seine Verb\u00fcndeten die Aufgabe des Nuklearprogramms zur Voraussetzung f\u00fcr Verhandlungen mit Pj\u00f6ngjang. Dazu sei Nordkorea gerade nicht bereit, weil aus seiner Sicht das Nuklearprogramm die einzige Trumpfkarte ist, \u00fcber die es verf\u00fcgt, um die USA an den Verhandlungstisch zu zwingen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9387\" aria-describedby=\"caption-attachment-9387\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9387 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-4-1-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9387\" class=\"wp-caption-text\">Zuh\u00f6rer jeden Alters: Das Publikum ist bunt gemischt.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Die Differenziertheit fehlt etwas<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kamppeters Ausf\u00fchrungen erm\u00f6glichen einen komplett neuen und ungewohnten Einblick in das sonst verschlossene Nordkorea. Doch obwohl er das Land vermutlich besser kennt als alle im Vorlesungssaal Anwesenden, verl\u00e4uft er sich zum Teil in Widerspr\u00fcchen. So meint er, Nordkorea wolle in Wirklichkeit ,,ein Alliierter der USA werden\u201c, betont aber auch die Wichtigkeit des Feindbildes USA f\u00fcr die innenpolitische Ideologie. Eine kritische Stimme aus dem Publikum bei der anschlie\u00dfenden Fragerunde hat ,,Gutes Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass sich die USA nicht an den Verhandlungstisch zwingen lassen\u201c und w\u00fcnscht sich eine differenziertere Sicht vonseiten Kamppeters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch bleibt das Gef\u00fchl, dass der Gastredner relevante Themen ausl\u00e4sst, wenn es um den geopolitischen Umgang mit Nordkorea geht: ein Beispiel w\u00e4ren die massiven Menschenrechtsverletzungen des Nordkoreanischen Regimes an seiner eigenen Bev\u00f6lkerung in mehreren Arbeitslagern. Auch wenn Verbrechen seitens Nordkorea meist in einem h\u00f6heren Ausma\u00df verurteilt werden als beispielsweise die von China, verliert das Thema dennoch nicht an Wichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles in allem zeigt Kamppeters Vortrag Nordkorea von einer Seite, die viele Vorurteile \u00fcber Nordkorea zurecht infrage stellt und entl\u00e4sst die Zuh\u00f6rer mit einem erweiterten Horizont.<\/p>\n<p><u>Titelbild, Foto 1, 2 und 3: <\/u>mit freundlicher Genehmigung von Dr. Werner Kamppeter<br \/>\n<u>Foto 4:<\/u> Leo Schnirring<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht oft bekommt man die M\u00f6glichkeit jemandem zuzuh\u00f6ren, der schon mal in Nordkorea war. 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