{"id":9433,"date":"2017-05-31T00:40:26","date_gmt":"2017-05-31T00:40:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=9433"},"modified":"2021-02-20T14:03:15","modified_gmt":"2021-02-20T14:03:15","slug":"the-good-the-bad-and-the-holy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/05\/31\/the-good-the-bad-and-the-holy\/","title":{"rendered":"The Good, the Bad and the Holy"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\"><em><b>Am 27.05.2017 las die Schriftstellerin Anne Weber beim T\u00fcbinger B\u00fccherfest aus ihrem neuen Roman \u201eKirio\u201c. Das Buch erz\u00e4hlt vordergr\u00fcndig die heitere Geschichte eines eigenwilligen Protagonisten. Noch interessanter ist aber der Erz\u00e4hler.<\/b><\/em><!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eKirio\u201c stellt so einiges auf den Kopf und das gleich in zweierlei Hinsicht. Zun\u00e4chst einmal ist da der Protagonist Kirio, der sich st\u00e4ndig selbst auf den Kopf oder eher auf die H\u00e4nde stellt und darauf naiv wohlt\u00e4tig durch die Handlung stolpert. Schon sein Name verweist auf eine facettenreiche Natur: Die Inspiration dazu komme einerseits vom franz\u00f6sischen \u00abqui rit\u00bb (der lacht), andererseits vom griechischen Kyrios (Das G\u00f6ttliche). Kirio sei \u201eein Heiliger, der gleichzeitig Menschen zum Lachen bringt\u201c sagt Anne Weber. So ist es im Grunde nicht blo\u00df <i>ein<\/i> Buch, was sie da geschrieben hat, denn in den H\u00e4nden der Leser kann es ganz unterschiedlich erscheinen: Als philosophische Fabel, als lustige Anekdote oder, so wie es die Autorin selbst sieht, als \u201emoderne Heiligenlegende\u201c. Sie sei \u201eeinem Menschen begegnet, der ganz ohne Arg- und Bosheit ist\u201c und davon erstaunt gewesen, \u201edass es so etwas noch in Reinform gibt.\u201c Daraus entstand die Idee, sich nicht mit dem B\u00f6sen, das in der Literatur so oft anzutreffen ist, sondern mit dem Guten zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<h3 align=\"JUSTIFY\">Was ist schon normal?<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"JUSTIFY\">Nach einer nicht eindeutig befleckten Empf\u00e4ngnis kommt Kirio zur Welt, der Rest ist Geschichte. Eine Geschichte von Selbstm\u00f6rdern, Trinkern und talentfreien Schriftstellern, von traurigen Gestalten also, die es trotzdem schafft, bis an die Grenze des Ertr\u00e4glichen heiter zu sein.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Schon in der Schule f\u00e4llt auf, dass der Junge irgendwie anders ist. Er schert sich nicht um die verfestigten Strukturen der Gymnasialdidaktik, dekliniert Lateinvokabeln, wie es ihm passt. Sein st\u00e4ndiges Unnormalsein wirft die Frage auf, ob nicht gerade er den Normalzustand des Universums, das Chaos, reflektiere und der ganze Rest unnormal verkrampft sei. In der Heimatprovinz h\u00e4lt ihn in jedem Fall nichts und so beginnt er eine Odyssee durch Frankreich und Deutschland. Es werden geboten: ein bisschen Sex, Naturpanoramen und Gro\u00dfstadtmelancholie in Paris. Dort kommt Kirio, nachdem er in bester Lenz-Manier fernab der Zivilisation <i>durchs Gebirg\u2018<\/i> gestapft ist, an.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9437\" aria-describedby=\"caption-attachment-9437\" style=\"width: 896px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9437 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bild-2-1-1-896x672.jpg\" alt=\"\" width=\"896\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9437\" class=\"wp-caption-text\">Das Publikum dr\u00e4ngte sich in den Schatten der Stiftskirche.<\/figcaption><\/figure>\n<h3 align=\"JUSTIFY\">Wieviel Wunderkind ist zu viel?<\/h3>\n<p align=\"JUSTIFY\">Auf seinem Weg vollbringt er unwissentlich manches Wunder, rettet Jacken vor dem Ertrinken, die Nachbarin vor der Explosion und wird schlie\u00dflich irgendwann so messianisch \u00fcberh\u00f6ht, dass der Leser sich nach moralischer Herabstufung sehnt. Ein Held ohne dunkles Geheimnis, ohne emotionale Hypothek, wer schreibt das heute noch? Vielleicht geht es einem zu gut, wenn man einen lupenreinen Helden langweilig findet. Die Sehnsucht nach Antimoral aber bleibt. Die Fabel des Wunderkinds, das der Welt zeigt, wie verkopft sie doch ist, das ebenso ratlos vor Kapitalismus, wie vor Gewalt steht, wirkt wie schon mal geh\u00f6rt, schlimmer noch: pathetisch. Zum Gl\u00fcck kennt die Autorin das beste Mittel gegen Pathos: Humor, besser noch: Ironie. Mit subtiler Komik gelingt es ihr eventuelle Schnulzigkeit zu kurieren. Sympathisch platte Wortwitze und die vielleicht sch\u00f6nsten Koitusmetaphern (Stichwort: \u201eSeidenritze\u201c) seit Herrmann Hesse oder zumindest seit der <i>Bloodhound Gang<\/i> verhindern das Abdriften in eine kitschige M\u00e4rchenwelt.<\/p>\n<h3 align=\"JUSTIFY\">Wer spricht?<\/h3>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nun stand ja weiter oben das Kopfstellen finde im Falle dieses Romans gleich zweimal statt. Neben der Hauptfigur steht n\u00e4mlich auch der Erz\u00e4hler irgendwie Kopf oder wenigstens nicht fest. \u00dcber das Buch hinweg fragt sich der Leser, wer da zu ihm spricht. Dass der Sprechende es selbst nicht wei\u00df, macht die Sache nicht einfacher, aber interessanter. Nur einem ist er sich sicher: Der Erz\u00e4hler will er nicht sein. Mit einem Ich-Erz\u00e4hler, der keiner sein will und au\u00dferdem sein Ich sucht, hat man es doch eher selten zu tun und so wird die leicht stereotype Geschichte Kirios durch ihren schicken Rahmen doch nochmal spannend. Irgendwo zischen Ich- und Nicht-Erz\u00e4hler d\u00fcmpelt vor sich hin &#8211; ja, wer eigentlich? Die Autorin? Der Leser? Peter Handke? Um das nicht herauszufinden, m\u00fcssen Sie das Buch schon selbst lesen. Ihre Existenz stellt die unbekannte Entit\u00e4t logisch fest. Cartesisch: \u00ab<i>On me pense, donc je suis<\/i>\u00bb (\u201eMan denkt mich, also bin ich.\u201c) Wo sie herkommt oder welcher Natur sie ist bleibt dagegen offen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Sebastian Sauer<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27.05.2017 las die Schriftstellerin Anne Weber beim T\u00fcbinger B\u00fccherfest aus ihrem neuen Roman \u201eKirio\u201c. 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