{"id":9502,"date":"2017-06-05T20:13:04","date_gmt":"2017-06-05T18:13:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=9502"},"modified":"2022-01-14T14:41:57","modified_gmt":"2022-01-14T14:41:57","slug":"lammert-zu-viele-reden-und-zu-wenige-debatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/06\/05\/lammert-zu-viele-reden-und-zu-wenige-debatten\/","title":{"rendered":"Lammert: &#8222;zu viele Reden und zu wenige Debatten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Am Freitagabend feierte das Seminar f\u00fcr Allgemeine Rhetorik sein 50-j\u00e4hriges Bestehen im Festsaal der neuen Aula. Ehrengast war der Pr\u00e4sident des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert. Er sprach zum Thema \u201eReden in der Demokratie\u201c. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre Rhetorik in T\u00fcbingen: 1967 gr\u00fcndete Walter Jens, ein Deutscher Altphilologe und Schriftsteller, das Seminar f\u00fcr Allgemeine Rhetorik in T\u00fcbingen. Seitdem habe sich einiges getan. Die Rhetorik in T\u00fcbingen sei ein europ\u00e4isches Vorreiterprojekt und in seiner vorliegenden Form \u201eein echtes\u00a0 Unikat\u201c, behauptet Monique Scheer, Empirische Kulturwissenschaftlerin. Mit der \u00dcbernahme von Erkenntnissen aus der Linguistik und den Kognitionswissenschaften k\u00f6nne die Rhetorik ihre eigenen Theorien und Analysemethoden aufwerten. Die Technik beeinflusse die Weise, wie Reden gehalten w\u00fcrden. Ted-Talks, Science Slams oder Power-Point-Pr\u00e4sentationen seien neue Ph\u00e4nomene, die es zu untersuchen gelte.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Authentizit\u00e4t pur: der \u201eLammert-Stil&#8220;<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehrengast des Abends ist Norbert Lammert. 2016 wurde die Rede, die er am 3. Oktober in der Semperoper in Dresden hielt, zur Rede des Jahres gek\u00fcrt. Joachim Knape, Rhetorikprofessor an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen, ist Jurymitglied gewesen. Knape findet, wie er in einem SWR-Interview berichtet, dass Lammert einen ganz eigenen Redestil habe. Diese von ihm als \u201eLammert-Stil\u201c bezeichnete Weise des Sprechens, sei \u201estark authentisch\u201c und \u201evermeide Floskeln\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24406\" aria-describedby=\"caption-attachment-24406\" style=\"width: 839px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-24406\" src=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild1-1008x672-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"839\" height=\"559\" srcset=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild1-1008x672-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild1-1008x672-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild1-1008x672-1-90x60.jpg 90w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild1-1008x672-1-420x280.jpg 420w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild1-1008x672-1.jpg 1008w\" sizes=\"auto, (max-width: 839px) 100vw, 839px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24406\" class=\"wp-caption-text\">Anl\u00e4sslich des 50-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Seminars f\u00fcr Allgemeine Rhetorik versammelten sich etwa 700 Menschen im Festsaal der Neuen Aula.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch am Freitag spricht Lammert in einem ruhigen und anhaltend sachlichen Ton. Dabei niemals in eine langweilige Monotonie des Klangs verfallend. Er ist in der Lage Witze zu machen und trotzdem der Sache ihren Ernst zu lassen. So fasst er verschiedene Aspekte zusammen, die eine gute Rede ausmachen w\u00fcrden: Haltung, Gestik, Blickkontakt, Klangfarbe und Betonung. Lediglich sieben Prozent, so das Ergebnis einer Untersuchung, w\u00fcrde der Redeinhalt selbst ausmachen. \u201eIch habe ernsthaft \u00fcberlegt, ob ich heute Abend eine Pantomime vortrage\u201c, meint Lammert, diese Erkenntnisse belustigt zusammenfassend, denn scheinbar sei das Gesagte ohnehin nicht von Bedeutung.<\/p>\n<blockquote>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Rede macht das Debattieren unm\u00f6glich&#8220;<\/h3>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lammert zeigt sich kritisch gegen\u00fcber weit verbreiteten Vorstellungen von demokratischer Rede. Die parlamentarischen Redner, so seine Auffassung, seien nat\u00fcrlich keine Wahrheitsverk\u00fcnder. Nicht \u201eWahrheitsanspr\u00fcche\u201c w\u00fcrden im Parlament geltend gemacht, sondern \u201eInteressen vertreten\u201c. Das Publikum lacht, Lammert wechselt seine Tonlage, spricht lauter und schneller, dabei immer noch deutlich und in sich ruhend: \u201eWenn ich mich an einer Abstimmung beteilige, kann nicht mehr von Wahrheit gesprochen werden\u201c. Denn die Wahrheit, so Lammert, bed\u00fcrfe keiner Abstimmung \u2013\u00a0 Interessen jedoch schon.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24407\" aria-describedby=\"caption-attachment-24407\" style=\"width: 843px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-24407\" src=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild2-1008x672-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"843\" height=\"562\" srcset=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild2-1008x672-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild2-1008x672-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild2-1008x672-1-90x60.jpg 90w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild2-1008x672-1-420x280.jpg 420w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/bild2-1008x672-1.jpg 1008w\" sizes=\"auto, (max-width: 843px) 100vw, 843px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24407\" class=\"wp-caption-text\">Parlamentarische Redner seien keine Wahrheitsverk\u00fcnder, sondern Interessenvertreter, so Lammert. In diesem Lichte seien die Abstimmungen im Bundestag zu betrachten.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Stellenwert der Rede\u201c w\u00fcrde zu einer Bedeutung aufgeblasen, \u201edie der Realit\u00e4t nicht standh\u00e4lt\u201c, so lautet Lammerts kritisches Urteil. Er ist der Meinung, dass in den deutschen Parlamenten an sich \u201ezu viele Reden und zu wenige Debatten\u201c gehalten w\u00fcrden. Die Rede mache das Debattieren unm\u00f6glich, denn viel zu sehr fokussiere sie sich auf das was man selber sagen wolle. Lammert, der in seiner Position als Pr\u00e4sident des Bundestages der wohl elaborierteste Beobachter des deutschen Parlamentes ist, bekundet, dass die Abgeordneten in ihren Reden zu selten auf die Argumente anderer eingingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Albert Einstein fragte einst: \u201eWoher kommt es, dass mich niemand versteht und jeder mag?\u201c \u2013 \u201eder Traum aller Politiker, gerade in Wahlkampfzeiten\u201c, f\u00fcgt Lammert dieser \u00c4u\u00dferung hinzu. Sich auf die anwesenden Wissenschaftler im Publikum beziehend, meint er, dass es ein gro\u00dfer Vorteil der WissenschaftlerInnen sei, dass sie \u201eweder jeder verstehen, noch jeder m\u00f6gen\u201c m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Privileg zu verwenden und richtig zu nutzen, das bleibt Aufgabe der T\u00fcbinger Wissenschaftler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Lukas Kammer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitagabend feierte das Seminar f\u00fcr Allgemeine Rhetorik sein 50-j\u00e4hriges Bestehen im Festsaal der neuen Aula. 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