{"id":962,"date":"2012-10-10T09:00:51","date_gmt":"2012-10-10T09:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=962"},"modified":"2021-02-21T13:44:27","modified_gmt":"2021-02-21T13:44:27","slug":"von-der-emporung-zur-tat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2012\/10\/10\/von-der-emporung-zur-tat\/","title":{"rendered":"Von der Emp\u00f6rung zur Tat"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #004b88;\">Eine Bestandsaufnahme der spanischen Protestbewegung \u2013 mit dem Rucksack <\/span><\/h3>\n<p><strong>Samstagabend, M\u00e4rz 2012. Ein Parkplatz vor einem Freiburger Hotel. Hier stehe ich in der Abendd\u00e4mmerung, mit zwei Rucks\u00e4cken und einer Menge Neugier im Gep\u00e4ck. Wom\u00f6glich ist der Weg bereits das Ziel, denke ich angesichts der turbulenten Fahrt gen S\u00fcden, auf der ich unter anderem Bekanntschaft mit einem schw\u00e4bischen Zahnarzt, einem 17-j\u00e4hrigen Ex-Drogendealer und zwei 90-j\u00e4hrigen Franzosen mache. Doch mein wahres Abenteuer wartet in Spanien&#8230;<\/strong><br \/>\n<em>von Rena F\u00f6hr<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\n&#8230;jenem Land, das nun nicht mehr als Urlaubsparadies, sondern als Wackelkandidat in der Eurokrise bekannt ist. Die Protestwelle, die vor einem Jahr ausbrach, flimmerte auch \u00fcber deutsche Bildschirme: Zehntausende, vor allem junge Menschen, besetzten die gr\u00f6\u00dften \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze, schlugen dort wochenlang ihre Zelte auf. Mit Slogans wie \u201eEchte Demokratie JETZT!\u201c, \u201eWir emp\u00f6ren uns!\u201c und \u201eNimm den Platz ein!\u201c wurde die Bewegung \u201e15M\u201c bekannt, die nach ihrem Anfangsdatum benannt wurde. Doch dann verschwanden die Camps und mit ihnen die Kameras der internationalen Medien. War das schon alles oder findet die Bewegung nun im Verborgenen statt? Wer genau steckt hinter ihr und was sind ihre Ziele?<\/p>\n<figure id=\"attachment_966\" aria-describedby=\"caption-attachment-966\" style=\"width: 229px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/?attachment_id=966\" rel=\"attachment wp-att-966\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-966\" title=\"Aufruhr in der sch\u00f6nen Stadt um die Sagrada Familia | Bild: F\u00f6hr\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/15m-2-e1349279478313.jpg\" alt=\"Aufruhr in der sch\u00f6nen Stadt um die Sagrada Familia | Bild: F\u00f6hr\" width=\"229\" height=\"304\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-966\" class=\"wp-caption-text\">Aufruhr in der sch\u00f6nen Stadt um die Sagrada Familia | Bild: F\u00f6hr<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Chance, diesen Fragen vor Ort selbst nachzugehen, gibt mir die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa mit einem Reisestipendium von 550 Euro \u2013 Bedingung: Ein zehnseitiger Bericht und Belege. Das niedrige Budget st\u00f6rt mich nicht, denn dadurch bin ich zum Gl\u00fcck gezwungen, Land und Leute durch Couchsurfing noch n\u00e4her kennenzulernen.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\">Barcelona: Tourismus- und Protest-Hochburg<\/span><\/h3>\n<p>Meine erste Station ist Barcelona. Ich komme bei einem Schweden unter, von dessen Sofa aus ich das Wahrzeichen der Metropole sehe: Die Sagrada Familia, das ewig unvollendete Lebenswerk von Antoni Gaudi. Die experimentellen Werke des Architekten kann man an vielen Ecken entdecken. In seinem Parque G\u00fcell lasse ich mich auf bunten Mosaiken nieder und genie\u00dfe den Fr\u00fchling.<br \/>\nAber nicht lange, denn mein erster Termin steht bereits an. Bei der Kontaktaufnahme zu Aktivisten habe ich mich auf virtuelle Wege verlassen. Diese f\u00fchren mich nun ins reale Wohnzimmer von Maria Jos\u00e9, einer jungen Frau mit asymmetrischem Haarschnitt und arabischem Tattoo. Sie arbeitet in einer NGO, ist also von der hohen Arbeitslosigkeit nicht betroffen; der Zustand ihres Landes bereitet ihr dennoch Sorgen. \u201eAlle paar Jahre ein Kreuz machen, das verstehe ich nicht unter Demokratie\u201c, stellt sie fest. Erst recht nicht, wenn viele Politiker unter Korruptionsverdacht st\u00fcnden und bei Ausz\u00e4hlungen Manipulationsverdacht aufk\u00e4me. Stattdessen fordert sie direkte Demokratie. Und wie hat sie die Zeit des Zeltens erlebt? \u201eIch habe nie dort geschlafen, da ich ja t\u00e4glich zur Arbeit musste. Direkt danach kam ich zum Camp, brachte Essen und nahm an Diskussionsrunden und Workshops teil\u201c. Man m\u00fcsse sich die Camps wie richtige kleine St\u00e4dte vorstellen, mit Arbeitsgruppen f\u00fcr alles, was es im t\u00e4glichen Leben eben braucht.<br \/>\nInzwischen hingegen hat sich die Bewegung dezentralisiert. In Marias Viertel trifft man sich mehrmals pro Woche, um Aktionen zu planen: Zum Beispiel eine Demonstration f\u00fcr kleinere Schulklassen oder gegen den sofortigen Rauswurf von Familien aus Wohnungen, wenn sie ihre Hypothek nicht abbezahlen k\u00f6nnen. Kurz sp\u00e4ter trudeln ihre Freundinnen ein \u2013 von 22 bis Mitte 30, manche noch im Studium, andere mitten im Arbeitsleben \u2013 und plappern lebhaft drauf los. Und zwar nicht etwa \u00fcber M\u00e4nner oder Mode, sondern \u00fcber anstehende Protestaktionen.<br \/>\nWenige Tage sp\u00e4ter sitze ich in einem kleinen Kombi mit zwei Spaniern, einem Franzosen und einem Hund: Fahrt nach Valencia.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\">Engagement per Motorrad<\/span><\/h3>\n<p>Diese sch\u00f6ne K\u00fcstenstadt lerne ich bald darauf in allen Facetten kennen, vor allem dank dem Sprecher der Ortsgruppe \u201eEchte Demokratie JETZT\u201c, der mich gentlemanlike ins Caf\u00e9 einl\u00e4dt. \u201eIn der Bewegung sind nicht nur junge Leute aktiv. Wie du ja siehst!\u201c, lacht Francesc, ein gut gekleideter Herr Anfang 50. Auch er \u00fcbernachtete nicht im Camp und hatte dennoch eine tragende Rolle: \u201eDa sitzen Tausende Leute beisammen, versuchen alle miteinander zu diskutieren und Pl\u00e4ne zu entwickeln. Das zehrt an den Kr\u00e4ften, da gibt es leicht Streit. Da konnte ich, etwas \u00e4lter und ruhiger, oftmals vermitteln.\u201c<br \/>\nMit seinem Motorrad nimmt mich Fran-cesc in den folgenden Tagen zu mehreren Versammlungen \u00f6rtlicher Aktionsgruppen mit \u2013 und entdeckt dabei verborgene F\u00e4higkeiten als Reisef\u00fchrer. So brausen wir abends vorbei an mittelalterlichen T\u00fcrmen, der futuristischen \u201eCiudad de las Artes y las Ciencias\u201c (\u201eStadt der K\u00fcnste und Wissenschaften\u201c), gelangen schlie\u00dflich zum Hafen und einem breiten, weichen Strand. Dort w\u00fcrde ich gern l\u00e4nger verweilen, aber bald mache ich mich auf in Richtung Hauptstadt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_967\" aria-describedby=\"caption-attachment-967\" style=\"width: 293px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/?attachment_id=967\" rel=\"attachment wp-att-967\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-967\" title=\" Demonstration am Tag des \u201eGeneralstreiks\u201c| Bild: F\u00f6hr\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/15m1-e1349279026341.jpg\" alt=\"Demonstration am Tag des \u201eGeneralstreiks\u201c| Bild: F\u00f6hr\" width=\"293\" height=\"229\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-967\" class=\"wp-caption-text\">Demonstration am Tag des \u201eGeneralstreiks\u201c| Bild: F\u00f6hr<\/figcaption><\/figure>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\">In Madrid fing alles an<\/span><\/h3>\n<p>Diese ist auch bekannt f\u00fcr ihre Prachtstra\u00dfen, Museen und Flamenco, aber auch daf\u00fcr, dass sich dort am 15. Mai 2011 die Protestbewegung entfesselte. Meine Gastgeber sind ein kolumbianisches Geschwisterpaar Mitte 40 und ein deutscher Student namens Christian. \u00dcber ihn lerne ich die 21-j\u00e4hrige \u00dcbersetzungsstudentin Emma kennen \u2013 und bekomme eine ern\u00fcchternde Meinung zu h\u00f6ren.<br \/>\n\u201eEs gab eine Dynamik voller Tr\u00e4ume und Hoffnungen\u201c, erz\u00e4hlt sie. \u201eDoch dann begannen die Leute untereinander zu streiten. Einzelne spielten sich in den Vordergrund, es gab endlose Diskussionen ohne Ergebnisse. Was gut begann, hat mich letztlich\u00a0\u00a0 entt\u00e4uscht. Wie stehte es um ihren Ver\u00e4nderungswillen?<br \/>\n\u201eNaja \u2013 es m\u00fcsste sich alles \u00e4ndern! Das ganze System ist falsch!\u201c Vielleicht sind vor allem ganz junge Menschen so idealistisch, dass sie sich mit kleinen Fortschritten nicht gedulden \u2013 und deshalb weniger h\u00e4ufig in der jetzigen Bewegung vertreten?<br \/>\nDaniel, Mathematikstudent, ist daf\u00fcr ein Gegenbeispiel. \u201eIch war am 15. Mai 2011 noch in den USA, sa\u00df aber wie gebannt vor dem Bildschirm und twitterte wie ein Verr\u00fcckter. Als ich eine Woche sp\u00e4ter nach Hause kam, packte ich meinen Rucksack und machte mich auf dem Weg zur Plaza Puerta del Sol, um dort zu zelten.\u201c Auch heute ist er in der Hochschulgruppe, die aus dieser Zeit entstand,<\/p>\n<figure id=\"attachment_965\" aria-describedby=\"caption-attachment-965\" style=\"width: 286px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/?attachment_id=965\" rel=\"attachment wp-att-965\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-965\" title=\"Die Bev\u00f6lkerung hat genug  | Bild: F\u00f6hr \" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/15m-3-e1349279122428.jpg\" alt=\"Die Bev\u00f6lkerung hat genug | Bild: F\u00f6hr\" width=\"286\" height=\"214\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-965\" class=\"wp-caption-text\">Die Bev\u00f6lkerung hat genug | Bild: F\u00f6hr<\/figcaption><\/figure>\n<p>aktiv, wenngleich er weniger konkrete Erfolge als vielmehr eine Sensibilisierung und erh\u00f6hten Diskussionsbedarf der \u00d6ffentlichkeit bemerkt. Ob Daniels eigene Zukunft in Spanien liegt, ist allerdings ungewiss. Seine Arbeitschancen sind in anderen L\u00e4ndern erheblich besser. So geht es eigentlich allen Studenten, die ich treffe. Auswandern gilt nicht als romantischer Traum, sondern als einziger Ausweg. \u201eArbeit? Gibt\u2018s hier nicht f\u00fcr mich!\u201c, winken sie bei Nachfrage resigniert ab.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #004b88;\">Kaum in Worte zu fassen<\/span><\/h3>\n<p>Drei Wochen sp\u00e4ter stehe ich wieder auf der Plaza de Catalunya in Barcelona. Und vor dem R\u00e4tsel, wie ich die 15M-Bewegung in wenige Seiten pressen soll. Nicht, weil sie inhaltsleer w\u00e4re, sondern weil sie, ganz im Gegenteil, sehr vielf\u00e4ltig ist. Die Welle der Solidarit\u00e4t, die sich gebildet hat, ber\u00fchrt und rei\u00dft mit. Die generellen Strukturen bestehen zwar fort, doch im Kleinen verbuchen die 15M-Leute einige Erfolge. Was die Politik nicht liefert, nehmen sie oftmals einfach selbst in die Hand \u2013 wie zum Beispiel der ehemalige Rechtsanwalt Pablo bei der Konstruktion eines Sozialzentrums in einem leerstehenden, besetzten Haus oder die 35-j\u00e4hrige Inma mit Videoprojekten und Informationstagen zu Umweltschutz. Sie sind diejenigen, die Hoffnung behalten, die f\u00fcreinander und f\u00fcr ihr Land da sind. Oder, wie sie selbst es schlichtweg ausdr\u00fccken: \u201eDe la indignaci\u00f3n a la acci\u00f3n\u201c. \u201eVon der Emp\u00f6rung zur Tat\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Bestandsaufnahme der spanischen Protestbewegung \u2013 mit dem Rucksack Samstagabend, M\u00e4rz 2012. Ein Parkplatz vor einem Freiburger Hotel. 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