{"id":9642,"date":"2017-06-27T23:37:57","date_gmt":"2017-06-27T21:37:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=9642"},"modified":"2017-06-27T23:37:57","modified_gmt":"2017-06-27T21:37:57","slug":"sinnvolle-vielfalt-statt-staubtrockene-optimierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/06\/27\/sinnvolle-vielfalt-statt-staubtrockene-optimierung\/","title":{"rendered":"Sinnvolle Vielfalt statt staubtrockene Optimierung"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\"><em><strong>Schon einmal von der Gruppe \u201eRethinking Economics\u201c geh\u00f6rt? Von Pluraler \u00d6konomik, alternativen Wirtschaftsans\u00e4tzen und der Vorlesungsreihe \u201e\u00d6konomie und das gute Leben\u201c? Es lohnt sich, einen Einblick in diese Bewegung zu bekommen, die Schwung in die so verstaubt und trocken wirkende Wirtschaftswissenschaft bringt. Die zwei VWL-Studierenden von Rethinking Economics, Joscha Krug und Anna-Katharina Kothe, geben ihn uns.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Jeder Mensch versucht f\u00fcr sich allein auf rationale Weise den optimalen Nutzen aus seinen ihm gegebenen Ressourcen zu ziehen \u2013 so eine Grundannahme der Neoklassischen Wirtschaftstheorie. Joscha und Anna-Katharina studieren VWL und wissen, dass diese Theorie eigentlich nur eine unter vielen ist. Trotzdem geht es in ihrem Studium fast ausschlie\u00dflich darum, mit mathematischen Modellen optimalen Nutzen zu erzielen. \u201eIst das schon alles, was das Wirtschaftswissenschaftliche Studium zu bieten hat?\u201c haben sich Joscha und Anna-Katharina wie viele ihrer Kommilitonen zu Beginn des Studiums gefragt und sich der 2012 gegr\u00fcndeten Studierendeninitiative <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/RethinkingEconomics\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eRethinking Economics\u201c<\/a> angeschlossen. Sie engagiert sich f\u00fcr mehr Vielfalt in der Wirtschaftswissenschaft. Als eine der ersten gro\u00dfen Aktionen bietet diese semesterweise Ringvorlesungen im Rahmen des Studium Generale an, dieses Semester mit dem Thema <a href=\"https:\/\/www.uni-tuebingen.de\/einrichtungen\/zentrale-einrichtungen\/forum-scientiarum\/veranstaltungen\/rethinking-economics.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201e\u00d6konomie und das gute Leben\u201c.<\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Warum gibt es euch? Was l\u00e4uft falsch in der Wirtschaftswissenschaft?<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Anna-Katharina: <\/em>Unsere Gruppe wurde aus der Frustration heraus gegr\u00fcndet, wie in der Wirtschaftswissenschaft gelehrt wird. Es gibt so viele verschiedene Str\u00f6mungen, methodische Ans\u00e4tze und Theorieschulen, die alle meistens nicht einmal erw\u00e4hnt werden. Wir setzen uns f\u00fcr mehr Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften ein.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Joscha:<\/em> In den Wirtschaftswissenschaften l\u00e4uft derzeit so viel falsch, dass man keinen PhD in Economics braucht, um den Finger auf die Wunde zu legen. Die Wirtschaftswissenschaft sollte n\u00e4her an der Lebensrealit\u00e4t sein. Stattdessen wird alles in mathematische Formeln gepackt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Anna-Katharina:<\/em> Dabei gibt es viel mehr!<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Joscha<\/em>: Ein gutes Beispiel ist die Komplexit\u00e4ts\u00f6konomik. Bei ihr wird darauf R\u00fccksicht genommen, dass in einem Wirtschaftssystem viele verschiedene Menschen agieren, die verschiedene Pers\u00f6nlichkeiten haben und z.B. unterschiedlich reagieren oder entscheiden. Das kann man mithilfe von Computersimulation darstellen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Eure Ringvorlesung dieses Semester hat das Thema \u201e\u00d6konomie und das gute Leben\u201c: Was ist das \u201egute Leben\u201c? Was hat es mit \u00d6konomie zu tun?<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Anna-Katharina:<\/em> Das Ziel der Ringvorlesung ist es, die Frage nach dem \u201eguten Leben\u201c von verschiedenen Positionen zu beleuchten. Wie so oft in den Sozialwissenschaften gibt es nicht die perfekte Antwort, sondern eine Vielfalt an L\u00f6sungsans\u00e4tzen. Wir haben als Gruppe auch keinen Masterplan nach dem Motto: So retten wir die Welt, so machen wir die perfekte Wirtschaft. Aber wir stehen daf\u00fcr ein, dass es viele Ans\u00e4tze gibt, die alle nebeneinander ihre Berechtigung haben, solange sie akademisch begr\u00fcndet sind.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Joscha<\/em>: Zum Zusammenhang: Meine Definition ist, dass \u00d6konomie dazu dienen sollte, die materiellen Grundlagen f\u00fcr das \u201egute Leben\u201c bereitzustellen.<\/p>\n<div>\n<dl id=\"attachment_9647\">\n<dt>\n<figure style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/eco.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"529\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Schwung in die Lehre der Wirtschaftswissenschaften bringen. Das ist das Ziel von Rethinking Economics.<\/figcaption><\/figure><\/dt>\n<dd><strong>Zwei eurer Redner sind bekannte Vertreter alternativer Wirtschaftsans\u00e4tze: <a href=\"http:\/\/www.postwachstumsoekonomie.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Niko Paech<\/a> (kommt am Mittwoch, 28.06.) mit der Postwachstums\u00f6konomie und <a href=\"http:\/\/www.christian-felber.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Christian Felber<\/a> mit der Gemeinwohl\u00f6konomie. Wie bekommt man solche derzeit gefragten Pers\u00f6nlichkeiten nach T\u00fcbingen?<\/strong><\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Anna-Katharina:<\/em> Rethinking Economics ist langsam schon ein bunter Hund in der Szene, wird anerkannt. Wenn man ein gutes Konzept hat und sagt: Wir sind jung und engagiert und h\u00e4tten gerne SIE! Kommen Sie doch zu uns! Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass sie ja sagen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Joscha<\/em>: Im Laufe der Zeit bilden sich auch Kontakte und Netzwerke. Einer kennt einen, der an jenem Lehrstuhl arbeitet \u2013 dann kann man dar\u00fcber versuchen, die Leute zu bekommen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Ihr werdet n\u00e4chstes Semester ins Modulhandbuch und ins Campussystem aufgenommen. Musstet ihr viel daf\u00fcr k\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Anna-Katharina:<\/em> Naja, mittlerweile kommen tats\u00e4chlich auch Leute auf uns zu. Wir sind sehr dankbar f\u00fcr die Unterst\u00fctzung aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakult\u00e4t. Die Aufnahme ins Modulhandbuch wurde z.B. von ihnen vorgeschlagen. Innerhalb der Uni gibt es aber verschiedene Ansichten dar\u00fcber, wie wichtig diese Bewegung ist. Der ein oder andere Professor macht sich dar\u00fcber lustig und tut uns als diese \u201elinksverstaubte \u00d6kobewegung\u201c ab, aber andere sch\u00e4tzen das wichtiger ein. Diese Kontakte wollen wir nat\u00fcrlich best\u00e4rken.<\/p>\n<div>\n<dl id=\"attachment_9648\">\n<dt>\n<figure style=\"width: 1009px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Joscha-Krug-und-Anna-Katharina-Kothe-7-1009x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1009\" height=\"672\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Joscha und Anna-Katharina erkl\u00e4ren, was in der Wirtschaftswissenschaft fehlt.<\/figcaption><\/figure><\/dt>\n<dd><strong>Hei\u00dft das, dass ihr und die Plurale \u00d6konomik mehr und mehr Unterst\u00fctzung und Zulauf bekommt?<\/strong><\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Joscha<\/em>: Es gibt mittlerweile einen Stamm an Leuten, die wissen, dass es uns gibt und sich auch auf Kooperationen einlassen und uns Ressourcen zu Verf\u00fcgung zu stellen. Auf deutschland- und europaweiter Ebene hat sich schon viel Fortschritt getan, w\u00e4hrend das in T\u00fcbingen noch wenig messbar ist. Wir haben keine Doktorandenstelle f\u00fcr Plurale \u00d6konomik. Aber: Wir sind pr\u00e4sent, stehen hinter dem Thema und bringen das hier ein. Durch uns wird Plurale \u00d6konomik in T\u00fcbingen diskutiert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Was sind eure n\u00e4chsten Ziele und Projekte?<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Anna-Katharina:<\/em> Unser n\u00e4chstes gro\u00dfes Ziel ist die Institutionalisierung, das hei\u00dft, dass Lehrangebote zur Pluraler \u00d6konomik im Bachelor-Studienplan eingebaut werden. Dann g\u00e4be es mehr als die Ringvorlesung, die ja trotz Unterst\u00fctzung seitens der Uni vor allem auf unserer studentischen Initiative beruht und nur im Bereich der Schl\u00fcsselqualifikationen angerechnet werden kann. Konkret wollen wir zun\u00e4chst eine halbe Doktorandenstelle schaffen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Wie realistisch ist dieses Ziel?<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><em>Anna-Katharina:<\/em> Ich w\u00fcrde so argumentieren: Wenn wir auf die Fakult\u00e4t zukommen und das abgelehnt wird, dann muss es sehr triftige Gr\u00fcnde geben. Und Ablehnen w\u00e4re ein Schuss ins eigene Knie. Mein Lieblingsargument ist: Wenn wir die Uni T\u00fcbingen stark machen m\u00f6chten, auch als Hochburg f\u00fcr die Wirtschaftswissenschaften, dann m\u00fcssen wir Schwung in die verstaubte Lehre bringen, dann brauchen wir Innovation. Dann brauchen wir plurale Lehre &#8211; und damit diese Bewegung.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"JUSTIFY\">Neugierig geworden? Die Rethinking-Economics Gruppe trifft sich jeden Donnerstag von 19.00 bis 21.30 Uhr im <a href=\"http:\/\/www.uni-tuebingen.de\/fakultaeten\/wirtschafts-und-sozialwissenschaftliche-fakultaet\/faecher\/ifp\/institut.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Institut f\u00fcr Politikwissenschaft<\/a>. Interessierte aller Fachrichtungen sind herzlich willkommen!<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos<\/span>: Felix M\u00fcller<br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Grafik<\/span>: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/RethinkingEconomics\/photos\/a.245314445578678.49801.243680792408710\/381316685311786\/?type=3&amp;theater\">Rethinking Economics<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon einmal von der Gruppe \u201eRethinking Economics\u201c geh\u00f6rt? Von Pluraler \u00d6konomik, alternativen Wirtschaftsans\u00e4tzen und der Vorlesungsreihe \u201e\u00d6konomie und das gute Leben\u201c? 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