{"id":9837,"date":"2017-07-27T06:45:13","date_gmt":"2017-07-27T06:45:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=9837"},"modified":"2022-01-17T17:27:56","modified_gmt":"2022-01-17T17:27:56","slug":"ich-will-nicht-dass-noch-jemand-stirbt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/07\/27\/ich-will-nicht-dass-noch-jemand-stirbt\/","title":{"rendered":"Ich will nicht, dass noch jemand stirbt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Im Gespr\u00e4ch mit der Kupferblau berichtet Bet\u00fcl, eine Akademikerin aus der T\u00fcrkei, von ihren politischen Erfahrungen. In Folge massiver Repressalien floh sie nach Deutschland. Auf dem Holzmarkt h\u00e4lt sie einmal die Woche eine Mahnwache. Sie will die T\u00fcbinger an die vielen inhaftierten Akademiker, Aktivisten und Journalisten erinnern, die in den t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen sitzen und keine Aussicht auf einen fairen Gerichtsprozess haben.<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch will nicht, dass Nuriye stirbt\u201c. Bet\u00fcl blickt Erkan in die Augen, ihre Stimme wird lauter: \u201eIch will meine Freundin wohlauf sehen. Ich will nicht, dass noch jemand stirbt\u201c. Erkan weicht ihrem Blick aus. Er scheint \u00fcberfordert. Bet\u00fcl und Erkan sind Aktivisten, die sich gegen das \u201efaschistoide System\u201c in der T\u00fcrkei engagieren. Erkan ist in Deutschland geboren. Bet\u00fcl lebt erst seit einigen Monaten in T\u00fcbingen. Sie ist Mitglied der \u201eAcademics for Peace\u201c, einer Initiative, die sich gegen staatliche Repressalien in der T\u00fcrkei einsetzt.<\/p>\n<h3>\u201eEngagiert euch. Politisiert euch.\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Holzmarkt h\u00e4lt sie w\u00f6chentlich eine Mahnwache. Und vor der UniBib versucht sie regelm\u00e4\u00dfig Studierende auf die Probleme in der T\u00fcrkei aufmerksam zu machen. Dabei mache sie die Erfahrung, dass die meisten Studierenden wenig Interesse h\u00e4tten: \u201eSie wenden sich ab und laufen weiter\u201c. Falls sie mit Studierenden in Kontakt kommt, seien dies meist entweder Politikwissenschaftler oder Juristen. Gerade mit jungen Studentinnen hat sie negative Erfahrungen gemacht. So wurde ihr von t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Studentinnen vorgeworfen eine Landesverr\u00e4terin zu sein. \u201eGerade, dass solche Vorw\u00fcrfe von jungen Frauen kommen, macht mich sehr traurig. Ich wurde bezichtigt eine Unruhestifterin zu sein\u201c, so Bet\u00fcl. Anders sei es auf dem Holzmarkt, dort w\u00fcrden die meist \u00e4lteren B\u00fcrger auf sie zukommen, fragen wie sie ihr helfen k\u00f6nnten. \u201eDen Studierenden in Deutschland kann ich nur empfehlen jede Freiheit zu nutzen. Engagiert euch, politisiert euch. Lernen und Pr\u00fcfungen zu bestehen ist nicht alles. Nicht weit von Europa herrscht das blanke Chaos.\u201c<\/p>\n<h3><strong>\u201eKampf gegen Faschismus\u201c <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan darf nicht Beobachter bleiben, der internationale Widerstand gegen den t\u00fcrkischen Faschismus muss erstarken\u201c, betont Erkan. Was heute in fremden L\u00e4ndern geschehe, k\u00f6nne bald auch im Herzen Europas stattfinden, so der junge Mann. Bei der Krisenl\u00f6sung w\u00fcrden zu oft wirtschaftliche Interessen an erster Stelle stehen, dies sei, so Erkan, ein folgenreicher Fehler. Auch als <a href=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/2017\/06\/19\/can-duendar-wir-haben-nur-unseren-willen-zum-widerstand\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Can D\u00fcndar<\/a> vergangenen Monat in T\u00fcbingen zu Gast war, insistierte er auf \u201einternationale Solidarit\u00e4t im Kampf gegen Faschismus\u201c. D\u00fcndar sagte: \u201eFaschismus ist nicht nur ein t\u00fcrkisches, sondern ein globales Problem\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24398\" aria-describedby=\"caption-attachment-24398\" style=\"width: 857px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-24398\" src=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/IMG_20170714_141839-1038x672-1-300x194.jpg\" alt=\"\" width=\"857\" height=\"554\" srcset=\"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/IMG_20170714_141839-1038x672-1-300x194.jpg 300w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/IMG_20170714_141839-1038x672-1-1024x663.jpg 1024w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/IMG_20170714_141839-1038x672-1-768x497.jpg 768w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/IMG_20170714_141839-1038x672-1-93x60.jpg 93w, https:\/\/archiv.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/IMG_20170714_141839-1038x672-1.jpg 1038w\" sizes=\"auto, (max-width: 857px) 100vw, 857px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24398\" class=\"wp-caption-text\">Im Gespr\u00e4ch mit den Passanten auf der Wilhelmstra\u00dfe.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Selbstmord unter Lehrern <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher einmal war Bet\u00fcl Wissenschaftlerin in der T\u00fcrkei. Januar 2016 nahm sie an einer Petition teil, die sich gegen den im S\u00fcdosten den Landes herrschenden B\u00fcrgerkrieg wandte. Die Unterzeichnenden pl\u00e4dierten f\u00fcr eine friedliche L\u00f6sung des Kurdenkonflikts. Weil die 30-j\u00e4hrige an dieser Petition teilnahm, droht ihr in der T\u00fcrkei das Gef\u00e4ngnis. Im Staatsdienst wird sie nie wieder t\u00e4tig sein k\u00f6nnen. Unter anderem, weil die Regierung schwarze Listen f\u00fchrt. Das wurde per Notstandsdekret beschlossen. Wer in solch eine Liste aufgenommen wird, findet in der T\u00fcrkei meist keinen Job mehr. Arbeitgeber wollen mit der Regierung keine Probleme haben, deshalb halten sie sich an die Vorgaben bestimmte Menschen nicht einzustellen. Der Existenzverlust w\u00fcrde viele Menschen in Verzweiflung treiben, sagt Erkan. Er berichtet von 27 ihm bekannten F\u00e4llen, in denen Lehrer, die ihren Beruf verloren Selbstmord begingen. Trotzdem sagt Bet\u00fcl: \u201eIch gebe die Hoffnung nicht auf, wir sind im Recht und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird sich die Gerechtigkeit durchsetzen. Wir m\u00fcssen aber alle weitaus aktiver werden und sehr viel Mut zeigen\u201c. Im Kampf gegen Unterdr\u00fcckung sei das Internet ein wichtiges Medium. \u00dcbers Internet k\u00f6nnten die Menschen sich mittlerweile besser \u00fcber die Lage der T\u00fcrkei informieren als \u00fcber die Zeitungen oder das Fernsehen. Auch Facebook und Twitter spielten dabei eine Rolle, so die junge Doktorandin.<\/p>\n<h3><strong>120 Tage Hungerstreik <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nuriye, die Freundin, von der die Rede ist, ist in der T\u00fcrkei geblieben. \u201eNuriye hat nie an Flucht gedacht\u201c, sagt Bet\u00fcl. Nuriye war eine angehende Wissenschaftlerin, die sich gegen das System Erdogan auflehnte. Die ihren Job verlor, weil sie eine andere Meinung hatte. \u201eSeit 128 Tagen befindet sich Nuriye im Hungerstreik, sie nimmt fast nichts zu sich. Nur Wasser, Salz, Zucker und Vitamin-B1-Pr\u00e4parate\u201c, Bet\u00fcl bei\u00dft auf ihre Unterlippe, verschr\u00e4nkt die Arme, verflucht ihre Ohnmacht. Stille. Erkan r\u00fcckt seine Brille zurecht, versucht etwas zu sagen, holt tief Luft: \u201eWir m\u00fcssen weitermachen. Nuriye w\u00fcrde das wollen, Semih und all die anderen w\u00fcrden das wollen. Wir m\u00fcssen weitermachen, Veranstaltungen organisieren, Bewegungen formieren. Es geht nicht anders\u201c. Bet\u00fcl nimmt einen langen Zug aus ihrer Zigarette, blickt eine ganze Weile lang auf den Boden. Schlie\u00dflich schaut sie Erkan an und sagt, dass sie all das nicht so k\u00fchl betrachten k\u00f6nne wie er: \u201eO benim can arkadasim\u00b4dir\u201c, sagt sie. \u201eCan arkadasim\u201c ist der t\u00fcrkische Begriff f\u00fcr eine Freundin, die einem das Leben bedeutet. \u201eSie ist meine Herzensfreundin\u201c, so k\u00f6nnte man den Satz \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jeder, der noch bestehende demokratische Bewegungen in der T\u00fcrkei unterst\u00fctzen will, kann am 25.Juli im Gemeindehaus Lamm am Marktplatz vorbeischauen. Dort trifft sich das T\u00fcbinger B\u00fcndnis f\u00fcr Solidarit\u00e4t in der T\u00fcrkei.\u00a0 <\/em><\/p>\n<p>Weitere Informationen \u00fcber die Berichte der Menschenrechtskommission: <a href=\"http:\/\/bit.ly\/2vFkSAZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/bit.ly\/2vFkSAZ<\/a><br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Alieren Renkli\u00f6z<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gespr\u00e4ch mit der Kupferblau berichtet Bet\u00fcl, eine Akademikerin aus der T\u00fcrkei, von ihren politischen Erfahrungen. In Folge massiver Repressalien floh sie nach Deutschland. 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