{"id":9853,"date":"2017-07-23T20:00:42","date_gmt":"2017-07-23T20:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kupferblau.de\/?p=9853"},"modified":"2021-02-20T13:57:06","modified_gmt":"2021-02-20T13:57:06","slug":"kein-durchschnittlicher-dr-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.kupferblau.de\/index.php\/2017\/07\/23\/kein-durchschnittlicher-dr-sommer\/","title":{"rendered":"Kein durchschnittlicher Dr. Sommer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Sex: Was ist das eigentlich? F\u00fcr Dr. Christoph Ahlers nichts Geringeres als die intimste Form menschlicher Kommunikation. Zum Semesterende f\u00fcllte die 36. Veranstaltung von Querfeldein e.V. mit dem Berliner Sexualtherapeuten trotz sommerlicher Mittagshitze das Ribingurumu.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christoph Joseph Ahlers freut sich, dass so viele junge Leute sich an einem Freitagmittag wissenschaftlichen Input geben lassen wollten. Ahlers begann in der forensischen Psychologie, kam dann zur klinischen Sexualforschung und schlie\u00dflich zur Paartherapie. In seine Berliner Praxis kommen Leute, die sich um ihre Beziehungen oder ihre Sexualit\u00e4t sorgen. Damit erkl\u00e4rt Ahlers auch gleich seinen Ansatz: Sexualit\u00e4t besteht laut ihm eben nicht nur aus Fortpflanzung und Erregung, sondern als wichtigstem Punkt auch aus K\u00f6rperkommunikation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sex befriedigt, so Ahlers, das psychosoziale menschliche Grundbed\u00fcrfnis, verstanden, akzeptiert und wertgesch\u00e4tzt zu werden. Das gehe auch durch Komplimente oder Auszeichnungen, sei aber nirgendwo so intensiv wie im wortlosen K\u00f6rperkontakt. Beziehungsprobleme\u2014und damit vor allem die Sexualit\u00e4t von Paaren, selbstdiagnostizierte sexuelle Probleme und tats\u00e4chliche Funktionsst\u00f6rungen h\u00e4tten daher sehr oft mit Problemen zu tun, sich auszudr\u00fccken oder die eigenen Kommunikationsbed\u00fcrfnisse \u00fcberhaupt zu verstehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9859\" aria-describedby=\"caption-attachment-9859\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9859 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/17-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9859\" class=\"wp-caption-text\">Das Ribingurumu war trotz Hitzewelle am Freitagmittag gut besucht.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber warum fehlt unserer Gesellschaft so ein Bewusstsein f\u00fcr den Kommunikationsaspekt von Sex? Laut Ahlers ist daf\u00fcr wesentlich die Sexualmoral der katholischen Kirche verantwortlich: Sex dient der Fortpflanzung. Erregung ist allenfalls Nebenprodukt, aber Best\u00e4tigung und Anerkennung gibt es nur im Glauben und bei Gott. \u201eEin bisschen Himmel\u201c k\u00f6nne aber jede und jeder auch unter der Bettdecke erfahren, wenn die sexuelle Kommunikation stimme.<\/p>\n<h3>Himmel und H\u00f6lle liegen nah beieinander<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sexualit\u00e4t kann aber auch die H\u00f6lle sein. Mit einem Teil davon setzt sich Ahlers als Vorreiter auseinander. 2005 startete \u201eKein T\u00e4ter werden\u201c als weltweit erstes Projekt, in dem Menschen, die bei sich p\u00e4dophile Tendenzen entdecken, vorbeugend therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen k\u00f6nnen: feststellen, ob sie wirklich p\u00e4dophil sind, die Neigung als zu ihnen zugeh\u00f6rig akzeptieren und dann Wege finden, wie sie deren Auslebung verhindern. Vorher wurde zwischen t\u00e4tlichem Kindesmissbrauch und einer p\u00e4dophilen Neigung nicht unterschieden. Dabei sei, so Ahlers, nur ein Drittel der T\u00e4ter tats\u00e4chlich p\u00e4dophil, nutzten die Beeinflussbarkeit von Kindern zur Ersatzhandlung. Mittlerweile haben sich schon \u00fcber 5.000 Leute f\u00fcr eine Therapie gemeldet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den Problemf\u00e4llen, die Ahlers allt\u00e4glich in seiner Praxis erlebt, geht der Therapeut humorvoll um: Mit verstellter Stimme f\u00fchrt er Mythen und Einbildungen wie \u201eSamenstau\u201c und den durch Pornographie vermittelten Leistungsdruck ad absurdum. Das gr\u00f6\u00dfte Hindernis einer gelungenen Sexualit\u00e4t sieht Ahlers im Selbstoptimierungszwang unserer Leistungsgesellschaft. Wer im Bett etwas beweisen wolle und wer sich Druck mache, m\u00f6glichst viel auszuprobieren, um ja nichts <em>noch Besseres<\/em> zu verpassen, k\u00f6nne sich nie zwanglos auf den Zauber einer zwischenmenschlichen Begegnung einlassen. Eine gesunde Sexualit\u00e4t sei, wenn nichts m\u00fcsse und man sich der K\u00f6rperkommunikation ergebnisoffen hingeben k\u00f6nne.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9860\" aria-describedby=\"caption-attachment-9860\" style=\"width: 1008px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9860 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kupferblau.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/12-1008x672.jpg\" alt=\"\" width=\"1008\" height=\"672\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9860\" class=\"wp-caption-text\">Ahlers stand dem Moderatoren-Duo und dem Publikum Frage und Antwort.<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Redebedarf zu hei\u00dfen Themen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Moderations-Duo hakt dabei immer wieder kritisch nach, wenn Ahlers steile Thesen bringt. Auch das Publikum kann eine halbe Stunde lang brennende Fragen stellen, naive Dr.-Sommer-Atmosph\u00e4re kam dabei aber nicht auf. Ahlers stellt aber auch klar: Von ihm gibt es keine endg\u00fcltige Weisheit oder Einmischungen, sondern nur Fragen und Problemf\u00e4lle aus seiner Praxis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der unbegrenzte Zugang zu Pornographie sei nicht per se gut oder schlecht, sondern in seinen Langzeitfolgen zu erforschen. Au\u00dferdem brauche es mehr Aufkl\u00e4rung bei jungen Menschen dar\u00fcber, dass Pornos eben nicht echten Sex darstellten, sondern eine zur maximalen Luststeigerung \u00fcberzeichnete sexuelle Fiktion. Polyamore Beziehungen st\u00fcnden oft vor dem Problem, dass sich die Beteiligten nicht verbindlich auf eine Person einlassen k\u00f6nnten, aus Angst, jemand anderen zu verpassen. Mit guter Kommunikation und ohne Zw\u00e4nge k\u00f6nnten sie aber nat\u00fcrlich funktionieren. Monogamie sei aber auch keine naturgegebene Beziehungsform, sondern ein Ergebnis der christlichen Sexualmoral und der anonymisierten Massengesellschaft. Nat\u00fcrlicher sei evolutionsgeschichtlich freie Liebe in Kleingruppen, bei der sich alle um die Kinder k\u00fcmmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Abschluss bedankte sich das Moderationsteam f\u00fcr einen w\u00fcrdigen Semesterabschluss. Auch Ahlers zeigte sich begeistert und spendete sein Honorar an Querfeldein, um weiter solche Veranstaltungen m\u00f6glich zu machen. Wo es mit dem Verein hingeht, ist noch unklar: Der n\u00e4chste Gast steht noch nicht fest, die Moderation machte schon munter Werbung f\u00fcr neue Mitglieder, um Querfeldein am Leben zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> Paul Mehnert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sex: Was ist das eigentlich? F\u00fcr Dr. Christoph Ahlers nichts Geringeres als die intimste Form menschlicher Kommunikation. Zum Semesterende f\u00fcllte die 36. 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