Der zweifelhafte Demokrat

Ein Tübinger Wissenschaftsmonument gerät ins Wanken

Theodor Eschenburg, Pionier der Politikwissenschaft in Deutschland und Gründer des hiesigen Instituts für Politikwissenschaft wird neuerdings angezweifelt. Der Grund: Seine Rolle als „Funktionsbestandteil“ in einer Behörde zu Zeiten des Nationalsozialismus. Doch erst einmal gilt: In dubio pro reo…
von Alexander Link

Vor einem Jahr kam ein Stein ins Rollen, der das Fundament einer Statue erschütterte – der Statue einer Tübinger Ikone. Gemeint ist ein Gründer der demokratischen deutschen Politikwissenschaft und geistiger Wegbereiter, Wächter der deutschen Demokratie: Theodor Eschenburg. 1952 war er am Aufbau des ersten bundesweiten Instituts für Politikwissenschaft in Tübingen beteiligt, dessen erster Direktor er wurde.
2011 kamen neue Aspekte über Eschenburgs Vergangenheit während des Nationalsozialismus ans Licht. Professor Rainer Eisfeld, der schon die Rolle des Raketenbaupioniers Wernher von Braun im NS-Regime kritisch aufzuarbeiten wusste, formulierte schwerwiegende Vorwürfe gegen Eschenburg: Er habe maßgeblich an der „Arisierung” einer Berliner Firma mitgewirkt – diese Vergangenheit aber nie aufgearbeitet.
Diese Vorwürfe führten zu einer Debatte um den Namen der „Eschenburg-Vorlesung”, die jährlich in Tübingen stattfindet, und den alle drei Jahre verliehenen „Eschenburg-Preis” der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW). Darf man diese Namen beibehalten?

Ein Gutachten soll Licht ins Dunkel bringen

 
Zum Sachverhalt des „Eschenburg-Preises“ gab die DVPW ein Gutachten bei Dr. Hannah Bethke, einer Mitarbeiterin des damals amtierenden Vorsitzenden der DVPW, in Auftrag. Sinn des Gutachtens war es laut Dr. Bethke, zu klären, „wie Theodor Eschenburg hinsichtlich seiner Tätigkeit in der NS-Zeit” und deren Aufarbeitung zu bewerten sei und ob man den Preisnamen noch rechtfertigen könne.
Was konnte das Gutachten herausfinden? Eschenburg war zwar von 1933 bis 1934 Mitglied in der SS, trat jedoch nach nur einem Jahr wieder aus – möglicherweise wegen des blutigen „Röhm-Putschs“ der SS im Jahr 1934. Auf jeden Fall wurde Eschenburg hier nicht auffällig. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP besaß er nicht.
Unter der „Arisierung” verstanden die Nazis die systematische Enteignung von jüdischen Personen. Ihr rechtmäßiges Eigentum wurde nach der Enteignung in die Hände „arischer“ Personen transferiert. Die Beteiligung an einem solchen Verfahren wird nun auch Eschenburg vorgeworfen.
Konkret geht es um den Fall des jüdischen Unternehmers Wilhelm Fischbein. Er besaß in den 1930ern einen Kunstharzprodukthandel und war Teilhaber an einer Firma, die ein soge­nanntes Neocell-Verfahren entwickelt hatte. Mit der Vorbereitung der „Arisierung” dieser Firmen hatte  Eschenburg jedoch nichts zu tun gehabt, wie das Gutachten aussagt: „Erst nach diesen Vorverhandlungen und Besprechungen zur „Arisierungsfrage“ taucht der Name Theodor Eschenburg in den Akten auf.“ Also 1938, ein Jahr nach dem Denkanstoß für das Verfahren.
Als Beauftragter der zuständigen Industrie-Vorprüfstelle wurde Eschenburg beratend hinzugezogen. Zunächst empfahl er, man solle das Verfahren „schnell vorantreiben“, da ihm das Neocell-Verfahren als vielversprechender Exportartikel erschien. Im Zuge der „Arisierung“ schlug er auch „arische“ Unternehmen für die Übernahme der Firma vor.

Stand das Fazit des Gutachtens schon vorher fest?

 
Seine zweite Empfehlung: Es sei eventuell „sinnvoll“ dem Geschäftsführer Wilhelm Fischbein den Reisepass zu entziehen, da eine Emigration nicht unwahrscheinlich erschien. Geldgeber aus dem Ausland hätten ihm schon eine Anstellung  angeboten, vielleicht würde der jüdischstämmige Unternehmer dort ein ähnliches Unternehmen aufziehen.
Kurze Zeit später aber änderte Eschenburg – wie ein Protokoll aussagt – seine Meinung. Er empfahl stattdessen, Fischbein doch den Reisepass auszustellen – ihm Auslandsreisen zu erlauben. Ganz offiziell erklärte er, dass der Nutzen größer wäre, wenn Fischbein weiterhin Geschäftsmann bliebe und mit seinen ausländischen Geschäftspartnern verhandeln könne. Eventuell hatte Eschenburg aber lediglich ein schlechtes Gewissen bekommen – dies lässt sich natürlich nicht überprüfen. Das Reichsministerium ließ sich aber nicht mehr umstimmen und nahm dem jüdischen Geschäftsführer die Passunterlagen ab. Dessen Flucht nach England gelang aber dennoch.
Im Fazit des Gutachtens wird zwar erläutert, dass Eschenburg nur als „kleines Rädchen im Getriebe“ des NS-Regimes zu bezeichnen wäre, Dr. Bethke kommt dennoch zur Empfehlung, den Namen des „Eschenburg-Preises“ zu ändern.
In der Begründung der Greifswalder Politologin geht es um die allgemeinere Tatsache, dass Eschenburg „zur Funktionsfähigkeit beigetragen hat und sich auch nach 1945 diesem Teil seiner Vergangenheit nicht gestellt hat.“ Dies reiche schon aus, von einer „nicht geringen Funktion im NS-Regime” zu sprechen.
Professor Dr. Hans-Georg Wehling, Honorarprofessor für Politik in Tübingen, früher Student bei Eschenburg, hegt die Vermutung mangelnder Unvoreingenommenheit beim Gutachten: „Dr. Bethke hat eine gewisse Erwartung  gespürt und dem entsprechen wollen.“ Wehling sieht die Umbennenung des Eschenburg-Preises auf der Grundlage des Gutachtens als nicht gerechtfertigt. Vielmehr geht der Eschenburg-Bewunderer in die Offensive: „Wenn man bedenkt, die ganze Argumentation vorher ist eher entlastend, wie kommt man dann zu diesem Fazit? Diese Arbeit gibt das nicht her.“

Verdienste Eschenburgs nach 1945 bleiben unbestritten

 
Die Politikwissenschaftler sind zerstritten. Befürworter des Preisnamens (Professor Wehling oder auch der ehemalige Mitarbeiter von Eschenburg, Professor Gerhard Lehmbruch) messen dabei insbesondere Eschenburgs Lebenswerk nach 1945 mehr Gewicht bei als seinen Verwicklungen in der NS-Zeit. „Die Frage ist, was gewichten Sie höher?“, fragt Wehling, „die 12 Jahre in schwierigster Zeit im Dritten Reich oder die 54 Jahre, die er in Tübingen wirkte?“
Ebenso führen die Verteidiger Eschenburgs an, man müsse den zeitlichen Kontext beachten, schließlich sei „eine Minimalleistung an Anpassung – selbst wenn man andere Überzeugungen gehabt hätte – notwendig gewesen. Ganz einfach, um zu überleben,“ so Wehling. Die gesamte Kontroverse um den Politologen dreht sich also auch um die Frage, ob er anders hätte handeln können. Skeptisch betrachten die Eschenburg-Befürworter die These aus dem Gutachten, die DVPW sei dafür angreifbar, den Preis nicht „nach jemandem, der Widerstand geleistet hat und Opfer des NS-Regimes geworden ist“ benannt zu haben. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Nur ein Widerstandskämpfer oder ein Opfer der Nazis  hätte  als Namensgeber dienen können. Oder jemand, der nach 1945 geboren wurde. Wehling fasst die Kritik zusammen: „Der Preis ist nicht nach den größten Verdiensten im Widerstand gegen Hitler benannt worden, sondern den Verdiensten als Politikwissenschaftler.“
Die Leistungen Eschenburgs nach 1945 gelten weitgehend als unangefochten. Die Verdienste des „Pioniers“ Eschenburg sind immer noch Tenor in der wissenschaftlichen Community und Zivilgesellschaft.

Der Streit bleibt – die „Eschenburg-Vorlesung“ auch

 
Der Fall der Tübinger „Eschenburg-Vorlesung“ scheint fast geklärt zu sein – obwohl die Veranstaltung letztes Jahr ausfiel. Gastredner Professor Wolfgang Streeck hätte eine Teilnahme an der Vorlesung als Parteinahme in der Kontroverse gesehen. Als Angelegenheit der Uni wird die Veranstaltung wohl weiterhin unter dem Namen stattfinden. Der Grund ist laut Presserklärung, dass man auch weiterhin „an die Verdienste von Theodor Eschenburg um den Aufbau unseres Institutes und die institutionelle Verankerung des Faches“ erinnern will. Aber eine Namensbeibehaltung ist wohl alternativlos – die Vorlesung wird schließlich aus Geldern der Theodor Eschenburg-Stiftung mitfinanziert.
Die Debatte wird hitzig und emotional geführt. In der nächsten Zeit wird diskutiert, ob Theodor Eschenburgs Leistungen nach 1945 am Aufbau von Baden-Württemberg, der deutschen Politikwissenschaft und des kritischen Journalismus‘ höher zu gewichten sind als die Vorwürfe, an einem Arisierungsverfahren beteiligt gewesen zu sein. Egal, wie die Diskussion ausgeht: Der Name „Theodor Eschenburg” hat einen negativen Beigeschmack bekommen.
 
Info:
Theodor Eschenburg
wurde 1904 in Kiel geboren und studierte später Nationalökonomie und Geschichte in Tübingen und Berlin, wo er auch promovierte.
Nach 1945 war Eschenburg „Flüchtlingskommissar” in Württemberg-Hohenzollern und arbeitete bis 1951 als Mitarbeiter des Innenministeriums an der Gründung des Bundeslandes Baden-Württemberg mit.
Ab 1951 lehrte Eschenburg Politikwissenschaft in Tübingen, wo er 1952 als „unbefang­ener” Akademiker – er hatte nicht unter den Nazis gelehrt – zum Gründungsdirektor des Instituts für Politikwissenschaft ernannt wurde. Bekannt wurde er auch für die lange regelmäßig in der ZEIT erschienenen Kolumnen – einer der Gründe, warum man den DVPW-Preis nach ihm benannte: „Man hat gesagt, wir brauchen jemanden, der über das engere Fachpublikum hinaus bekannt und geschätzt ist – und das war Eschenburg“, so sein Schüler Prof. Hans-Georg Wehling.
1999 verstarb Theodor Eschenburg in Tübingen.

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