Mehr als nur billiger Alkohol

Polen liegt im Rennen um das beliebteste Land für das ERASMUS-Semester nicht sehr weit vorn, schließlich wirbt es nicht mit sonnigen Stränden oder südeuropäischer Leidenschaft für sich. Dafür hat es seine eigenen Reize und seine eigene Mentalität, die es sich lohnt kennenzulernen.
Von Hannah Steinhoff

„In Krakau kann man ein Jahr lang jeden Abend in eine andere tolle Kneipe gehen“, sagt meine polnische Freundin Ania Kaminska zu Beginn meines ERASMUS-Aufenthalts. Sie wird ihre Behauptung nicht beweisen können, denn ich bleibe nur ein Semester. Doch nach unseren bisherigen Erlebnissen zusammen habe ich keinen Grund, ihre Worte anzuzweifeln. Da gibt es die Jazzlokale in hohen Kellergewölben, den mit Amnesty-International-Plakaten tapezierten Studententreffpunkt oder die düstere Bar im jüdischen Viertel, deren zweiten Raum man durch einen Kleiderschrank betritt. Und selbst in den Touristenfallen um den Marktplatz herum muss man nicht zu tief in die Tasche greifen, denn die Preise sind niedrig. Doch Polen bietet natürlich weit mehr als nur günstigen Alkohol. Gerade in Krakau begegnet den Besuchern an jeder Ecke ein Stück Geschichte. Graffitis stellen den polnischen Sieg in der Schlacht von Grunewald dar, im ehemaligen jüdischen Ghetto ist Schindlers Fabrik zum Museum umgebaut worden und zum Jahrestag der Erklärung des Kriegsrechts 1981 werden Panzer auf den Marktplatz gerollt. Auch die Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau sind nur eine kurze Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt.

An jeder Ecke ein Stück Geschichte

 
Die Universität bietet eine Reihe an Kursen zur polnischen Geschichte an. Dabei erfährt man unweigerlich auch viel Neues über Deutschland, denn die verwobenen Beziehungen mit unserem Nachbarland damals und heute werden bei uns selten so ausführlich thematisiert.
Die polnische Sprache ist an der Uni kein Hindernis für Austauschstudenten, denn es gibt ein großes Angebot an englischsprachigen Kursen. Viele Studenten machen sich daher gar nicht die Mühe, polnisch zu lernen, zumal der von der Universität angebotene Kurs leider kostenpflichtig ist. Wer sich aber dafür entscheidet, die Sprache zu lernen, entwickelt einen ganz neuen Respekt vor den Polen, die 20 verschiedene Deklinationen des Zahlworts „zwei“ beherrschen.
Ein weiteres Wort gebührt der polnischen Küche. Eine Diät zu machen – oder sich auch nur einigermaßen ausgewogen zu ernähren – ist in Polen sicher nicht einfach. Dazu ist das Essen zu herzhaft, zu lecker und zu günstig. In den sogenannten Milchbars, die noch aus kommunistischen Zeiten zurückgeblieben sind, bekommt man für umgerechnet drei Euro eine sättigende Mahlzeit mit Getränk. Wer deftiges Essen zu schätzen weiß, wird in Polen nicht genug bekommen. Mein Favorit: Pierogi z owocami – Teigtaschen mit Fruchtfüllung.

Das Essen ist herzhaft, lecker und günstig

 
Krakau als Ausgangspunkt für Ausflüge durch Zentralosteuropa kann ich nur bedingt empfehlen. Auch wenn die Entfernungen auf der Landkarte nicht groß aussehen, sorgen langsame Zugverbindungen für lange Reisezeiten. Budapest, Prag und Bratislava sind jeweils eine Nachtreise entfernt. Krakau ist nicht sonderlich gut angebunden, häufig muss man zuerst mit dem Bus nach Katowice fahren, wenn man eine preiswerte Verbindung bevorzugt. Nähere Ziele, wie der berühmte Skisprungort Zakopane oder die Salzminen in Wieliczka, sind jedoch einfach zu erreichen.
Mein Auslandssemester in Krakau nähert sich dem Ende, obwohl ich noch längst nicht alles gesehen habe, von dem meine Freundin Ania Kaminska mir berichtet hat. Mit Polen wird man eben nicht so leicht fertig.

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